Luke Mockridge bei Sat.1 Genialer Quatsch mit Soße

Er servierte Spaghetti Bolognese auf dem nackten Bauch und spielte Zungenküsse aus Musikvideos nach: Luke Mockridge bot bei Sat.1 herzzerreißend komisches Erinnerungs-TV.

SAT.1/ Willi Weber

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Manchmal, in kleinen, kieksigen Überdrehermomenten, klingt er wie ein Streifenhörnchen, das gerade, schon leicht beschwipst, einen Toast ausbringt. "Alkopops!" kräht Luke Mockridge dann leicht übertourig, oder "Schnappi is in the house!", machmal patscht er dabei auch vor Freude in die Hände, und das sieht so reflexhaft und ehrlich entzückt aus, dass man tatsächlich sofort glauben will, dass dieser Mann gerade sehr viel Spaß an seiner eigenen Show hat. Und sich von diesem selten gewordenen Eindruck unerwartet so sehr mitreißen lässt, dass man als grämlich geglotzte Fernsehunke selbst staunen muss.

"Luke! Die 2000er und ich" ist sehr gut gemachte Fernsehunterhaltung. Eine Erinnerungsshow, wie es sie viele gibt im Programm, nur tatsächlich unterhaltsam, weil sie das richtige Mischungsverhältnis hinbekommt aus wohliger Erinnerung und Überraschungsmomenten.

Und weil Luke Mockridge von der ersten Minute an ein echtes, ackerndes Showpony ist, das den zögerlichen Zuschauer sofort mittraben lässt, ihn reinzieht in seinem Anfangsmonolog, Mensch, das Lied "Hey ya" ist jetzt auch schon 16 Jahre alt, gleich mal ansingen, wisst ihr noch, "Die Sims", wer hat das damals auch gespielt, alle mal aufzeigen, und ratterratterquietsch, kennt ihr das noch, das Modemsverbindungsgeräusch, eeekeeeek?

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"Luke! Die 2000er und ich": Eine Show wie eine "Buzzfeed"-Liste

Was er aufführt, ist eine "Buzzfeed"-Liste, aber als Show, das popkulturelle Konfetti, das man nach einem vergangenen Jahrzehnt so aus den Klamotten klopft und auf dem Partyhallenboden zusammenkehrt, eine Zitatpolonaise und eigentlich, ganz simpel, nur ein einziges, endloses "Weißt du noch?" - das als Nummernrevue aber prächtig funktioniert, weil die Show gummigelenkig durch die verschiedenen Formate tollt: Mal singt Mockridge mit Kindern die Crazy-Frog-Melodie (und schafft dabei das seltene Kunststück, im Umgang mit ihnen komplett natürlich zu sein), dann parodiert er mit Max Giermann ikonische TV-Personen und lässt das impro-mäßig spontan wirken. Mockridges Stromberg-Bart hängt auf Halbmast, Giermann muss zwischendurch selbst lachen und brilliert als oktopusarmiger Fuchtel-Restaurantprüfer Rach.

Spaghetti-Bolo auf Nacktbauch

Dinge werden nicht toterklärt und kaputtmoderiert, sondern passieren einfach, und wer die Szene aus "Mitten im Leben" wiedererkennt, bei der Spaghetti-Bolo auf einem Nacktbauch serviert werden, beömmelt sich prächtig.

Nach der Impro-Einlage dann dasselbe noch mal, nur anders: In einem Einspieler wird Luke Mockridge in verschiedene Filme montiert, spoilert als Potter-Mitschüler die Hogwarts-Ereignisse der kommenden Jahre, will als bockloser Hobbit den Ring bei "Bares für Rares" verschachern und bringt in "Der Untergang" Hitler im Führerbunker zum Toben, weil er als Coffee to go organisierender Offizier seinen Sonderwunsch nicht erfüllen kann: "Sorry, Sojamilch war aus, wir sind hier in Berlin-Mitte." Das sitzt. "In Sachen Kaffee ist der Hitler echt ein Nazi", schmollt Soldat Luke.

Mockridge ist längst Retro-Veteran, bei seinem Sender ist er der ewige Rückblicker, obwohl er mit 29 Jahren doch eigentlich viel zu jung für diese Perspektive ist. Die Neunziger hat er in einem Parallelformat schon ausführlich verwurstet, schaut regelmäßig auf die Woche, gelegentlich auch auf das Jahr zurück. Seine Masche besteht darin, nicht Werthers-Echte-onkelig und lehnstuhlauktorial zu berichten, sondern einem beim Zuschauen das Gefühl zu geben, er wäre damals auch dabei gewesen, als man damals im Tequila-Rausch beim Karaoke am "Ketchup Song" scheiterte, als sei er der eine Freund, den man nur zwischenzeitlich vergessen hatte.

Die Dinge im Rückspiegel kommen einem dabei wie immer näher vor, als sie eigentlich sind - und, das vor allem: unkomplizierter, kränkungslos, angstfrei. In Lukes Nullerjahren gibt es keinen 11. September, keinen Tsunami, keine Finanzkrise, er erzählt nicht wie Opa vom Krieg, er ist die Sat.1'sche Sonnenuhr, die nur die heiteren Stunden erinnert.

Luke in Schulmädchenuniformen

Wenn Mockridge zurückschaut, kann man als Zuschauer unbesorgt mitreisen, weil er die Vergangenheit als Safe Space neu erfindet, in dem das Schlimme ausgesperrt wird und es, wenn überhaupt, nur freundliche, harmlose Verstörung gibt. Etwa, wenn er und Faisal Kawusi in Schulmädchenuniformen, von oben aus Gießkannen begossen, an einem portablen Bauzaun mitten auf der Kreuzung in der Rotphase einer Ampel leidenschaftlich züngelnd den berühmten Kuss aus dem "All the Things She Said"-Musikvideo von t.A.T.u. nachstellen.

Darüber kann man dann tatsächlich von Herzen lachen, auch wenn man als Vorbild James Cordens "Crosswalk the Musical" erkennt, in dem der britische Entertainer bei Rotlicht auf der Straße Musicals aufführt. Bei Mockridge sind es ikonische Musikvideos der Neunziger, die er mit so viel Liebe zum Detail reinszeniert - zappelnd im Silber-Igluzelt wie die Red Hot Chili Peppers! -, dass es wirklich Spaß macht, ihm dabei zuzuschauen. Selbst das Nerv-Personal der Nullerjahre, das man damals aufrichtig hasste - Schnappi! Die Fruchtalarm-Blage! Sabrina aus der ersten "Big Brother"-Staffel! - möchte man bei seinen Auftritten nun geschichtsklitterisch gerührt in die Arme schließen.

Unbehaglich wird es in der letzten halben Stunde, wenn Mockridge in Ashton-Kutcher-Manier seine Eltern punk'd und auf einem Privatgeburtstag auftreten lässt, auf dem alte Männer junge Prostituierte betatschen - Szenen, über die man dann plötzlich nicht so richtig lachen kann, weil ihnen die aktualitätsentkoppelte Arglosigkeit des vorherigen Programms fehlt. Man taucht plötzlich wieder auf aus dem gelungenen Eskapismus der vergangenen zweieinhalb Stunden. Und ist schon mal gespannt, ob es Mockridge in zehn Jahren gelingen wird, dem aktuellen Grauensjahrzehnt eine ähnlich gefällige Glitzerschleife umzubinden.



insgesamt 11 Beiträge
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dasfred 27.10.2018
1. Ja, mal was leicht Verdauliches
Ich war angenehm überrascht. Um Klassen besser, als der sonstige Retro-Trash. Aber irgendwann findet auch Sat1 mal was echt Sende-fähiges. Muss ich zwar auch nicht dauern haben, war aber mal ein Lichtblick und hat offensichtlich auch Frau Rützel nicht den letzten Nerv gekostet. Die Rezension zum Frühstück ist natürlich das Beste.
citizen01 27.10.2018
2. Die kreative Schreibe von Frau Rützel ist ein fröhliche Aufmunterung
für den Rest des Tages. So quietschvergnügt wie hier ist sie zwar nicht immer, doch meist lesenswert in ihrer Originalität.
mariomeyer 27.10.2018
3. Yo!
Nach der Hälfte des Artikels abgebrochen. Das klang in der Zusammenfassung schon sehr fad - wer schaut sich so eine Show überhaupt noch an? Da sehe ich lieber Farbe beim Trocknen zu.
ge1234 27.10.2018
4. Schade...
... Frau Rützel, vielleicht sollten Sie, anstatt immer nur zu rezensieren, auch mal "trailern"! Nach Lesen Ihres Beitrags bedauere ich, die Sendung nicht gesehen zu haben!
elisa1 27.10.2018
5.
Lassen Sie sich nicht blenden, die Sendung war weder lustig noch "genialer Quatsch mit Soße". Viel mehr kann ich die kurzen Momente, die ich durch das Zappen meiner Töchter mitbekommen musste, nur als niveaulos und aufgesetzt bezeichnen. Da reicht es auch schon, die armen Gestalten aus den ersten 2000er Jahren wiederzusehen. Es war ein herrliches Beispiel dafür, wie sich Niveau und Gesellschaft seitdem zu Negativen verändert haben.
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