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"M - Eine Stadt sucht einen Mörder": Wien, uns schaudert's

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Serien-Remake von Fritz Langs "M" Österreich frisst seine Kinder

"M - eine Stadt sucht einen Mörder" ist die Neuauflage des Fritz-Lang-Klassikers. Ein Staraufgebot deutschsprachiger Schauspieler arbeitet sich in dieser Serie an der Wiener Wut ab. Absolut sehenswert.

Drei tote Kinder sind in Schneegräbern an der Donau begraben, der Regen und der Tau legen langsam ihre Leichen frei. Wer immer sie unter dem Schnee verbuddelt hat, stellte auch drei Kreuze auf. "Ein christlicher Kindermörder", sagt ein Polizist nach dem Fund der Leichen und klingt dabei fast gerührt.

Ein Kindermörder, so kann man hinzufügen, mit klassischer Bildung: Wo in dem perfide puppenstubenhaften Wien dieser Thriller-Serie der Schatten des "Kinderverzahrers" auftaucht, wird "Peer Gynt" gepfiffen.

Das Grundmotiv aus Edvard Griegs Suite war auch die Klangsignatur der Serienmörderfigur, die Peter Lorre in Fritz Langs Filmklassiker aus dem Jahr 1931 verkörperte. Langs erster Tonfilm war in vielerlei Hinsicht bahnbrechend: Er stellte erstmals die Psychologie eines Triebtäters ins Zentrum eines Films, und er führte vor, wie eine Gesellschaft unter (gar nicht so erheblichen) innerem Druck sich zu einem totalitären Überwachungsapparat umbauen lässt. Psychothriller und Faschismusprognose, Langs Werk war beides in Perfektion.

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"M - Eine Stadt sucht einen Mörder": Wien, uns schaudert's

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Was heißt es eigentlich, wenn sich das aktuelle deutschsprachige Fernsehen immer wieder bei Kino-Vorbildern aus der Zeit der Weimarer Republik bedient? Ähnelt unsere heutige Gesellschaft in ihren Erosionserscheinungen der von damals? Eine schwierige Frage, an der sich aktuelle Fernsehproduktionen derzeit abarbeiten.

Bereits die Mammutserie "Babylon Berlin" griff Motive des frühen deutschen Kinos der Angst von Caligari bis Mabuse auf und ließ aus dem Berlin der späten Zwanzigerjahre deutsche Gegenwart durchschimmern. Mit der österreichisch-deutschen Co-Produktion "M - eine Stadt sucht einen Mörder", die am Dienstag auf der Berlinale Uraufführung feierte, wird nun gleich ein ganzer Klassiker der Ära als Serien-Remake neu aufgelegt.

Politik und Unterwelt arbeiten Hand in Hand

Der österreichische Fernsehvorreiter David Schalko ("Altes Geld") verlegt die Geschichte zwar vom Berlin der Dreißiger ins Wien einer hochverdichteten, theatral erhöhten Gegenwart, doch die beschriebenen gesellschaftlichen Mechanismen gleichen sich: Aus der Paranoia schlagen verschiedene gesellschaftliche Kräfte Kapital, ohne die üblichen Verhandlungsapparate heranzuziehen. Man einigt sich quasi außerdemokratisch.

Da ist zum Beispiel der junge, gelackte Innenminister (Dominik Maringer), der Telefonate gerne nackt vor dem Spiegel führt und alle Attribute rechtspopulistischer Politiker aufweist, die in Österreich sarkastisch als Feschismus zusammengefasst werden. Der Minister instrumentalisiert die Angst, um eine repressive Flüchtlingspolitik und ein neues Sicherheitspaket durchzuboxen. Da ist der Medienmogul (Moritz Bleibtreu), der mit erpressten Geständnissen und falschen Meldungen die öffentliche Stimmung anheizt. Und da ist die Gangsterkönigin (Sophie Rois), die durch den Aufruhr ihr Business bedroht sieht und deshalb mithilfe rumänischer Bettler eine Treibjagd organisiert.

Feschismus, Fake-News, Flüchtlingspolitik: Autor und Regisseur Schalko baut daraus eine Mörderjagd, die sich nicht den Regeln des aktuellen Serienfernsehens unterwirft. Sozialer Realismus interessiert ihn so wenig wie psychologisches Identifikationspotenzial. Selbst die Opfer-Eltern wirken in ihrer Trauer egoistisch motiviert. Ein Land frisst seine Kinder.

Spiegelkabinett des Opportunismus

Schalkos "M"-Version ist eine bewusst artifiziell inszenierte Schauermär mit Müttern, die ihre Babys vergiften und zu jeder Grausamkeit bereit scheinen, und Vätern mit erstaunlichem Desinteresse an der Familie. Und doch ist die Serie dem Lang-Klassiker, der seinerzeit ja auch nach einer Phase expressiver Licht-und-Schatten-Kinematografie für seine neue Sachlichkeit gefeiert wurde, im Kern sehr nah. Die Film-Essayistin Frieda Grafe arbeitete einst heraus, dass Lang im Dekor immer wieder den Blick des Täters reflektiert. Mit solchen Spiegeleffekten arbeitet auch Schalko.

Die Wiener Wut, die sich durch die malerischen Gassen der Stadt ergießt, wird von Interessengruppen gelenkt. Jeder weiß hier jederzeit, weshalb er was tut. Schalkos mit Luftballonverkäufern, Schaustellern und Bettlerbanden bevölkertes, blutiges Miniaturwunderland-Wien funktioniert wie eine Art Spiegelkabinett des Opportunismus.

Die sechs Millionen Euro Produktionskosten der sechs einstündigen Folgen teilte sich der Österreichischen Rundfunk mit dem RTL-eigenen Streamingdienst TVnow. "M" soll bis auf Weiteres die einzige Eigenproduktion des abopflichtigen TVnow-Programms sein, wo sonst Bügelfernsehformate nach Art des RTL-Senderverbunds abzurufen sind.

Dass sich die TVnow-Kundschaft nach einer Folge "Temptation Island" oder "Grey's Anatomy" noch auf die Szene einlassen mag, in der Sophie Rois als Rotlichtunternehmerin eine Sexarbeiterin zur Bestrafung zur Fellatio an einem Kaktus zwingt, ist nicht anzunehmen. Wir wünschen dieser Serie ein großes Publikum; wo sie es finden soll, bleibt uns schleierhaft.

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