Fotostrecke

Europäische TV-Landschaft: Auf der Suche nach guten Serien

Foto: LUCY NICHOLSON/ REUTERS

Fernsehen Warum sind deutsche Serien so mies?

Ob "Mad Men", "The Wire" oder "Game Of Thrones": Herausragende TV-Serien kommen fast ausnahmslos aus den USA. Im Interview erklärt der Medienforscher Lothar Mikos, wieso das deutsche Fernsehen so lahm ist - und wie unsere Sender den Tod durch Langeweile abwenden können.

SPIEGEL ONLINE: Herr Mikos, Sie richten am Erich Pommer Institut in Babelsberg erstmalig ein "European TV Drama Series Lab" für Fernsehmacher aus, um die Produktion von hochwertigen Serien in Europa voranzutreiben. War der Leidensdruck der Zuschauer so groß?

Mikos: Nein, die Nachfrage kam eher von Seiten der Kreativen. 2010 haben wir einen Workshop für deutsche Fernsehdrehbuchautoren ausgerichtet und dort die Arbeitsstrukturen der US-Serien vorgestellt - also das gemeinsame Schreiben im Writers' Room und die Funktion des Showrunner, der die Serie kreativ verantwortet. Diese Strukturen sind auch auf europäischer Ebene kaum verbreitet. Deshalb erschien es uns sinnvoll, das Seminar international auszurichten.

SPIEGEL ONLINE: Was für einen Unterschied machen Writers' Room und Showrunner genau?

Mikos: Die meisten deutschen Serien schreibt ein einziger Autor. Das hat zwei Nachteile: Niemand geht noch mal über die Bücher. Und es gilt der Anspruch, der Autor schaffe ein Kunstwerk. Aber Kunst ist nicht zwingend gutes Fernsehen. Im Writers' Room dagegen ergänzen sich die Autoren. Nicht jeder kann sowohl gut Dialoge schreiben als auch Geschichten entwickeln. Der Showrunner hält das Ganze zusammen und ist das Verbindungsglied zum Sender. So entsteht eine im Vergleich zur deutschen Produktionsweise hierarchischere Struktur, die aber gleichzeitig mehr Teamarbeit erfordert.

SPIEGEL ONLINE: Lassen sich die US-Strukturen denn auf Deutschland übertragen?

Mikos: Das ist auch eine Frage des Budgets: Ein einzelner Autor ist einfach billiger als ein Team. Wenn höhere Qualität aber ein größeres Budget wieder einspielt, hat sich die Investition gelohnt. Gerade die Öffentlich-Rechtlichen, die einen Qualitätsauftrag haben, sollten für solche Modelle offener sein.

SPIEGEL ONLINE: Um europäische TV-Serien steht es im Vergleich zu den USA schlecht. Wie groß ist das Interesse hiesiger Sender und Produktionsfirmen an einer stärkeren Vernetzung und Professionalisierung?

Mikos: Von Produzentenseite aus stoßen wir auf großes Interesse. Autoren berichten uns aber, dass es in den Sendern Widerstände gibt, nach dem US-Modell zu arbeiten. Was deren Interessen sind, weiß man nie so genau - außer mit möglichst wenig Aufwand und Diskussionen die Budgets zu verteilen und dabei ein einigermaßen vernünftiges Programm hinzubekommen. Innovativ sind Sender eher selten.

SPIEGEL ONLINE: Bereiten Sie dann im "TV Drama Series Lab" Sachen vor, an denen die Sender gar nicht interessiert sind?

Mikos: Nein, "Borgia" zum Beispiel, die hier im ZDF lief, ist bereits nach US-Prinzipien entstanden und sehr erfolgreich gelaufen. Je mehr es solche Erfolge gibt, desto größer wird die Bereitschaft der Sender sein, sich stärker auf diesem Feld zu engagieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich den Erfolg von "Borgia"?

Mikos: Hier wurde erkannt, dass man auf internationale Co-Produktion setzen muss, um die Budgets für wirklich hochwertiges Fernsehen zu stemmen. Der Showrunner von "Borgia", Tom Fontana, kam übrigens aus den USA.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es mit den Stoffen aus? Kann sich Europa inhaltlich nur auf Geschichte einigen?

Mikos: Nein, dieselbe Produktionsfirma, die "Borgia" gemacht hat, hat auch "Transporter", eine Action-Serie, die RTL co-finanziert und die ein ähnliches Budget zur Verfügung hat, angeschoben - allerdings ist die Produktion inzwischen gestoppt worden. Die meisten skandinavischen Krimis - von "Wallander" bis zur "Millennium"-Trilogie - sind übrigens auch sehr erfolgreiche Co-Produktionen.

Geld hilft - reicht aber nicht allein

SPIEGEL ONLINE: Kann man überhaupt von einem europäischen TV-Markt sprechen oder haben wir nur nationale Märkte?

Mikos: Aus der Binnensicht heraus dominieren die nationalen Märkte. Von den USA aus betrachtet, stellt sich Europa schon als einheitlicher Markt da, an den man seine Serien verkaufen kann. Ich sehe aber die Spaltung woanders: Das Publikum in Europa teilt sich auf in eine ältere Generation, die nationale Produkte goutiert, und in eine jüngere Generation, die fast komplett mit US-Serien aufgewachsen ist und andere Erzählweisen schätzt. Es ist ja kein Zufall, dass die starken US-Formate in Deutschland fast ausnahmslos auf Privatsendern zu sehen sind - weil hier die jüngeren Zuschauer einschalten. Bei ARD und ZDF laufen hingegen vor allem traditionell erzählte Produktionen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen die öffentlich-rechtlichen Sender in Europa bei der Förderung - oder Verhinderung - von innovativem Fernsehen?

Mikos: Das lässt sich nicht pauschal für den ganzen Kontinent sagen. Der gesamte deutsche TV-Markt ist nicht besonders innovationsfreundlich. In Schweden sieht das anders aus - da sind die Öffentlich-Rechtlichen an diversen interessanten Co-Produktionen beteiligt.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist der deutsche Markt so starr?

Mikos: Er steht nicht unter Innovationsdruck. Das ist das Erstaunliche: Obwohl Deutschland der größte Fernsehmarkt in Europa ist, bringt er sehr wenig innovative Formate - sowohl aus dem fiktionalen als auch dem nonfiktionalen Bereich - hervor. Schweden oder Holland sind da viel kreativer, was höchstwahrscheinlich an wirtschaftlichen Faktoren liegt. Kleinere Länder können nicht die Budgets für hochwertige Produktionen stemmen und sind auf Co-Produktionen angewiesen. Deutschland ist groß genug, dass es sich im eigenen Saft wälzen kann.

SPIEGEL ONLINE: Woher soll weiterer Druck auf die deutschen Sender denn kommen? Jüngere Zuschauer üben ihn zumindest bei ARD und ZDF schon aus, indem sie sich massenhaft abwenden.

Mikos: Druck entsteht zum Beispiel durch sinkende Budgets, so dass die Sender gezwungen sind, sich international zu orientieren und mehr Co-Produktionen anzuschieben. Das wird auch passieren, denn die wachsende Zahl der Digitalsender lässt die Marktanteile schrumpfen - und damit die Werbeeinnahmen. Zum Vergleich: Für "Borgia" stand ein Budget von rund drei Millionen Euro pro Folge zur Verfügung - das ist fast doppelt so viel wie für einen "Tatort".

SPIEGEL ONLINE: Heißt mehr Geld denn automatisch mehr Qualität?

Mikos: In gewisser Weise schon. Bei historischen Stoffen ist allein die Ausstattung sehr teuer. Natürlich geht es auch nur mit guten Ideen. Aber professionell zu arbeiten, reicht in der Regel nicht mehr aus. Serien wie "Um Himmels Willen" oder "In aller Freundschaft" sind ja überaus professionell gemacht. Unter hochwertigem Fernsehen stelle ich mir etwas anderes vor.

SPIEGEL ONLINE: Die Überlegenheit der USA bei der Serienproduktion ist ein vergleichsweise junges Phänomen. Was hat diese Entwicklung begünstigt?

Mikos: Zwei Trends: Die Kabelsender in den USA haben erkannt, dass sie selber Sendungen produzieren müssen, um exklusive Inhalte bieten zu können. Und die Pay-TV-Sender wie HBO und Showtime haben angefangen, Serien für ihre Abonnenten herzustellen. In Deutschland wurde im Pay-TV hingegen vor allem auf Sport und Spielfilme gesetzt - eine Fehleinschätzung, wie sich gezeigt hat. Immerhin hat Sky 2011 angekündigt, jetzt auch zwei Serien in Auftrag zu geben.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie die Digitalableger von ARD und ZDF? Können Sender wie ZDFneo das Innovationsdefizit wettmachen?

Mikos: Aufgrund ihrer begrenzten Reichweite können die Digitalsender nur Experimentierfelder und Zweitverwertungsplattformen sein. Einen richtigen "Ausgleich" zum Hauptprogramm werden sie nicht leisten können.

SPIEGEL ONLINE: Sie unterrichten auch an Filmhochschulen. Was gucken Ihre Studierenden?

Mikos: Kaum noch deutsches Fernsehen, sondern vor allem amerikanische Produktionen. Und zwar auf allen verfügbaren Wegen, meist schon kurz nach der US-Ausstrahlung im Netz.

SPIEGEL ONLINE: Kann das deutsche Fernsehen die noch als Zuschauer für sich gewinnen - oder sind sie schon verloren?

Mikos: Zu spät ist es nie. Ich halte das aber nicht für eine Frage des Willens, sondern des Könnens: Schafft man die Rahmenbedingungen für Qualität? Stimmt das Budget? In Krisenzeiten wird das noch schwieriger. Die Öffentlich-Rechtlichen zergliedern sich gerade bei ihren Aufgaben, gleichzeitig werden die Gebühren in absehbarer Zeit nicht steigen. Folglich bleibt ARD und ZDF nur das Schicksal aller großen Institutionen: weniger Geld für Programme, mehr Geld für Verwaltung.

SPIEGEL ONLINE: Stehen die Privaten besser da?

Mikos: Auf die Gegenüberstellung von Öffentlich-Rechtlich gegen Privat möchte ich das nicht zuspitzen. Schlechtes Fernsehen gibt es auf allen Kanälen und in allen Ländern.

Das Interview führte Hannah Pilarczyk

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.