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"Mad Men"-Finale: Die Heldenzeit ist vorbei

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Zum Finale von "Mad Men" Breaking Mad

Wenn am Sonntag in den USA die letzte Folge von "Mad Men" läuft, endet nicht nur eine Serie, sondern ein strahlendes Kapitel TV-Geschichte. Die Zeit der großen welterklärenden Serien und ihrer heldenhaften Antihelden ist vorbei.

Er fiel schon immer. Durch die Schluchten der Wolkenkratzer, durch die Versprechungen der Warenwelt. Die schwarze Männersilhouette, die im Vorspann der Serie "Mad Men" ein ums andere Mal ihren Absturz erlebt - von Anfang an war sie als Platzhalter für die Hauptfigur Don Draper erkennbar.

Wenn am Sonntagabend in den USA die letzte Folge von "Mad Men" läuft, dann ist aber nicht klar, ob Don so wie die Figur aus dem Vorspann in allerletzter Sekunde doch noch sicher im Bürosessel mit einer brennenden Zigarette in der Hand landet - oder ob er aufschlagen wird. Auf der Straße, tödlich. Was jedoch klar ist: Mit "Mad Men" endet eine Ära, die zu Recht als "drittes goldenes Zeitalter des Fernsehens" bezeichnet worden ist.

Als "Mad Men" 2007 startete, war dieses goldene Zeitalter zwar schon angebrochen: HBO hatte mit den "Sopranos", "Six Feet Under" und "The Wire" bereits drei Klassiker der neuen Ära produziert. Doch erst mit "Mad Men" erreichte der Kabelsender AMC die kritische Masse. Anspruchsvolles serielles Erzählen war nicht mehr auf einzelne Formate, geschweige denn einzelne Kanäle beschränkt. Es hatte sich zum dominanten popkulturellen Produkt des neuen Jahrtausends gewandelt - und zum großen Wachstumsmarkt.

Die Zahl fiktionaler Prime-Time-Formate wuchs um 683 Prozent

Seit dem Anbruch des dritten goldenen Zeitalters ist die Zahl der neuen Serien ins Unübersichtliche gestiegen: In den USA sind laut dem Sender FX 2014 über 350 neue Formate gestartet. Nach Auswertungen des "New York Magazine" hat sich die Zahl der fiktionaler Prime-Time-Formate in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Seit 2007, dem Startjahr von "Mad Men", hat sie sich verdreifacht, seit der Jahrtausendwende ist sie sogar um unglaubliche 683 Prozent gewachsen. Die Folgen, die der Boom der Qualitätsserien mit sich gebracht hat, sind immens: Mit Hulu, Netflix und Amazon sind neue Vertriebs- und Ausstrahlungswege entstanden, die durch die Digitalisierung ernsthafte Ansprüche auf globale Relevanz erheben können.

Mit der Streuung der Serien ist gleichzeitig auch eine Zuspitzung einhergegangen: Die besten Fernsehserien haben den Status von "Prestige-TV" erreicht. Sie sind Sendungen, mit deren Konsum man auf Partys angeben kann, die Anspruch und Avanciertheit signalisieren - schließlich hat man sich "The Wire" schon vor Jahren im Netz auf Englisch angesehen, lang bevor es eine deutschsprachige DVD-Box gab.

"Mad Men" verkörpert den Wandel von Serien zu "Prestige-TV" stärker als alle anderen Formate zuvor, denn der riesige popkulturelle Einfluss der Serie stand nie in einem Verhältnis zu ihren bescheidenen Einschaltquoten. Mit Zahlen ließen sich die Eruptionen, die von den neuen Qualitätsserien ausgingen, eh nie bemessen, so groß war die anfängliche Überraschung, dann die wachsende Begeisterung von Kritikern und Publikum, was diese Serien zu leisten vermochten.

Jahre des menschlichen Verschleißes

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Ende von "Mad Men": Mit Don Draper durch Manhattan

Foto: Thanassi Karageorgiou /Museum of the Moving Image

Sie erzählten von der Komplexität, den Zumutungen und den Widersprüchlichkeiten modernen Lebens, wie es zuvor nur große Romane vermocht hatten. Sie waren Erkundungen der condition humaine (oder besser gesagt der condition americaine) wöchentlich und über halbe Jahrzehnte hinweg, in 90 mal 50 Minuten.

"Ich bin immer davon ausgegangen, dass 'Mad Men' die Erfahrung widerspiegelt, wie es ist, als Mensch sein Leben zu leben", hat "Mad Men"-Schöpfer Matthew Weiner im Gespräch mit dem US-Journalisten Brett Martin gesagt. Martin hat Männern wie Weiner mit seinem Buch "Difficult Men" von 2014 ein kleines Denkmal gesetzt.

In ausführlichen Interviews mit David Chase ("The Sopranos"), Vince Gilligan ("Breaking Bad"), David Simon ("The Wire") und Matthew Weiner zeichnet Martin das Bild einer Handvoll überaus starrköpfiger Männer, die längst wussten, dass sie serielle Meisterwerke schaffen würden. Der härteste Teil ihrer Arbeit bestand vielmehr darin, auch die Sender von ihrer Genialität zu überzeugen.

Als das gelungen war, folgten Jahre kreativer Höchstleistungen - und Jahre menschlichen Verschleißes. Bis auf Gilligan und Alan Ball ("Six Feet Under") scheinen die Star-Showrunner tatsächlich so schwierig zu sein, wie es Martin in seinem Titel andeutet. Dauernd wurden Autoren gefeuert oder ihnen Bewährungsfristen gesetzt, die de facto schon vor ihrem Beginn abgelaufen waren.

An Martins Bewunderung für diese Männer scheint das nichts geändert zu haben. Dennoch war ihm wohl klar, dass er mit seinem Buch an der Historisierung einer kreativen Ära arbeitete, die sich schon wieder ihrem Ende näherte. Das Schlusskapitel von "Difficult Men" überschrieb Martin mit dem Vince-Gilligan-Zitat "Endings are the hardest part". Der kometenhafte Aufstieg der Showrunner aus den Hinterzimmern der Produktionsfirmen in die A-Lists der Branche war längst gestoppt.

Ausgerechnet dem Sender AMC, bei dem Weiner und Gilligan eine Heimat für ihre Meisterwerke gefunden hatten, waren diese Männer zu schwierig geworden. Die Redakteure, die bei AMC "Mad Men" und "Breaking Bad" verantworteten, arbeiten dort allesamt nicht mehr. Matthew Weiner hatte zudem sein Blatt mit Budgetforderungen, die im Vergleich zu veritablen Quotenbringern wie "The Walking Dead" völlig unangemessen wirkten, komplett ausgereizt.

Ein Erzählmodell, das aus der Zeit gefallen ist

Für die Männer, die durch ihre Antihelden selber zu Helden wurden, scheint es keinen glücklichen second act zu geben. "Würden Sie 'Better Call Saul' gucken, wenn Sie nicht 'Breaking Bad' vermissten?", sagte vor Kurzem die TV-Kritikerin des "New Yorker" über Vince Gilligans Spin-off-Serie. Es war eine rhetorische Frage.

Vom 68-jährigen David Chase ist keine weitere Serie zu erwarten - laut Brett Martin soll er sowieso die meiste Zeit, in der er an den "Sopranos" gearbeitet hat, darüber gejammert haben, was für tolle Filme er stattdessen hätte drehen können. HBO gönnte David Simon mit "Treme" im Anschluss an "The Wire" ein Herzensprojekt über den Wiederaufbau von New Orleans nach Hurrikan "Katrina". Mit einer dritten und dazu noch verkürzten Staffel fand "Treme" jedoch sein vorzeitiges Ende.

Nur Alan Ball scheint zwei herausragende Serien in sich gehabt zu haben: Nach "Six Feet Under" bescherte er HBO mit dem smarten Camp-Spektakel "True Blood" einen Quotenhit. Als er nach der fünften Staffel als Showrunner ausstieg, fiel das Niveau der Serie spürbar ab. Seitdem puzzelt er ohne größeres Aufsehen an der Krimiserie "Banshees" herum.

Der Zuschauer ist der Welterklärungen überdrüssig

Mit den A-List-Showrunnern ist aber auch ein Erzählmodell aus der Zeit gefallen. Vor zehn Jahren war man noch überrascht, dass man sich mit einer Fernsehserie die Welt erschließen konnte. Mittlerweile ist der durchschnittliche TV-Zuschauer nicht nur darauf vorbereitet, dass eine Serie Welterklärungsanspruch erhebt - er ist dessen bereits überdrüssig.

Keine der Serien, die wie "Mad Men" das Sittengemälde einer bestimmten Zeit bieten wollen, hat einen ähnlichen Erfolg: Einblicke in den Beginn des atomaren Zeitalters, wie sie "Manhattan" bietet? Das große Epos über die Nachwirkungen des Kalten Krieges, wie es "The Americans" erzählt? Alles weit unter dem Radar.

Was folgt nun auf das dritte goldene Zeitalter und seine schwierigen Männer? Vor allem kleinteilige, vom Anspruch wie vom erzählerischen Ausschnitt her höchst fokussierte Serien, wie sie Lena Dunham mit "Girls" etabliert hat.

Schon 2012, als ihre nervöse Zeitgeist-Comedy startete, formulierte sie den Gegenanspruch zu den großen Männerserien. Sie müsse nicht die Stimme einer Generation werden, ließ Dunham ihre Hauptfigur Hannah Horvath bereits in der ersten Folge sagen. Eine Stimme einer Generation zu werden, würde auch reichen.

In diesem Moment begann die Zeit nach den Helden.

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