Maischberger-Talk Markus Söder und "die Bewahrung der Schöpfung"

Bayerns Ministerpräsident Söder bekräftigt seinen U-Turn vom rechten Rand zum Umweltpolitiker. Eine Kanzlerkandidatur für die Union schließt er beim Speed-Talking unter Meinungsmatadoren jedoch definitiv aus.

Söder bei Maischberger: "Grün oder nicht grün"
Melanie Grande/ WDR

Söder bei Maischberger: "Grün oder nicht grün"

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Sandra Maischberger hat's eilig. Mit Blick auf die Uhr würgt sie ein Gespräch ab ("Ich habe so viele Fragen dazu!"), einem anderen gewährt sie Verlängerung: "Ich schaffe immer nie alle Themen, muss aber trotzdem fragen!"

Eigentlich bräuchte diese Sendung mehr Zeit, viel mehr Zeit, so zwei bis drei Stunden, vielleicht auch vier, dann wäre noch Platz für Lieder. Ursula von der Leyen soll ja eine passable Sängerin sein. Die Atemlosigkeit dieser Sendung jedenfalls ist ihr Problem und Alleinstellungsmerkmal zugleich, was wiederum ein Problem ist. Aber ein kurzweiliges.

Ein wenig fühlt man sich beim Zuschauen wie beim Überfliegen einer "Lesezirkel"-Illustrierten beim Friseur. Alles ditscht so über die Oberfläche hinweg. Trump will Grönland kaufen, Bayern wird grün, Maaßen macht Wahlkampf im Osten, AKK findet das nicht so gut, die SPD sucht neue Vorsitzende, Greta Thunberg segelt, kerosinfreier Veganismus ist das Gebot der Stunde, Bayern wird grün und immer grüner.

Es gibt Speed-Talking mit bewährten Meinungsmatadoren, diesmal "Focus"-Kolumnist Jan Fleischhauer von rechts und "Panorama"-Moderatorin Anja Reschke von links; ergänzt um den Kabarettisten Florian Schroeder in humoristischer Scharnierfunktion. Eine Veganerin hält den Veganismus für geboten, ein Schweinezüchter sieht das nicht so eng. Mikrofone ragen ins Publikum auf der Suche nach Zusatzmeinungen. Kein Augenblick verweilt, und sei er auch noch so schön.

Markus Söder beispielsweise, der fühlt sich gerade sehr wohl. Der Ministerpräsident von Bayern steht derzeit auf "Platz vier auf der Beliebtheitsskala", wie Maischberger anmerkt, und bildet einen der wenigen Schwerpunkte der Sendung. "Überhaupt nicht" will er als Kanzlerkandidat der Union antreten, weder heute noch in Zukunft: "Bei mir isses klar."

Wohl fühlt sich auch Maischberger im Einzelgespräch, das ist ihr Terrain. Menschelt den Söder folkloristisch an, wenn der sich um eine Einschätzung der loose cannon Hans-Georg Maaßen drückt ("Mei geh', Herr Söder!") und gibt ihm zwei Sekunden, um einen Gedanken zu entwickeln, wenn er bittet: "Geben Sie mir zwei Sekunden, um den Gedanken zu entwickeln, dann sehen Sie, wie ich's meine." Er meint wirklich, die AfD sei auf dem Weg, die neue NPD zu werden.

Interessant an Söder ist sein U-Turn vom rechten Rand zu umweltpolitischen Themen. Maischberger wittert Opportunismus. Aber Söder weiß, wer er ist: "Erst einmal bin ich der gewählte Ministerpräsident des Landes Bayern." Als solcher lägen ihm nicht nur die Biene, sondern der Artenschutz allgemein am Herzen. Mit "grün oder nicht grün" habe das gar nichts zu tun, "da geht's um die Bewahrung der Schöpfung".

Über die Tante hätte man gern mehr gewusst

Weil das hier "Maischberger. Die Woche" ist, hat Söder auch kein Störfeuer von grüner Seite zu erwarten. Stattdessen wird er nach seinen irrsinnig komischen Karnevalsverkleidungen befragt, Homer Simpson, Shrek, Stoiber. Nein, er gehe weder als Putin noch als Trump, sondern als Ministerpräsident des Landes Bayern.

Alle Versuche, dem Mann über "weiche" Themen beizukommen, wehrt Söder routiniert ab und präsentiert sich als lernfähig-jovialer Landesvater, der als Sieger auch mal Gras über eine Sache wachsen lassen (Seehofer!) und eine optimistische Grundstimmung verbreiten kann: "Eine alte Tante von mir hat immer gesagt: Wer jammert, bekommt nie Besuch." Über die Tante hätte man gern noch mehr erfahren, aber wie gesagt, keine Zeit!

Fleischhauer und Reschke zeigen dann doch, dass Meinungen auch auseinandergehen können. "Ja, was ist denn Maaßen?", will Maischberger wissen: "Ist der so rechts, dass der in der CDU keinen Platz hat?" Hat nicht der ehemalige Verfassungsschutzpräsident unter anderem die schweizerische "NZZ" als neues "Westfernsehen" und damit die deutsche Medienlandschaft grosso modo als gleichgeschaltet bezeichnet?

Spaß, Spässle - oder überhaupt nicht lustig?

Fleischhauer sieht da kein Problem, Maaßen mache halt auch mal einen Spaß, beziehungsweise ein "Spässle". Reschke sieht das anders und verdirbt den Spaß: "Würde schon sagen, dass Rechtsradikalismus nicht im Parteibuch der CDU ist". Zack, weiter, wie steht es um den Brexit? Da macht auch Fleischhauer gern ein Spässle: "Das britische Volk ist ja leidgeprüft, die haben die V2 überlebt." Und die SPD? "Stegner hat das Problem der Mundwinkel", hopp, hopp.

Bisweilen stellt Maischberger gar keine Fragen mehr, sie ruft nur noch auf: "Herr Schroeder! Greta Thunberg?", oder: "Frau Reschke! Olaf Scholz?"

Vielleicht ist beides wirklich nicht mehr voneinander zu unterscheiden - aber der politischen Meinungsbildung dient dieses Format nur über sehr kurze Strecken, dafür umso mehr der Unterhaltung. Und kann gar nicht genug Zeit haben.



insgesamt 26 Beiträge
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bronck 22.08.2019
1. Umweltpolitik ist nicht Links
Umweltpolitik ist nicht zwangsläufig Links. Zu den Gründervätern/Müttern der Grünen gehören z.B. neben Friedensbewegten, Atomkraftgegnern und ewig erfolglosen Trotzkisten auch stockkonservative Ökobauern aus dem streng christlichen Millieu. Man erinnere sich wer zudem das erste Umweltschutzgesetz erlassen hat - jemand der von stockkonservativen Katholiken beispielsweise nicht sonderlich gemocht wurde. Themen halten sich nun mal leider nicht an ideologische Flügel...
peeka(neu) 22.08.2019
2. Im Jahre 2007
forderte Söder noch die Abschaffung des Verbrennungsmotors für neu zugelassene Fahrzeuge bis zum Jahr 2020. Der Mann ist demnach recht flexibel in seinen Ansichten. https://www.spiegel.de/spiegel/vorab/a-469671.html
dasfred 22.08.2019
3. Unterhaltsam ist nur die Zusammenfassung vom Arno Frank
Ich hatte zufällig bei Söder reingezappt und einigen Zeit zugesehen. Ich habe dann kein Bedürfnis, mir die komplette Folge reinzuziehen. Söder kennt man ja nun zur genüge. Genau sein Stil und sooo erwartbar. Frau Reschke könnte ich länger zuhören, dem Fokus Mitarbeiter Fleischhauer allerdings nicht. Das Bild der bunten Illustrierten trifft die Art dieser Sendung allerdings genau.
World goes crazy 22.08.2019
4.
Da gebe ich #1 Recht. Umweltpolitik muss weder links noch rechts sein. Ich sehe aber, dass hierbei die klassischen rechten Parteien (Union, FDP und AfD) sich sehr schwer tun. Es geht ja durchweg um Arbeitsplätze bei schwarz-gelb, bei der AfD...naja da ist genug gesagt. Alle "umweltfreundlichen" Manöver der Union sind purer Populismus. Rot-grün hat damals einen geordneten Atomausstieg auf den Weg gebracht. Schwarz-gelb macht es rückgängig um dann nach Fukushima einen überstürzten Ausstieg zu beschließen. (Hat in BaWü damals keine Stimmen gebracht ;) .) Söder verliert in Bayern eine Volksabstimmung und springt da jetzt ebenso auf den Grünzug mit auf, vermutlich da er gemerkt hat, dass das Volksbegehren auch in der 2. Runde gegen seinen alternativen Vorschlag gewonnen hätte (so blöd ist der ja nicht). Es als "Bewahrung der Schöpfung" zu bezeichnen..."1000 ertrunkenen Flüchtlingen gefällt das"...nicht -.- Schön verpackter Kuhmist ist das. Und dass Fleischi die nationalistischen Ergüsse Herrn Maaßens als "Späßle" missinterpretiert ist vermutlich seiner eigenen grundlegenden nationalistischen, sorry rechts-konservativen Grundeinstellung geschuldet. Immerhin. Söder macht das Richtige, wenn auch aus den falschen Gründen. Aber das dürfte dem Planeten egal sein.
99Augustus 22.08.2019
5.
U-Turn, Speed-Talking, Loose Cannon...wundert sich noch jemand darüber, dass sich einfache Menschen in der Provinz und besonders die im Osten die westdeutsche Kultur nicht verstehen und sich abgehängt fühlen?
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