"maischberger. die woche" So muss man das machen

AfD-Gründer und Professor Bernd Lucke würde gerne wieder an der Uni lehren, aber Störer hindern ihn. Bei "Maischberger" gelang es ihm nicht, sich als Opfer zu stilisieren. Dafür entwickelte sich eine echte Debatte.

Sandra Maischberger: In ihrer Talkshow geht es um mehrere zentrale Themen der Woche - diesmal unter anderem um den Brexit und die GroKo
Peter Rigaud/ WDR

Sandra Maischberger: In ihrer Talkshow geht es um mehrere zentrale Themen der Woche - diesmal unter anderem um den Brexit und die GroKo

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Ja, so kann man das machen. So muss man es sogar machen, wenn nach einer gefühlten Ewigkeit schon wieder der Brexit das Thema ist. Dann muss man den Politikwissenschaftler Anthony Glees einladen. So heiter und kenntnisreich erläutert der 71-Jährige den aktuellen Stand der Katastrophe in seiner Heimat, dass man sich beinahe wünscht, es würde einfach noch ein paar Ewigkeiten so weitergehen. Und sei's nur, um Glees noch eine Weile zuhören zu dürfen. Es hätte Schwarzbrot sein können - und war die Glosse der Sendung.

Wäre "maischberger. die woche" eine Illustrierte, dann war die Rubrik "Vermischtes" diesmal mit Nikolaus Blome ("Bild"-Politikchef, noch), Ferdos Forudastan (Leiterin der Innenpolitik bei der "Süddeutschen Zeitung") und Micky Beisenherz (Moderator, Gagschreiber und Kolumnist) besonders hochkarätig besetzt. Trotzdem hätte man es gerne überblättert. Warum?

Erstens, weil beim "Speed Dating" mit aktuellen Themen dieser Woche unablässig Annegret Kramp-Karrenbauer aufpoppte, nervig wie Werbung im Internet. Ihr Vorschlag für Syrien, ihr mangelndes Fingerspitzengefühl, ihr fehlendes Format. Beim "Halbzeit-Check" der Großen Koalition war es immerhin Jens Spahn, der für seine Umtriebigkeit mit Lorbeeren geschmückt wurde. "Alleine", so Beisenherz, dass wir "wissen, wer Gesundheitsminister ist, stellt ihm schon ein gutes Zeugnis aus".

Zweitens, weil Bernd Lucke sozusagen am Aufmacher der Illustrierten beteiligt war. Der (erst kaltgestellte, seit vier Jahren ausgetretene) Gründer der AfD würde dieser Tage gern als Wirtschaftsprofessor an die Universität in Hamburg zurückkehren - und ist daran nun schon zweimal unter tumultuösen Umständen von linken Aktivisten gehindert worden. Motto: "Keine Lehre am rechten Rand" beziehungsweise "Kein Recht auf Nazipropaganda!"

In der "Welt" publizierte Lucke daraufhin seine Meinung, dass mit Ächtung rechnen müsse, wer seine Meinung äußere, der "Meinungskorridor" der Gesellschaft sich also bedenklich verengt habe und so etwas wie eine moralisierende "Meinungsherrschaft" existiere. Mit dieser Meinung sitzt nun also Lucke bei Maischberger.

Aber er sitzt da nicht allein, sondern hat mit dem Journalisten Georg Restle ("Monitor") ein streitbares Gegengewicht. Restle betont zunächst "die Wissenschaftsfreiheit und die Freiheit der Lehre", auch jene von Lucke - und hört sich dann an, was der so sagt.

Lucke will die AfD, "die ich auch nicht mehr wähle", nicht "mit einer migrations- oder islamfeindlichen Intention gegründet haben". In ihrem "heutigen Zustand" sei das "ganz eindeutig nicht mehr" seine Partei. Der Zauberlehrling distanziert sich von den Geistern, die er rief.

Restle kontert, Lucke "redet sich seine Rolle klein". Er habe Flüchtlinge als "Bodensatz in dieser Gesellschaft" bezeichnet und damit zur Verrohung der Sprache beigetragen. "Das habe ich nicht gesagt", protestiert Lucke. Restle: "Das haben Sie gesagt!" Worauf Lucke präzisiert, er habe seinerzeit von Zuwanderern gesprochen, großer Unterschied. Restle: "Das ist genau der Punkt" auch in der unmenschlichen Sprache der AfD: "Sie provozieren mit Begriffen", etwa dem Begriff der "entarteten Demokratie".

Wieder korrigiert Lucke nuanciert, er habe von einer "Entartung des Parlamentarismus" gesprochen. Das wiederum ist genau sein Punkt. Es sei schlimm, dass in der Debatte "immer diese Übersteigerung des Vokabulars des Gegners" erfolge: "Ich habe keine unmenschliche, ich habe eine bildliche Sprache benutzt."

Zwar wird Beisenherz später begütigend auf unseren "Fehler" hinweisen, "dass wir zu sehr auf Twitter und Facebook achten". Eine Meldung wie "Große Empörung regte sich im Netz bei... Punkt, Punkt, Punkt" sei ein sicherer Indikator für banalen Bullshit, vergleichbares Gefauche erlebe er "im Analogen eigentlich nie".

Zwischen Lucke und Restle geht es dennoch in einen gesellschaftspolitischen Infight, bei dem auch die heftigeren Schläge erfreulicherweise über der Gürtellinie bleiben. Proteste an den Hochschulen, erinnert Restle, seien "nun wirklich keine neue Erscheinung".

Gleichwohl gibt es Studien von Allensbach und Shell, auf die Bernd Lucke sich mit seiner Klage über die Verhältnisse stützen kann. Demnach empfindet tatsächlich eine Mehrheit in diesem Land eine Unsicherheit, eine abweichende Meinung frei zu äußern - weil andernfalls soziale Sanktionen zu befürchten wären.

"Ich glaube, wir sind an einem Punkt, wo wir uns vielleicht einig sind"

"Sie stehen politisch", nimmt Lucke an, "eher so mitte-links, und Sie haben das wahrscheinlich noch nicht erlebt". Da lächelt Restle, der an Morddrohungen bereits gewohnt ist. Aber Lucke meint ganz ernst, dass die "Hetze" gegen rechte Positionen "schlimmer ist", etwa die "Hetze gegen den Kapitalismus, gegen Unternehmer" und so weiter. Wer weiß, vielleicht entlade sich das auch eines Tages in Gewalt?

Restle räumt ein, "der Befund" der entsprechenden Studien "mag ja stimmen". Er werde aber von interessierter Seite "instrumentalisiert". Da sagt Lucke einen Satz, wie man ihn in Talkshows selten hört: "Ich glaube, wir sind an einem Punkt, wo wir uns vielleicht einig sind." Was, will er wissen, seien denn die Ursachen für diesen Befund?

Die Unmittelbarkeit, Drastik und Masse, mit der in sozialen Medien von rechts wie links auf jede unliebsame Meinung reagiert würde, setze den Einzelnen unter Stress. Da brauche man schon "ein dickes Fell", erklärt Restle - der allzu viel Eintracht nicht aufkommen lassen will: "So zu tun, als ob die Gefahr für die Meinungsfreiheit im Moment von links ausgeht", das sei eine "verquere" Ansicht.

Reist Lucke wieder nach Hamburg?

Allzu viele Menschen verstünden unter Meinungsfreiheit "allein die Freiheit ihrer eigenen Ideen". Es sei aber die AfD und im parlamentarischen Spektrum die AfD allein, die unter anderem Journalisten damit drohe, das komplette Prinzip eines Tages auszuhebeln: "Wehe, wenn wir in Regierungsverantwortung kommen!"

Am Ende antwortet Lucke auf die Frage von Maischberger, natürlich werde er "morgen wieder" von Köln nach Hamburg reisen, zu einem neuen Vorlesungsversuch, mit einem frühen Zug "auf Ihre Kosten", also auf Kosten des Öffentlich-Rechtlichen. Ein Detail, das, so Beisenherz, "der AfD-Wähler sicher geschockt zur Kenntnis nehmen wird".

Rechtspopulisten ein Forum geben? Ja, so kann man das machen.

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irritation 24.10.2019
1. Nationale Volkswirtschaft
Vorweg: ich mag Lucke nicht und halte seine Position (insbesondere zum Euro) für falsch. Mir fällt auf, dass man bei einem Literaturnobelpreisträger Werk und politische Anschauung sehr gut trennen kann. Ein Hochschuldozent bekommt dieses Privileg nicht. Generell sieht man hier nach meiner Meinung die subjektive Gerechtigkeit und deren Wahrnehmung. Wo, sich selbst links einordnende Studenten eine Lehrveranstaltung verhindern spricht man im Ton der Ehrfurcht von notwendigem zivilem Ungehorsam und feiert die mitdenkende, vielleicht doch nicht verlorene Smartphonegeneration. Ich frage mich, ob der Ton so glorifizierend wäre würde ein konservativer Studentenverbund eine Veranstaltung von (beispielsweise) Sarah Wagenknecht verhindern. Frau Wagenknecht hat zu Flüchtlingen mindestens genauso bedenkliche Aussagen von sich gegeben. Man sollte Nazi sagen, wenn es ein Nazi ist. Ob Bernd Lucke einer ist? Ich weiß es nicht. Einfach jeden, der weiter rechts als man selbst steht, als Nazi zu bezeichnen, verwässert und schleift den Begriff. Das ist meiner Meinung nach vergleichbar mit der AfD Ansicht, die "Merkel-CDU" wäre links-grün-versifft. Alles links der AfD ist nicht notwendigerweise kommunistisch. Fazit: Feiert man die Engstirnigkeit, wenn sie einem passt, weil sie die eigene Meinung zulässt, ist man auf AfD-Niveau.
spon_4_me 24.10.2019
2. Ich verstehe nicht
dass Journalisten das hohe Gut der Meinungsfreiheit so fröhlich wegschenken können. Schon ein paar Jahre bevor das 3. Reich an die Macht kam, wurden linke und progressive Professoren durch rechts-nationale Studenten an der Durchführung ihrer Vorlesungen gehindert - mit zum Teil fast wortgleicher Begründung: Wer so und so rede, ja der dürfe sich über den gerechten Zorn der patriotischen Seele nicht wundern. Wisst Ihr das nicht oder ist es Euch egal, weil Ihr Euch immun glaubt gegen eine solche Entwicklung? Herr Lucke könnte gut und gerne vor leeren Bänken Vorlesungen halten, wenn die Studenten ihn boykottieren wollen. So wird sich zum Opfer stilisieren, wo er eigentlich nur eine tragi-komische Figur ist.
stefan.p1 24.10.2019
3. Lucke,wie man ihn kennt!
Suverän,und ein glänzender Rhetoriker. Dagegen wirkte der "streitbare" Restle eher wie ein pubertärer Schreihals der Lucke immer wieder unterbrach.Zum Glück saß dann noch N.Blohme in der Runde der Lucke in sofern Recht gab das er anmerkte das man hier in Deutschland schon ein dickes Fell braucht um seine Meinung, abseits des Mainstream, zu äußern. Und Lucke als Rechtspopulist zu bezeichnen ist schon gewagt und zeigt einmal mehr das Problem ,das wir in Deutschland mit dem Großteil der Presse haben und schlussendlich ein Bestätigung von Luckes These ist.
baronin 24.10.2019
4. Das kann es nicht sein.
Eine brillante Kritik zu einer bemerkenswerten Sendung. Maischberger zeigte gestern, dass sich mit den ansonsten weitgehend ausgelutschten und oft bis ins Detail vorhersagberen Talkshow-Format noch etwas Gutes machen lässt. Ausgerechnet Spahn lobend zu attestieren, man wisse wenigstens, so Beisenherz, wer der Gesundheitsminister sei, ist allerdings grober Unfug. Weil er ein halbes Dutzend sinnlose bis irrwitzige aber medienwirksame Aktionen gebracht hat, bis hin zu Reisen in Drittweltländer um auf Billiglohnbasis PflegerInnen zu akquirieren, um das miese Gehalt und die lausigen Arbeitsbedingungen ourzusourcen statt in Deutschland etwas daran zu ändern: Das ist purer Wahnwitz. Dazu gehört auch die mit viel Getöse losgetretene, im Effekt statistisch vernachlässigtere Impfdebatte, oder ein teurer Forschungsauftrag, der nachweisen soll, wie unglücklich Frauen denn nun seien, die abgetrieben haben – weil es in einer längst vorhandene Studie offensichtlich zu wenige sind. In die gleiche Riege gehört Millionenverzocker Scheuer mit seiner zum Flop verdammten Ausländermaut, ein mittlerweile entsetzlich verwirrt scheinender und verwirrender Horst Seehofer oder eine Annegret Kramp-Kartenbauer, die in alter Tradition wieder mal deutsche Geistersoldaten ohne UN-Mandat in Geisterfahrzeugen mit Geistergewehren in Krisengebiete schickt, um "Verantwortung zu übernehmen". Bekanntheit ist für Politiker zu dem zentralen Kriterium geworden: Deshalb kommen doch in Mehrheit nur noch donnernde Windfürze aus Berlin. Das kann es nicht sein!
raoul2 24.10.2019
5. Ja, so KANN man es machen -
aber man MUSS es nicht tun. Auch mit einer derart "leise" geführten Debatte werden die nicht nur mit ihrem faschistischen "Flügel", sondern auch einem allzu häufig auch menschenverachtend zu nennenden Grund-Denken mitsamt der dazugehörenden verächtlichen Sprache ausgestatteten AnhängerInnen der sogenannten "Alternative" sich in ihrer rechtsrechten Blase bestätigt fühlen.
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