"Menschen bei Maischberger"-Jahresrückblick "Love and peace und was weiß ich"

Zum großen Jahresrückblick hat sich Sandra Maischberger eine diskutierfreudige Runde ins Studio geholt: Gottschalk, Schwarzer, Cohn-Bendit, Geißler. Das war schon allein wegen der Größe aller beteiligten Egos kein leicht zu dirigierendes Ensemble.

Zur Sendung: Kurz vor dem Jahreswechsel nutzte auch Moderatorin Sandra Maischberger ihre letzte Talkshow des Jahres für einen Rückblick auf "das Jahr der zugespitzten Aussagen und das Jahr der Krisen, die uns unerwartet heftig trafen". Titel der Sendung vom Dienstagabend: "Das Quartett der Querdenker". Ab 2016 wird ihre Talkshow mittwochs in der ARD zu sehen sein, sie heißt dann schlicht "Maischberger".


In der letzten Ausgabe des Jahres, unter dem bewährten Namen und auf dem gewohnten Sendeplatz, ließ es "Menschen bei Maischberger" ruhig und retrospektiv angehen - dafür mit entzückendem Stabreim. Ein "Quartett der Querdenker" aus Thomas Gottschalk, Alice Schwarzer, Heiner Geißler und Daniel Cohn-Bendit sollte gemeinsam die Frage beplaudern: "Welche Lehren müssen wir aus 2015 ziehen?"

Schon wegen der Größe aller beteiligten Egos kein leicht zu dirigierendes Ensemble. 2015 sei das Jahr gewesen, sagte Maischberger zu Beginn, "in dem die Spaßgesellschaft an ihre Grenzen gekommen ist". Dazu solle sich doch nun Gottschalk, der ein Buch geschrieben habe und "jetzt auch mit Philosophen wie Peter Sloterdijk" rede, bitte mal äußern.

Der Profi drückte sich: "Ich habe immer vermieden, Positionen zu beziehen." Allerdings habe seine Überzeugung, mit "Friede, Freude, Eierkuchen" sei früher oder später der Weltfrieden zu erreichen, im vergangenen Jahr erste Risse bekommen. Diese Sorge konnte Geißler, Jahrgang 1930, in seiner cockerspanielhaftigen Ruhe nicht teilen: "Love and peace und was weiß ich, daran glaube ich bis auf den heutigen Tag."

Das große Angstthema

Auch zum großen Angstthema - Flüchtlingskrise! - hatte Geißler nur Begütigendes beizutragen: "Nun hat die Globalisierung uns eingeholt, bloß umgekehrt", sagte er. "Jetzt kommen die plötzlich zu uns, aus Gründen, die wir selbst verursacht haben." Na und? Was sei schon eine Million auf 500 Millionen, die in Europa lebten? Als ob ein Saal, in dem sich schon 500 Menschen aufhielten, von einer weiteren Person betreten werde.

Schwarzer schränkte ein, "dass nicht alle netten jungen Männer, die da kommen und sich Hoffnungen machen, den Feminismus unterm Arm tragen". Sie würde gerne die islamischen Verbände hierzulande "ein bisschen am Schlafittchen nehmen", damit nicht reaktionäre Orthodoxie die Oberhand gewinne, denn: "Diese Länder", aus denen die Menschen fliehen, "haben eine große antisemitische Tradition".

Aber Geißler ließ es sich nicht mehr nehmen, die neuerdings vakante Stelle des großen Weltendeuters zugunsten einer Geostrategin wie Alice Schwarzer zu räumen. Deren offenbar geheimdienstliche Erkenntnis, die terroristischen Milizen hätten Syrien und den Irak längst geräumt, ließ er noch unkommentiert. Als sie sich gegen einen Militäreinsatz im Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS) aussprach, fragte er: "Ja, was wollen Sie denn machen? Das würde mich mal interessieren!"

"Terror ist ja nicht zum ersten Mal in meinem Leben"

Auch Gottschalk ließ er die Leutseligkeit nicht durchgehen, linken und islamistischen Terror zu vermengen. "Terror ist ja nicht zum ersten Mal in meinem Leben." Er erinnere sich noch gut an die Rote Armee Fraktion. Heute zeige der Terror ein "anderes Gesicht, als er es damals bei der RAF gezeigt" habe mit seiner "Konzentration auf bestimmte Personen in der Wirtschaft".

Als später Gottschalk die "fehlende Empathie im Osten" mit dem laiensoziologischen Argument erklärt, in der DDR sei das Christentum nie richtig verankert gewesen, verweist Geißler auf den auch nicht gerade herzenswarmen Neunationalismus in doch sehr katholischen Ländern wie Polen oder Ungarn.

Pegida und die AfD vermengte nun wiederum Geißler. In Deutschland hätten Parteien am rechten Rand immer schon ein Potenzial von zehn bis 15 Prozent gehabt. Nur habe die AfD dafür gesorgt, dass man sich für seine Einstellung nicht mehr schämen müsse. Damit seien die extremen Rechten "frech geworden".

Schwarzer teilt bekanntlich viele Sorgen vor den "netten jungen Männern" und sähe es gerne, würde man sich als Politiker "auch den irrationalen Ängsten" stellen. Dazu schüttelte Geißler nur beharrlich den Kopf: "Es gibt keine Toleranz gegen den Intoleranten." Wozu Daniel Cohn-Bendit eifrig nickte.

Gottschalks einzige Sorge

Überhaupt war eine interessante Drift zu beobachten, die Cohn-Bendit an diesem Abend immer mehr weg von seiner ebenso frankophilen Duz-Freundin Schwarzer an die Seite von Geißler führte.

Bevor es zum Bruch kommen konnte, wechselte Maischberger noch einmal das Thema in einem Manöver, das selbst Gottschalk verdutzt als "gewaltigen Bogen" bezeichnete - weg von Pegida, hin zum Verlust medialer Lagerfeuer als integrativem Element einer Gesellschaft.

Und da sagte Gottschalk, erprobt im Zuspitzen wie im Runterbrechen komplexer Zusammenhänge: "Meine einzige Sorge mit dem Flüchtlingsproblem ist, dass da eine Million Menschen kommen, die mich nicht kennen."

Ein schöner, weil erhellender Satz. Wenn das schon Gottschalk so geht - wie sollen sich da erst Leute fühlen, die jetzt schon niemand kennt?