Maischberger-Talk über Papst-Rücktritt Wenn Jesus heute da wäre

Mit seinem Rücktritt hat Papst Benedikt XVI. Sandra Maischberger eine freie Woche verhagelt. Ihr Talk sollte wegen des Karnevals pausieren, nun aber ließ sie ihre Gäste über den Pontifex-Abgang diskutieren. Während sich Pfarrer Fliege im Transzendenten verliert, liefern sich zwei Experten eine Dauerfehde.

Unerwarteter Rücktritt von Papst Benedikt XVI.: "Tschüs, ich habe meine Pflicht getan"
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Unerwarteter Rücktritt von Papst Benedikt XVI.: "Tschüs, ich habe meine Pflicht getan"

Von Torsten Landsberg


Eigentlich sind es ja die weltlichen Fragen, die nach dem überraschenden Rückzug von Papst Benedikt XVI. die Nachrichtenlage beherrschen: Folgt ihm ein Reformer, der die katholische Kirche modernisiert oder bleibt sie erzkonservativ, gar trotzig gegenüber dem Zeitgeist, mit verächtlichem Blick auf Kondome, Homosexuelle und Geschiedene? Welchen Geistlichen wird der weiße Rauch bis Ostern als neues Oberhaupt aus der Sixtinischen Kapelle pusten?

Vielleicht hat Sandra Maischberger am Montag kurz gezuckt, als die Eilmeldungen über den bevorstehenden Rücktritt des Papstes aufschlugen. Sie mag gedacht haben, dass er sich mit der folgenreichen Ankündigung ruhig noch zwei Tage hätte Zeit lassen können. Denn der Papst hat der Moderatorin, so muss man es annehmen, die Freizeitplanung ruiniert. Eigentlich hätte sie am Dienstagabend Sendepause gehabt, wegen des Karnevals.

Es ist deshalb nachvollziehbar, dass Maischberger nun recht angriffslustig, fast ketzerisch in die Sendung startet und fragt: "Ist Papst Benedikt XVI. gescheitert?" Es ist immer etwas bedauerlich, wenn einer der Gäste in einer Talkrunde den mühsam von der Redaktion ausbaldowerten Titel der Sendung ad absurdum führt. Diesen Part übernimmt hier der Jesuitenpater Eberhard Freiherr von Gemmingen, der ein Fazit von Benedikts Pontifikat für verfrüht hält. Ein solches sei erst in 20 Jahren möglich.

Neben Gemmingen, der die Entmachtung des Vatikans fordert und den Rücktritt des Papstes "großartig" findet, weil dieser damit Türen geöffnet und gesagt habe: "Tschüs, ich habe meine Pflicht getan", sitzt Jürgen Fliege. Der evangelische Pfarrer heckt furiose Kausalitäten aus: Wenn sich der Papst der Todesgebundenheit seines Amtes entziehe, gelte diese Aufhebung auch für andere kirchliche Gesetze, etwa wenn "jemand 20, 30 Jahre verheiratet ist und sagt, ich kann diese Last nicht mehr tragen". Es folgen transzendente Ausführungen, die erklären, warum Fliege seinen Job als Fernsehprediger schon vor langem hat abgeben müssen: Niemand aus der Runde scheint wirklich zu verstehen, worauf er hinaus will.

Ihnen gegenüber liefert sich der frühere CDU-Generalsekretär und heutige Papstkritiker Heiner Geißler eine Dauerfehde mit dem SPIEGEL-Journalisten Matthias Matussek. Einig sind sich beiden in der Bewertung der päpstlichen Entscheidung. "Er hat noch mal überrascht", huldigt Matussek dem 85-Jährigen, und Geißler spricht von einem Zeichen der Stärke. Benedikt habe erkannt, dass er die Aufgaben in der katholischen Kirche nicht bewältigen könne und mit einer Tradition gebrochen habe, "und das finde ich sehr gut".

Damit enden ihre Gemeinsamkeiten, denn im Urteil über die Bilanz der fast achtjährigen Amtszeit des deutschen Pontifex gehen die Meinungen auseinander. Geißler kritisiert Benedikts Versöhnung mit der reaktionären und antisemitischen Piusbruderschaft - für Matussek nicht der Rede wert.

Als der praktizierende Katholik, der für den Erhalt des Zölibats eintritt, den scheidenden Papst als "liebenswert" bezeichnet, prangert Geißler an, der Heilige Vater habe die Kurie "nicht in Ordnung gebracht", die Verwaltung in Rom sei ihm "auf der Nase rumgetanzt". Auch Gemmingen, früher Leiter der deutschen Redaktion von Radio Vatikan, ist überzeugt, dass Jesus "diese ganze Kurie" mit all ihrem Prunk beseitigen würde. Das greift der ehemalige Jesuitenschüler Geißler gerne auf: "Wenn Jesus heute da wäre, was glauben Sie wohl!?" Als Papstverehrer Matussek ihn wiederholt unterbricht, fällt der 82-Jährige endgültig vom Glauben ab: "Nicht zu fassen."

Auf Maischbergers ziemlich interessante Frage, warum aus Benedikts Umfeld niemand über dessen Entschluss eingeweiht gewesen sei und ob es sich hier um ein Zeichen seines tiefen Misstrauens gegenüber dem Vatikan handele, geht die Runde nicht näher ein. Stattdessen erinnert die Atheistin und frühere SPD-Politikerin Ingrid Matthäus-Maier daran, dass Angestellten in katholischen Einrichtungen die Grundrechte entzogen würden: entlassene homosexuelle Ärzte und geschiedene Erzieherinnen.

Auf Matusseks konternde Frage, warum dann so viele Eltern ihre Kinder in katholische Kindergärten schicken würden, schleudert ihm Pfarrer Fliege entgegen, dass diese "türkenfrei" seien. "Unverschämt", poltert der Journalist zurück, gefolgt von einem undurchdringbaren Stimmengewirr aus Empörung.

Matussek flüchtet sich auf die Metaebene und zieht die Gesellschaft mit rein. Die sehe sich "Rammelshows" im Fernsehen an, echauffiere sich dann aber darüber, dass die katholische Kirche keine weiblichen Priester zulasse. Im Anschluss folgt die ursprünglich auf Maischbergers Sendeplatz programmierte Sendung: "Ist das ein Witz?"

insgesamt 157 Beiträge
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Seite 1
herbert 13.02.2013
1. Wie wäre es............
Zitat von sysopAFPMit seinem Rücktritt hat Papst Benedikt Sandra Maischberger eine freie Woche verhagelt. Ihr Talk sollte wegen des Karnevals pausieren, nun aber ließ sie ihre Gäste über den Pontifex-Abgang diskutieren. Während sich Pfarrer Fliege im Transzendenten verliert, liefern sich zwei Experten eine Dauerfehde. Maischberger-Talk über Papst-Rücktritt: Wenn Jesus heute da wäre - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/maischberger-talk-ueber-papst-ruecktritt-wenn-jesus-heute-da-waere-a-883028.html)
wenn die Maischberger mit ihrer Labersendung auch den Rücktritt starten würde. Denn das hat sie mit dem Papst gemeinsam, kaum jemand würde sie vermissen!
rtfix 13.02.2013
2. traurig
Es ist nicht das erste Mal, dass ich mir vorstelle wie ein Talkshow Resume hier wohl aussehen würde, wenn der Herr Matussek NICHT seinen absurd hohen Posten beim Spiegel hätte ...
rieberger 13.02.2013
3. Wenn Jesus heute da wäre . . .
Zitat von sysopAFPMit seinem Rücktritt hat Papst Benedikt Sandra Maischberger eine freie Woche verhagelt. Ihr Talk sollte wegen des Karnevals pausieren, nun aber ließ sie ihre Gäste über den Pontifex-Abgang diskutieren. Während sich Pfarrer Fliege im Transzendenten verliert, liefern sich zwei Experten eine Dauerfehde. Maischberger-Talk über Papst-Rücktritt: Wenn Jesus heute da wäre - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/maischberger-talk-ueber-papst-ruecktritt-wenn-jesus-heute-da-waere-a-883028.html)
. . . würde er wie dazumal die Pharisäer heute die alten Männer in ihren purpurnen Habits aus der Kirche jagen.
Ty Coon, 13.02.2013
4.
Was für eine alberne Sendung. Bin nur zufällig reingezappt. Als hätte jemand einen Knallfrosch in einen Hühnerstall geworfen. Fliege wurde mir zum erstenmal ein wenig sympathisch, die katholischen Oberen gaben sich glaubwürdig moderat, aber wer wirklich gar nicht ging, war Matussek: kann nicht zuhören, läßt kein Argument gelten, liebt eigentlich nur sich selbst. Matthäus-Maier hat im wesentlichen meine Position vertreten. Benedikt wollte also Glauben und Vernunft vereinbaren? Daran darf man nicht nur scheitern, daran muß man scheitern, denn Glaube ist das Gegenteil von Vernunft. Er wollte versöhnen? Die Christen in Deutschland können noch immer nicht zusammen ein Glas Wein zum Abendbrot trinken. Lachhaft.
m.p.h 13.02.2013
5. verschont geblieben
Ich habe reingezappt, Fliege gesehen, sofort umgeschaltet: wer ist eigentlich Verantwortlich für die Verschwendung unserer Zwangsabgaben an die sog. öffentl. Rechtlichen?
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