"Maischberger" über Populismus Zack! - Plötzlich sind alle flüchtlingsbesorgte Merkel-Gegner

Die Wutbürger und die Gutmenschen: Das war das Thema des "Maischberger"-Talks am Mittwoch. Letztere kamen nicht vor - und dank Claus Strunz wissen wir jetzt, dass erstere eine Art politisches Viagra sind.

WDR/ Max Kohr

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Ironie des Sendeschemas: Nach dem Abspann zum finster gestimmten Endjahrestalk bei Sandra Maischberger gab's die Werbung für den Fernsehfilm "Krauses Glück", der am Freitagabend zur besten Sendezeit läuft. Dem freundlichen Dorfpolizisten Krause wirbelt darin eine syrische Flüchtlingsfamilie auf liebenswert-heitere Weise den Alltag durcheinander. Siehe da - ein TV-Unterhaltungsgenre, das es vor einem Jahr noch gar nicht gab: Der Willkommenskultur-Familienfilm!

Wer in der Programmkommission hätte auch ahnen können, dass Willkommenskultur bei der Ausstrahlung des Films bereits als schlimmes historisches Missverständnis gilt, das Millionen besorgter Deutscher in die Arme von AfD, Seehofer oder "Tichys Einblick" treibt?

"Wutbürger gegen Gutmenschen" hieß das Thema bei "Maischberger", doch seien wir ehrlich: Von den "Gutmenschen" will ja heute keiner mehr was wissen. Die taugen bloß noch als Projektionsfläche für die anderen, über die in Deutschlands Talkshows nicht erst, aber vor allem seit Trumps Wahlsieg unaufhörlich geredet wird: die "Wutbürger" halt.

Wer sind denn die überhaupt? Maischbergers erster Einspieler ist den Hatern und Trolls gewidmet, die die sozialen Netzwerke mit ihrem Merkel- und "Volksverräter"-Geschimpfe vollkübeln. Sind das die Wutbürger? Die Runde - Wolfgang Bosbach (CDU), Bettina Gaus ("taz"), Populärphilosoph Richard David Precht und die Fernsehmoderatoren Claus Strunz und Wolf von Lojewski (a.D.) - ist sich einig, dass das ganze Beleidigen und Haten zu verurteilen ist.

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Populismus bei "Maischberger": Diskursive Samthandschuhe für besorgte Bürger

"Populismus ist das Viagra der erschlafften Demokratie"

Aber es ist eben auch der Extremismus einer Grundstimmung, die man ernst nehmen soll - findet jedenfalls Claus Strunz: Keinesfalls dürfe man "alle die, die bloß empört ihre Meinung sagen" als Wutbürger beleidigen, erklärte der langjährige "BamS"-Chefredakteur: "Wir sollten uns mit der Mehrheit befassen." So schnell entstehen im deutschen Fernsehen Mehrheiten: Eben noch glaubt man, die Massen mit heiteren Willkommenskultur-Filmen umschmeicheln zu können - zack! - wird die Mehrheit schon zu flüchtlingsbesorgten Merkel-Gegnern erklärt.

Gut, dass es ab und zu noch Wahlen gibt. Wobei Strunz - dem der Pokal für die steilsten Thesen des Talkabends gebührt - auch hier wieder der fundamentalen Unzufriedenheit das Wort führte: Die Politiker hätten den Menschen einreden wollen, dass Demokratie Wahl bedeute - tatsächlich aber bedeute sie Auswahl. Und die hätten die etablierten Parteien nicht zu bieten in unserer "Schönwetterdemokratie". Weshalb eben das Erstarken populistischer Politiker auch eigentlich begrüßenswert sei, so Strunz: "Populismus ist das Viagra der erschlafften Demokratie."

Hätte man das nicht über das Flüchtlingsjahr 2015 auch mal sagen können? Dass die Willkommenskultur "das Viagra einer erschlafften Zivilgesellschaft" war? Klingt doch auch gut. Ach was, Willkommenskultur ist "eine Form der kollektiven Psychose", so Henryk M. Broder vor ein paar Tagen. Warum war der eigentlich nicht eingeladen? Weil er inzwischen auf seinem Blog unter Berufung auf eine Dermatologenwebsite behauptet, dass die "Massenmigration" zu einem "dramatischen Anstieg der Krätze-Erkrankungen" geführt habe? Ist das schon verhetztes Wutbürgertum? Oder hat da bloß einer empört seine Meinung gesagt, im strunzschen Sinne? Fragen über Fragen, die Moderatorin stellte sie nicht.

Diskursive Samthandschuhe für besorgte Bürger?

Wie dem auch sei: Richard David Precht konnte Strunz beispringen und vom "großen, tiefen Unbehagen" raunen, das "es gibt". Populismus sei "ein Ausdruck der Unzufriedenheit mit der politischen Kultur, weil das, was wir uns hier im Konsens hinmauscheln, keine Probleme löst." Es gäbe "keine Kontur", in welche Richtung Deutschland steuere angesichts der Herausforderungen von Migration, Globalisierung und Digitalisierung.

Wer sich schon immer gefragt hat, warum so irre viele Menschen die Talkshowmonologe von Precht auf Facebook sharen, hier ist die Lösung: Der Mann weiß einfach, wie man das Gerede vom "Establishment", das das Volk im Regen stehen lässt, auf tischfeine Weise ausdrückt - sodass es glatt emanzipatorisch und ein bisschen links klingt.

Precht hin, Strunz her: Am Ende des Talks blieb unwidersprochen stehen, dass die ganze Wutbürgerchose Ausdruck eines "Unbehagens" oder von "Unzufriedenheit" ist und irgendwas mit Globalisierung, Digitalisierung und Migration zu tun hat. Ist das ein Erkenntnisgewinn? Oder sind das einfach die diskursiven Samthandschuhe, mit denen wir die besorgten Bürger in Zukunft anfassen, damit sie sich ja ernst genommen fühlen?

Vielleicht sollte man - nur testweise - in das Talkshow-Kontinuum zu Trump, Populismus und dem AfD-Wutbürgerkomplex mal wieder jemanden setzen, der Worte wie "Ausländerfeindlichkeit" oder "Nationalismus" in den Mund nimmt. Denn die Möglichkeit besteht ja, dass unter den sogenannten Wutbürgern, die Merkel für eine Volksverräterin halten und gegen die "Überfremdung" und "Islamisierung" Deutschlands anschimpfen, sich auch der ein oder andere Rassist und Deutschtümler befindet. Das wäre durchaus eine Diskussion wert.



insgesamt 169 Beiträge
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Seite 1
360° 15.12.2016
1. Komisch
"Vielleicht sollte man - nur testweise - in das Talkshow-Kontinuum zu Trump, Populismus und dem AfD-Wutbürgerkomplex mal wieder jemanden setzen, der Worte wie "Ausländerfeindlichkeit" oder "Nationalismus" in den Mund nimmt." Diese Worte lese ich andauernd. Von SPON bis Süddeutsche. Und darüber hinaus. Wie oft will Herr Twickel diese Worte noch hören? Aufnehmen und als Endlosschleife zu Hause über die Stereoanlage abspielen, wäre mein Vorschlag für ihn. Ich finde die Seite der Willkommensjubler in den Medien überproportional hoch vertreten. Verglichen mit der Stimmung bei den nicht-Journalisten. Aber so Unterschiedlich sind halt die jeweiligen Wahrnehmungen.
manni.baum 15.12.2016
2. Wutbürger gegen Gutmenschen
Thema verfehlt, die Protestierenden gegen Stuttgart 21 gehören zu beiden Gruppen.
torpedo-of-truth 15.12.2016
3.
Zitat von 360°"Vielleicht sollte man - nur testweise - in das Talkshow-Kontinuum zu Trump, Populismus und dem AfD-Wutbürgerkomplex mal wieder jemanden setzen, der Worte wie "Ausländerfeindlichkeit" oder "Nationalismus" in den Mund nimmt." Diese Worte lese ich andauernd. Von SPON bis Süddeutsche. Und darüber hinaus. Wie oft will Herr Twickel diese Worte noch hören? Aufnehmen und als Endlosschleife zu Hause über die Stereoanlage abspielen, wäre mein Vorschlag für ihn. Ich finde die Seite der Willkommensjubler in den Medien überproportional hoch vertreten. Verglichen mit der Stimmung bei den nicht-Journalisten. Aber so Unterschiedlich sind halt die jeweiligen Wahrnehmungen.
Das liegt daran, das es gott sei dank noch mehr von uns sogenannten Willkommensjublern gibt als von euch einzellern. @olaf.hathusten: selten so einen riesen haufen mist gelesen. Was genau haben sie denn bisher für Deutschland geleistet?
Palmstroem 15.12.2016
4. Wutbürger sind in den Medien überrepräsentiert
Wieviele Bürger haben an Pegida-Demonstrationen teilgenommen. In Dresden 80.000, im Rest der Republik vielleicht nochmals 80.000. Und wieviele Bürger/innen haben sich an der Willkommeskultur für Flüchtlinge aktiv beteiligt - laut eines SZ-Artikels etwa 8 Millionen. Nur wer die Medien verfolgte, hatte den umgekehrten Eindruck. Und auch bei Maischberger hatten die Wutbürger wieder einmal mehr Aufmerksamkeit als sie es wert sind.
schmidthomas 15.12.2016
5. Gut, dass es ab und zu noch Wahlen gibt.
Ja genau, gut, dass es noch Wahlen gibt. Wahrscheinlich meint der Autor damit aber diese pervertierte, ach so demokratische Hinterzimmerkungelei unserer Parteien, die jüngst auf diese Art und Weise unser Staatsoberhaupt ausgemauschelt haben. Der Epilog dieser Veranstaltung steht uns ja noch bevor. Ich zittere bereits vor Spannung über den Ausgang. Richtige Wahlen und echte demokratische Mitbestimmung durch Volksbefragungen, kann er damit ja nicht gemeint haben. Davor geht mittlerweile die Angst um. Es ist etwas faul im Staate Deutschland und die 4. Macht,.....ach, lassen wir das.
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