"Maischberger"-Talk zu Erdogans Klage Ein Lacher für Böhmermann

"Diktiert Erdogan Merkels Kurs?", wollte Sandra Maischberger von ihren Talkgästen wissen. Die Diskussion verlief natürlich kontrovers - doch eine Aussage hätte wohl auch Jan Böhmermann erheitert.

Moderatorin Maischberger
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Moderatorin Maischberger

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Ulrich Kienzle hat gelacht. Als bei Sandra Maischberger die Satire von Jan Böhmermann noch einmal dokumentiert wurde ("Damit wir wissen, worüber wir reden"), konnte das TV-Urgestein sich ein Kichern nicht verkneifen. Er war der Einzige in der Runde. Ozan Ceyhun machte das sehr traurig. Der ehemalige SPD- und heutige AKP-Politiker mit doppelter Staatsbürgerschaft, "seit den Achtzigerjahren" ein Verehrer von Ulrich Kienzle, ärgerte sich über diese Reaktion auf ein "rassistisches und sexistisches" Schmähgedicht.

Er sei beleidigt, so Ceyhun. Und mit ihm seien es 78 Millionen Türken. Na gut, vielleicht eher 50 Millionen, nämlich die Wähler von Staatspräsident Erdogan . Kienzle und Ceyhun sollten in dieser Sendung noch mehrfach aneinander geraten, aber nur eingangs ging es um Jan Böhmermann.

"Staatsaffäre Böhmermann - Diktiert Erdogan Merkels Kurs?", wollte Maischberger wissen. Und die fragliche Angelegenheit war erfreulich schnell abgehandelt. Kienzle gab sich "amused", Ceyhun "not amused". Die Kabarettistin Idyl Baydar spielt in ihrem Programm selbst mit Klischees und verstand Böhmermanns Spiel mit rassistischen Klischees richtig: "Ach guck mal, so denkt ihr Deutschen über uns Türken, und das schon seit 50 Jahren!"

Rechtsanwalt Ralf Höcker geht das alles nichts an, er klamüsert lieber die juristischen Aspekte der Angelegenheit. Nein, ins Gefängnis werde Böhmermann nicht müssen. Ja, Böhmermann drohe Verurteilung - sofern die Regierung den anachronistischen Paragraf 103 ("Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten") nicht rechtzeitig abschafft.

An dieser Frage erst entzündete sich die eigentliche Debatte. Als Jürgen Trittin sich noch empört, "Herr Erdogan" habe gemäß Paragraf 103 "mehr Rechte als Herr Kienzle", nimmt Höcker schon Anlauf zu einer Gegendarstellung. 103 schütze nicht die "persönliche Ehre eines Staatspräsidenten", sondern die "außenpolitischen Interessen der Bundesrepublik". Die Türken spielten "überhaupt keine Rolle". Höcker stellt Trittin so lustvoll als Laie dar, dass der Grüne gereizt zurückpoltert, was Maischberger mit einem verblüfften "Hoppala!" kommentiert.

Höcker bleibt am Ball. Merkels Ankündigung, den Paragraf bis 2018 abschaffen zu wollen, vergleicht er mit Schrödingers Katze: "Sie ermöglicht und verunmöglicht gleichzeitig" die Strafverfolgung. Stephan Mayer von der CSU verteidigt die "richtige und konsequente" Entscheidung der Kanzlerin: "In Deutschland entscheidet einzig und allein die dritte Gewalt, die Justiz", und das unterscheide "uns" von der Türkei. Eine übereilte Abschaffung wollen weder Höcker noch Mayer, das wäre "gesetzgeberischer Aktionismus" und eine "Lex Böhmermann".

Ceyhun bittet die Runde, sich für einen Moment vorzustellen, was "in Deutschland los wäre", schaffte das türkische Parlament im umgekehrten Fall ein entsprechendes Gesetz zu Schutz eines Angeklagten ab. Trittin lehnt das Gedankenspiel ab, er würde Böhmermann für die ganze Causa gern das Bundesverdienstkreuz verleihen. Kienzle mag das nicht mit anhören ("Die strengen juristischen Herren hier finde ich indiskutabel") und erinnert an Präzedenzfälle, den Schah, den Papst.

Handlanger, Terroristen, Meinhof

Trittin beharrt, Merkel habe sich "mit einem Mann gemein gemacht, der in der Türkei haufenweise normale Bürger wegen dieses Tatbestands verfolgt" und konstatiert: "Die "Handlungsfähigkeit der Bundesregierung gegenüber der Türkei ist stark eingeschränkt". Eine Liberalisierung der Visa-Bestimmungen für alle Türken sei mit der CSU nicht zu machen, wirft Mayer ein. Auch Kienzle hält das Krisenmanagement der Kanzlerin für "dürftig". Es gehe um die Frage: Ist die Merkel noch handlungsfähig?"

Das ist sie nach Kienzles Auffassung nicht. Wir hätten es mit einer "Kanzlerdämmerung" auf der einen Seite und einem "Neosultan" auf der anderen Seite zu tun: "Mangelnde Souveränität, das kann man Erdogan wirklich unterstellen." Bei allen Verdiensten um den Sozialstaat und die Wirtschaft habe der "sie nicht alle, das ist ein Fall für die Psychiatrie".

Unterhaltsamer als solche launigen Allgemeinplätze ist, wie grotesk breitschultrig Ceyhun sich vor seinen teuren Präsidenten stellt. In der Türkei gibt es "zurzeit keinen Journalisten im Gefängnis", behauptet der Politiker und räumt zugleich ein, davon die Runde wohl "leider" nicht überzeugen zu können: "meine Meinung".

Als Kienzle auf gestürmte und von Strohmännern der Regierung übernommene Zeitungen verweist, kontert Ceyhun, das seien alles Handlanger von Terroristen: "Befürworten sie die Gülen-Sekte? Wissen sie überhaupt etwas darüber?" Ceyhun kann alles erklären - auch den Fall des ARD-Korrespondenten Volker Schwenck, dem in Istanbul die Einreise verweigert wurde. Dessen "Kontakte" seien "problematisch" gewesen.

Die Türkei müsse sich gegen Terrorismus wehren. Und die Gülen-Bewegung sei nun einmal eine "verfassungsfeindliche Sekte". Ceyhun zieht - zum besseren Verständnis seiner deutschen Gesprächspartner - eine Parallele zwischen der Roten Armee Fraktion und deren publizistischen Agentin Ulrike Meinhof .

Falls Jan Böhmermann dieser Tage nichts Besseres zu tun und er diese Sendung gesehen hat - er wird gelacht haben.



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