»Maischberger« zur Pandemiebekämpfung »Wir müssen dem Virus eins auf den Deckel geben«

Virologin Melanie Brinkmann und Gesundheitsminister Jens Spahn sind sich bei »Maischberger« einig: Lockdown light reicht nicht. Der Eindruck, dass die Politik den Experten folgt, entstand trotzdem kaum.
Von Klaus Raab
Virologin Melanie Brinkmann empfahl einen harten Lockdown.

Virologin Melanie Brinkmann empfahl einen harten Lockdown.

Foto: Max Kohr / WDR

Die letzte »Maischberger«-Ausgabe des Jahres fasste das Talk-Jahr in seinen Relationen ganz gut zusammen: 55 Minuten lang ging es um die Pandemie. Nacheinander zu Gast waren die Virologin Melanie Brinkmann und Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), und beide argumentierten für größere Konsequenz bei der Pandemiebekämpfung.

Zehn Minuten lang ging es danach noch einmal um die US-Wahl, weil Trump wohl immer geht – es sei »wie ein Autounfall«, sagte Sandra Maischberger über seine jüngste Rede, in der er wieder über Wahlbetrug herumschwadronierte, man könne nicht wegschauen. Und dann blieben noch weitere zehn Minuten für ein Gespräch mit Siemens-Chef Joe Kaeser, der vornehmlich zu seiner Begegnung mit dem US-Präsidenten, zur US-Politik und zu Aspekten der Pandemie befragt wurde. Viel Corona. Weniger Trump. Und noch ein klein wenig vom Rest.

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Man kann den Polittalks in diesem Jahr gewiss einen verengten Blick vorwerfen. Enger war er thematisch noch nie. Andererseits: Es war halt sonst auch nie Pandemie. Die beschäftigt zwangsläufig alle, und die Talkshows von ARD und ZDF sind, bei aller Unterschiedlichkeit der einzelnen Formate, als Schaufenster der Mediengesellschaft angelegt: Verhandelt wird, was an Gesprächsthemen eh schon auf der Straße liegt.

Die Frage ist berechtigt, ob mehr Berichterstattung – mehr Spezialsendungen, mehr Talk, mehr Newsblog, mehr Wasserstands-, mehr Eilmeldung – zwangsläufig zu mehr Orientierung verhilft. Ausgemacht ist das nicht. Aber Corona ist kein Zerrbild; spätestens in diesen Wochen müsste an den Zahlen der Verstorbenen auch der Letzte erkennen, dass sich das Virus einen Dreck dafür interessiert, was im Fernsehen läuft. Und gerade die Talks hatten in diesem Jahr eine Funktion, die man auch nicht unterschätzen sollte: Wer nur sie sah, wusste immer, wohin das Land – als Mediengesellschaft, als Solidar- und auch als Nichtsolidargemeinschaft – stimmungsmäßig gerade torkelt. Und so mancher sieht halt nicht viel mehr als sie.

Wohin torkelt das Land also gerade? Bei »Maischberger. Die Woche« wurde die große wacklige Linie dieser nächsten »Woche der Entscheidung« (Maischberger) ganz gut nachgezeichnet. Auch in der Hinsicht war es eine gelungene Jahresabschlussausgabe.

Da war einerseits also der Bundesgesundheitsminister zugeschaltet, Jens Spahn. Er antwortete auf die Frage, ob härtere Shutdown-Maßnahmen ergriffen werden sollten, wie es die Leopoldina-Akademie der Wissenschaften und am Mittwoch dann auch die Kanzlerin im Bundestag empfohlen hatten: Der sogenannte Lockdown light habe jedenfalls nicht all das gebracht, »was wir erreichen wollten«. Die Zahlen stiegen nicht exponentiell, aber fielen auch nicht. Und diese Seitwärtsbewegung bringe »das Schlechteste von allem«: Die Todeszahlen seien zu hoch, die Intensivkapazitäten am Limit, wirtschaftlich seien die im November ergriffenen Maßnahmen »sehr, sehr teuer«, und festzustellen sei in der Bevölkerung »eine zunehmende Ermüdung«. Man dürfe »diesem Virus mal zwei Wochen so gut wie gar keine Chance geben«, sagte er.

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Die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, die zu den medial derzeit gefragtesten Expertinnen zählt, klang in diversen Aussagen ganz ähnlich: »Am besten würden wir alle zwei Wochen zu Hause bleiben, ab heute«, sagte sie, die Zahlen würden schließlich nicht lügen. »Wir müssen dem Virus eins auf den Deckel geben.« Wenn sie und der Minister aber auch sätzeweise austauschbar klangen – dass Wissenschaft und Politik gemeinsam agieren würden, der Eindruck entstand eher nicht.

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Ohne es so deutlich zu formulieren, sagte Brinkmann: Die Politik hat's nicht hingekriegt. Die Gesundheitsämter seien eh schon in den vergangenen Jahren kaputtgespart worden; nun reagiere sie halbherzig. Deutschland habe seine Vorreiterrolle in der Pandemiebekämpfung verloren, das sei im Ausland der Eindruck. »Die Wissenschaft warnt schon lange«, sagte sie. »Und jetzt stehen wir vor einem Scherbenhaufen.«

Tja. Wie immer, gab es Kommentatorinnen und Kommentatoren, die vom Rand ihren Senf zu allem gaben, in diesem Fall Dagmar Rosenfeld (Welt), Ingo Zamperoni (ARD) und der Journalist Peter Zudeick. Dass auch sie sich alle miteinander dafür aussprachen, lieber »jetzt konsequent zu sein« als »das immer wieder zu verschleppen« (Zamperoni) – also lieber kürzer alles herunterzufahren als für weitere Monate einiges: Das unterstrich den Eindruck von Dringlichkeit.

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Das eigentlich Interessante war aber das Zusammenspiel von weitgehender Übereinstimmung zwischen Wissenschaft und Politik in den Zielen und der von Brinkmann beklagten Diskrepanz in der Umsetzung. Wer im Frühjahr klagte, Politiker würden ausführen, was ihnen ausgewählte Wissenschaftler empfehlen, kann von der Palme runterkommen: Am Ende des Jahres ist die Expertokratie nun doch nicht in Sicht.