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Zwölf-Stunden-Doku über Hitler und Co.: Ein Reich verbrennt

Foto: VOX/ SPIEGEL TV/ LL

Marathon-Doku über Hitler Der "Führer", flambiert

Wie ging Hitler-Deutschland unter? In einer zwölfstündigen Doku hat SPIEGEL TV den letzten Tag des Diktators rekonstruiert: "Ein Tag schreibt Geschichte" ist der Abgesang auf ein grausiges Land im Größenwahn.
Von Nikolaus von Festenberg

11,5 Grad Höchsttemperatur, Sprühregen im Norden. Hat das Wetter für die Ereignisse des 30. April 1945 gepasst? Hätte es überhaupt ein passendes Wetter geben können für diesen dramatischen Tag?

Es ist alles andere als Zufall, dass der Zwölf-Stunden-TV-Roman "Ein Tag schreibt Geschichte" (an diesem Samstag von 12 Uhr Mittag bis Mitternacht auf Vox und parallel in Auszügen auf SPIEGEL ONLINE) mit dem Wetter anhebt. Robert Musils Jahrhundertchronik "Der Mann ohne Eigenschaften" tut es auch und macht im ersten Satz klar: An der Natur liegt es nicht allein, wenn der Mensch den Menschen zum Totentanz bittet.

Das Wetter-Opening ist eine Zulieferung von Alexander Kluges dctp.tv, und es wirkt wie eine literarische Anspielung: War es nicht auch der Tag, an dem sich Hitler umbrachte und die Deutschen alle Eigenschaften verloren: nicht mehr Täter und vor der Karriere des Opfers, ein Volk im moralischen Niemandsland.

Kluge war es auch, der zusammen mit dem Vox-Geschäftsführer Frank Hoffmann die Idee hatte, mit dem Ablauf eines einzigen Tages das ganze Drama vom Ende der Nazi-Herrschaft und einem noch nicht sichtbaren Neuanfang als großen Thementag im Fernsehen zu erzählen.

Mit SPIEGEL-TV-Autor Michael Kloft konnte diese Idee realisiert werden. Der gebürtige Bonner hat zahlreiche Preise für historische Dokumentationen gewonnen und hat auch wie nur wenige Zugang zum Original-Filmmaterial aus der Nazi- und Weltkriegszeit. Klofts Orientierung an den originalen Filmquellen führt dazu, dass in dieser monumentalen Geschichtslektion kein Schauspieler Uniform anzieht und kein falscher Hitler "Reenactment" betreibt. Mimen gibt es nur in Zivil, wenn sie, klar als Schauspieler erkennbar, Briefe oder Stellungnahmen rezitieren.

Geschichte als News-Fernsehen

Die erste spannende Frage ist, was passiert, wenn man die Geschichte eines historisch aufgeladenen Tages dem Ablaufschema des modernen Fernsehens unterwirft. Kommt man so näher heran an die Vergangenheit?

Zu jeder vollen Stunde gibt es ein jeweils zehnminütiges Nachrichtenprotokoll von wichtigen Ereignissen, die gerade geschehen. Die SPIEGEL-TV-Moderatorin Maria Gresz führt durch diese Protokolle, sachlich, ohne jeden Anflug der Koketterie, ohne sich als Nachgeborene über den Wahn der Vergangenheit zu erheben.

Natürlich hat die Form der stündlichen Nachrichten etwas Künstliches. Jeder weiß, dass es damals keine Möglichkeiten zu Schaltungen in ein Live-Geschehen gab, dass niemand da war, der die gesamte Aktualität zentral beobachten konnte, dass alle in ihren eigenen Zeithorizonten steckten und keiner an einer Weltzeit, die alles synchronisiert, interessiert war. Man musste sich mit dem Tod auseinandersetzen, den überblickt kein Medium. Aber das Gute an dem Vox-Schema ist, dass es nicht minutenpenibel durchexerziert wird und durch viele Informationen Horizonte öffnet und nicht an der Adolf-Story hängenbleibt.

Zunächst lernt der Zuschauer die verwirrenden Herrschaftsräume und Ungleichzeitigen des untergehenden Deutschlands an diesem 30. April kennen. Zwei Drittel des Reichsgebiets sind von den Alliierten unter ihre Kontrolle gebracht worden. In Berlin läuft der Häuserkampf Richtung Zentrum, in Aachen, schon länger besetzt, wird die Wiedereröffnung von 40 Geschäften gefeiert. Hamburgs Gauleiter Kaufmann bittet um Dönitz' Zustimmung, die Hansestadt den "Westkämpfern" (Engländern und Amerikanern) kampflos übergeben zu dürfen, weil er gehört hat, die Rote Armee wolle bis Dänemark vorstoßen.

Keine Schonung für den Zuschauer

Zur Schweizer Grenze drängen nicht nur befreite Fremdarbeiter, sondern auch ihre Sklavenhalter, deutsche Volksgenossen, die es nun auf einmal nicht mehr in Hitlers Reich aushalten. Letztere allerdings vergeblich. Eigenschaftssuche in ihrer frechsten Form.

Die Amerikaner öffnen das KZ Sandbostel bei Bremervörde und sind fassungslos über den Leichengestank und den Schmutz in den verwahrlosten Baracken. Das allerdings darf Kloft nur ohne Leichen zeigen. Der Jugendschutz verbietet deren Zurschaustellung vor 23 Uhr.

Aber die Bilder des Grauens werden nachgeholt. Das massenhafte KZ-Sterben füllt am Abend die Stundenprotokolle als Kontrapunkt zum endlosen Suicide-Ritual des Diktators und seines Paladins Goebbels im Bunker mit den fünf Kindern und Frau Magda. Von den Dokumentationen "Der Bunker", "Das Testament", "Der Selbstmord" bleibt die geschmacklose Sprache des Leibwächter Rochus Misch hängen. Ein Getreuer des Teufels spricht Entsetzliches: Wie er Eva Braun, Hitlers Frau, zur Verbrennung im Garten des Bunkers trägt und sich vor dem Blausäuregestank der Selbstmörderin ekelt. Wie über das ausgehobene Grab für das "Führer"-Paar Benzin ausgegossen wird, wie es sich wegen des Bombensturms nicht sogleich entzünden lässt, wie sich die Schar der Hitler-Schergen hinter die Bunkertür zurückzieht, wie ein herausgeworfener Fidibus die Flammen dann doch noch entzündet und sich Eva Braun in der Hitze der Flammen aufbäumt und sich Misch erinnert: "Sie sah aus wie eine geschmorte Gans".

Geschmack, Schonung, Verharmlosung zeichnet diesen Themenabend nicht aus. Das Ende ist, wie es ist. Grausig.

"Ein Tag schreibt Geschichte", Sonnabend 12.00 Uhr, Vox