Götz-George-Preis für Margit Carstensen Eine Kamerapirouette für diese Schauspielerin!

Beherrschen und beherrscht werden: Die Fassbinder-Aktrice Margit Carstensen lotete bis zur Selbstzerfleischung Machtgefälle aus. Jetzt erhält sie den Götz-George-Preis, der vergessene Schauspielgrößen ehrt.

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Wer es pathetisch mag, könnte sagen, Margit Carstensen ist die Frau, für die die Kamera das Pirouettenschlagen lernte. Es war 1973, da entwickelte der deutsche Kameramann Michael Ballhaus seine berühmte 360-Grad-Kreisfahrt, die er später in den USA kultivierte. Sie ist gleich am Anfang von Rainer Werner Fassbinders Kinofilm "Martha" zu sehen: Carstensen geht an ihrem Spielpartner Karlheinz Böhm vorbei, die Liebe schlägt ein, die Kamera scheint auf einmal Walzer zu tanzen und dreht sich im Taumel der Gefühle um die Figuren, die wie ein eigenes Kraftfeld funktionieren.

Mit dem Taumel ist es in dem Film jedoch bald vorbei. Die von Carstensen gespielte Titelheldin ist an einen Sadisten geraten, der sie erst subtil und dann ganz offen dominiert. Dass man dem Film in seiner perfiden Dynamik folgt, liegt vor allem auch an Carstensen, die in Momenten der grausamsten Unterwerfung die Szene beherrscht, ohne dafür billige Emotionalisierungskniffe abzurufen. Eine Kamerapirouette für diesen Kraftakt!

Carstensen selbst dürfte so ein Pathos aber gar nicht zusagen. Der Zeitung "Die Woche" sagte die Schauspielerin, die in den Siebzigerjahren bis nahe der Selbstzerfleischung den tragischen, schmerzlichen, unauflöslichen Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt in kleinsten sozialen Zellen darstellte, einmal in einem Interview: "Dass ich so tragisch aussehe, ist mir selbst manchmal lästig. Vielleicht kommt diese Ausstrahlung daher, dass ich tatsächlich oft leide - an Migräne."

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Margit Carstensen: Quälen für die ganz große Filmkunst

Der Schmerz war also immer irgendwie eingebongt, wenn sie auf Bühne oder Filmset stieg. Nach dem Abitur 1958 begann die Arzttochter eine Schauspielausbildung in Hamburg; auf Bühnenengagements in der Provinz folgten vier Jahre am Schauspielhaus in der Hansestadt. 1969 ging sie nach Bremen, wo sie den jungen Fassbinder kennenlernte, mit dem sie mehr als ein Dutzend Filme drehen sollte.

Opfer und Diva, Carstensen beherrschte beides

Beherrschen und beherrscht werden, das waren die Themen der Kooperationen, Carstensens Auftritte waren oft nah an der Hysterie angelegt. Bevor sie die Titelrolle im Masochistinnendrama "Martha" spielte, hatte sie unter Fassbinder 1972 die Titelrolle in "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" gespielt. Sie trug darin als Modeschöpferin eine schwarze Perücke wie einen Helm, und dirigierte mit ihren langen Fingern ihre Liebhaberinnen durch die Luxuswelt ihrer Figur. Opfer und Diva, Carstensen beherrschte beides, manchmal lösten sich die beiden Rollen ineinander aus.

Der "Süddeutschen Zeitung" sagte sie über ihr ambivalentes Verhältnis zu Fassbinder und der Rolle Petra von Kant: "Gern gespielt? Das würde ich jetzt nicht sagen. Diese Verbindung zwischen Macht und Sex finde ich unappetitlich. Aber als ich begriffen habe, dass ich als Petra von Kant Rainer selbst spielte, wurde es wieder interessant."

Für "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" wurde Carstensen gemeinsam mit ihrer Spielpartnerin Eva Mattes mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet. Am Montagabend erhielt sie in Berlin den Götz-George-Preis. Die mit 10.000 Euro dotierte Ehrung soll auf deutsche Schauspielgrößen aufmerksam machen, die drohen, in Vergessenheit zu geraten. Sie wird von der Götz-George-Stiftung vergeben, die unter anderem darauf hinweisen will, unter welchen prekären Bedingungen Schauspielerinnen und Schauspieler arbeiten und vor allem auch alt werden.

Die komische Seite der Kampfdarstellerin

Aus den großen Kino- und Fernsehfilmen ist auch die Ausnahmedarstellerin Carstensen, heute 79 Jahre alt, im Laufe der Achtzigerjahre wieder verschwunden. Wann immer sie wieder auftauchte, brillierte sie mit gewohnter Radikalität, etwa in Romuald Karmakars perfiden Touristen-Panorama "Manila" 2000 oder in Oskar Roehlers pathologischem Familienbefund "Agnes und seine Brüder". Eine lange Arbeitsbeziehung verband Carstensen mit dem ebenfalls in Sachen Selbstzerfleischung hochversierten Christoph Schlingensief und dem Regisseur Leander Haußmann, der wie kein anderer zuvor die komische Seite der Kampfdarstellerin ausleuchtetet.

Richtig glücklich machte uns ein Wiedersehen mit Margit Carstensen in einem ungewohnt heiteren "Tatort" vom Bodensee 2016: In der Folge "Wofür es sich zu leben lohnt" - Regie führte Aelrun Goette - tat sich mit ihren einstigen Fassbinder-Kolleginnen Hanna Schygulla, Irm Hermann und Eva Mattes in einer sympathischen Riot-Grrrl-WG für ältere Semester zusammen. Das Schöne war: Kein Regie-Macho zerstörte hier die Eintracht mit forcierten Machtspielchen.


Am 29. August findet in der Deutschen Kinemathek in Berlin die von der Götz-George-Stiftung, dem Grimme-Institut und der Kinemathek organisierte Diskussionsveranstaltung zum Thema "Ruhm statt Rente" statt.

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insgesamt 4 Beiträge
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hw7370 19.08.2019
1. Widerlich
Von wegen "Kein Regie-Macho....". Waere Fassbinder nicht der Regie-Macho gewesen, haette es seine teils genialen Filme nicht gegeben. Peter Palitzsch versucht das Mitspracherecht im Schauspiel Frankfurt (also kein Regie-Macho) zu sein und scheiterte, wie ich mitbekam, damit klaeglich, weil die Schauspieler eine Fuehrung wollten. Aber im Zuge eines falsch verstandenen "Sexismus" und ganz falsch verstandenen "Gleichberechtigung", muss auch die letzte maennliche Groesse erniedrigt und zusammengestaucht werden, um ja politisch correct zu schreiben. In diesem Falle laesst sich der Artikelschreiber hinreissen, noch einen kleinen fiesen Schlag von unten nach oben auszukeilen. Neidkultur dass er nicht aus ganzem Herzen Mann sein kann, oder was? Man kann Kunst nicht in Diskussionen herstellen, weder als Autor noch als Komponist, Maler oder als Regiseur. Davon abgesehen ist dem Schreiber jedoch eine wunderbare Charakterdarstellung der Schauspielerin gelungen. Dafuer Danke (alleine geschrieben als Schreiber-Macho oder im Kollektiv?)
Weltgeisterer 20.08.2019
2. Vergessene Filme gibt es auch...
Schöner Preis! Es wäre noch schön gewesen, "Welt am Draht" zu erwähnen - für alle die Fassbinders Gesellschaftsdramen nicht so ansprechend finden, denn dort können auch Science-Fiction-Freunde Margit Carstensen erleben. Außerdem wäre bei den neueren Filmen "Finsterworld" von Frauke Finsterwalder und Christian Kracht zu erwähnen, in dem Carstensen eine sehr intensive Rolle spielt. Wer diesen Film verpasst hat, sollte ihn sich auf jeden Fall ansehen.
Dazed with grief 20.08.2019
3. Hinreichend verachtet
Die Verachtung der Deutschen für ihre Künstler ist ja ein Topos. In einer Eventkultur hätten sie sich eben rechtzeitig auf die Schaustellerei verlagern sollen. Las Vegas zeigt ja wie das geht - für Popstars jenseits ihres Verfallsdatums. Schauspielerinnen waren schon immer prädestiniert für die Trophäe reicher Männer. Frau Ferres zeigt ja, wie das geht. Dass Frau Carstensen nichts dergleichen zeigt, zeigt eben ihre Kunst. Die mit € 10.000-, hinreichend verachtet wird.
Emil Peisker 21.08.2019
4. Simolacron 3...
Zitat von WeltgeistererSchöner Preis! Es wäre noch schön gewesen, "Welt am Draht" zu erwähnen - für alle die Fassbinders Gesellschaftsdramen nicht so ansprechend finden, denn dort können auch Science-Fiction-Freunde Margit Carstensen erleben. Außerdem wäre bei den neueren Filmen "Finsterworld" von Frauke Finsterwalder und Christian Kracht zu erwähnen, in dem Carstensen eine sehr intensive Rolle spielt. Wer diesen Film verpasst hat, sollte ihn sich auf jeden Fall ansehen.
Ja, Sie haben recht. "Welt am Draht" von 1973 war ein gut gemachter Science Fiction Film, der von der Idee und den Charakteren der Schauspieler lebte. Die Qualität der Schuspieler die Regie von Fassbinder und vor allem die Kameratechnik des später legendären Ballhaus haben diesen Film geschaffen. Ich habe gestern die remasterte Fassung auf DVD noch einmal angeschaut. Immern noch faszinierend, trotz der Blockbusterkonkurrenz durch Emmerichs "The 13. Floor" Ich hatte zuerst das Goldmann-Taschenbuch gelesen und erwartete nicht, dass der Film mich wegen der Kenntnis der Story faszinieren könnte. Es kam anders. Die Darstellung der Schauspieler war so überzeugend, dass sie meine Vorstellungen der Buchfiguren bei weitem übertrafen. Der Roman Simulacron 3, von Daniel F. Galouye, US-Amerikaner, erschien 1964 und im Januar 1965 bei Goldmann.
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