Markus Söder bei Lanz Eiertanz um Evidenzen

Mit Markus Söder hatte Markus Lanz kein so leichtes Spiel wie unlängst mit Armin Laschet. Ein Sperrfeuer an Fragen sollte den CSU-Vorsitzenden in der K-Frage durch den Laden treiben – entlocken ließ er sich nur ein Detail.
CSU-Chef Markus Söder in der Videoschalte bei Markus Lanz

CSU-Chef Markus Söder in der Videoschalte bei Markus Lanz

Foto: ZDF

Für Politiker empfiehlt es sich derzeit, besser mal »zugeschaltet aus München« als in Hamburg auf Tuchfühlung mit Markus Lanz zu sein. So gesehen war Markus Söder in einer komfortableren Position als sein Kontrahent Armin Laschet. Die beiläufige Berührung, das Zugewandte und das plötzliche Abwenden, den ganzen körpersprachlichen Teil seines suggestiven Repertoires konnte der Moderator diesmal nicht zur Anwendung bringen.

Umso interessanter, was Lanz aus dieser für ihn unbequemeren Lage macht – und wie Söder seine Distanz nutzt, um in heiklen Momenten spornstreichs den Rückzug anzutreten.

Heikel wird es durchaus. »Könnten Sie das? Die Politik von Angela Merkel fortführen?«, fragt Lanz. Ja, freilich kann der Söder das! Dies jetzt öffentlich einzuräumen, wäre allerdings erstens ein Bekenntnis zu seinem Machtwillen, zweitens ein Bekenntnis zum Erbe von Merkel. Will der Söder das?

Volle drei Sekunden arbeitet es in ihm, bis er vor der dreifachen Tücke dieser nur scheinbar harmlosen Erkundigung kapituliert: »Sehr geschickte Frage jetzt, ähm, weil, sie leitet auf das eigentlich spannende Thema hin. Aber Sie kennen mich ja aus vielen Gesprächen, schon früher, als Sie mich nach allen möglichen Ämtern gefragt haben«, er bleibe bei seiner »These«, es könnten »einige und viele« diese »Aufgabe schultern«, und es bewürben »sich ja auch sehr viele«. Uff.

»Warum machen Sie das?«

Vergleichsweise lange Rechenzeit braucht Söder auch auf die Frage, ob er »Mitleid« mit Armin Laschet gehabt habe, nachdem der bei Anne Will »abgewatscht« (Lanz) worden sei: »Also, zunächst a’mal, ähm, ich glaube, ich bin nicht dazu da, andere Interviews zu bewerten«. Es wäre »auch unfair, wenn wir bei ›Markus Lanz‹ eine andere Sendung aus der ARD bewerten«. Und so weiter.

Auf diese Weise kommt Lanz einem Söder nicht bei, jetzt zieht er andere Saiten auf. Er zitiert – das liest er sogar ab, denn es ist ihm wichtig – Söder mit dem Satz, Umfragen spielten in der K-Frage »natürlich eine wichtige Rolle, weil sie ein wichtiger Maßstab für die Akzeptanz von Personen in der Bevölkerung sind«. Wohingegen (»kleines, aber nicht unwichtiges Detail«) Armin Laschet, der in Umfragen schlecht abschneidet, »seit Wochen« das Gegenteil verbreitet: »Warum machen Sie das? In der CDU wurde das gewertet als richtiger Tritt vors Schienbein.«

Wieder so eine Frage. Tja, warum macht der Söder das wohl? Weil es so ist? Weil es seine eigene Position stärkt und die seines Mitbewerbers schwächt, den Vorsitzenden der Schwesterpartei? Liegt das nicht auf der Hand? Wieder nimmt sich Söder alle Zeit der Welt, drei Sekunden, und lässt Lanz mit einem gedämpften »Warum?« ins Leere laufen. Lanz läuft aber ungern ins Leere: »Sie haben die Frage schon verstanden!«, stellt er mit einer gewissen Schärfe fest.

Söder beharrt, er versuche allen Ernstes »zu verstehen, warum« das wohl ein Tritt vors Schienbein sein könne, wie jemand überhaupt auf eine so absurde Idee kommen kann.

Nicht den ganzen Kuchen, aber doch einen Krümel

Lanz hilft gerne weiter, und er tut das freihändig mit einem einzigen Satz von Proustscher Monumentalität: »Na ja, wenn Armin Laschet immer wieder sagt, auf Umfragen schauen wir nicht, wissend, dass seine eigenen Umfragewerte nicht gut sind, und Sie wissen, dass Ihre eigenen Umfragewerte exzellent sind und dass Sie politisch näher an Angela Merkel stehen, die Armin Laschet, ihren eigenen Vorsitzenden, gerade angezählt hat vor fünf Millionen Zuschauern, und gleichzeitig dann sagen, selbstverständlich spielten Umfragen eine Rolle, weil sie ein wichtiger Maßstab für die Akzeptanz in der Bevölkerung sind, dann, finde ich, ist die Frage gerechtfertigt, warum Sie das tun.«

Worauf Söder zunächst betont, wie wichtig ihm »Harmonie« sei, bevor er auf die K-Frage bei den Grünen ausweicht, wo auch »gehakelt« werde – worauf Lanz endlich hat, was er wollte, wenn schon nicht den ganzen Kuchen, so doch einen Krümel: »Das heißt, bei Ihnen wird schon auch gehakelt, also das halten wir schon einmal fest!«

Es bleibt ein Eiertanz um Evidenzen. Söder ist bemüht, sich unter dem Stress des Verhörs nicht zu verplappern. Und Lanz ist bemüht, Söder mit einen Sperrfeuer an Fragen durch den Laden zu treiben, damit vielleicht doch noch Porzellan zu Bruch geht.

Hart erkämpftes Unentschieden

Irgendwann spielt Söder nur noch auf Zeit. Umfragewerte könnten sich ändern, das sei wie »mit den Einschaltquoten«, und zwar »in der einen Woche so, in der anderen Woche so«. Lanz stellt fest, dass er diese »rhetorische Figur« schon kennt, »das machen Sie gerne mal«, worauf Söder, der die Frage schon ahnt, Lanz überrollt und sagt, doch, das »klappt jedes Mal, Herr Lanz, klappt jedes Mal«, es »klappt immer, klappt immer«.

Kurz darauf ist er »wieder ernst«, weil die kleine Machtdemonstration zuvor offenbar witzig gemeint war, und verspeist demonstrativ seine Vorräte an Kreide: »Ich wäre fast in Versuchung gewesen, mehr zu sagen. Aber nachdem Sie mir jetzt mehrfach gesagt haben, dass ich da einen Tritt vors Schienbein gebe, haben Sie mich ermahnt, genau das nicht zu tun und mich gut zu verhalten«, er werde das mit »dem Armin« besprechen, nicht mit Markus Lanz: »Danke noch mal für die Erinnerung.«

Für Söder war dieser Auftritt ein hart erkämpftes Unentschieden. Beim Zuschauer festigt sich die Erkenntnis, dass Markus Lanz' extremsportliche Gesprächsführung derzeit zwar nicht informativer oder gedeihlicher, aber allemal unterhaltsamer ist als alles, was sie von »politischen Talksendungen« sonst so gewohnt ist.

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