Martin Scorsese über Streamingdienste »Sie wissen nichts über Film als Kunstform«

Netflix und Apple finanzierten seine letzten Filme – freundlich gesinnt ist Martin Scorsese den Streamingdiensten deshalb nicht. Es werde nicht mehr unterschieden zwischen Werbung, Katzenvideos und Filmkunst.
Unzufriedener Meisterregisseur: Martin Scorsese

Unzufriedener Meisterregisseur: Martin Scorsese

Foto: Michael Tullberg / Getty Images

Vor zwei Jahren ließ Martin Scorsese kein gutes Haar am Superhelden- und Blockbuster-Kino: Für ihn sei das mehr Freizeitpark als Kino, schrieb er damals in der »New York Times«. Jetzt legt der legendäre Regisseur von Filmen wie »Taxi Driver« und »The Wolf of Wall Street« nach und knüpft sich die Streamingdienste im Besonderen vor.

In einem Essay  über den italienischen Regisseur Federico Fellini für die Zeitschrift »Harper's Magazine« schreibt Scorsese, Kinokunst werde »systematisch entwertet, an den Rand gedrängt, erniedrigt und auf die kleinste Schnittmenge reduziert.« Filme seien nur noch »Content«, zu Deutsch: Inhalte.

»Content« sei zu einem Branchenbegriff geworden, »der für alle bewegten Bilder gleichermaßen genutzt wird: einen David-Lean-Film, ein Katzenvideo, einen Super-Bowl-Werbeclip, das Sequel zu einem Superheldenfilm, eine Serien-Episode«. Der Begriff, so Scorsese, sei nicht an einen Kinobesuch geknüpft, sondern an das Schauen zu Hause auf den Streamingplattformen, das den Besuch im Kino überholt habe wie Amazon den Einkauf im Laden.

Scorsese selbst lässt sich seine jüngsten Filme von Streamingdiensten finanzieren: »The Irishman« von Netflix und seinen neuen Film, das 200-Millionen-Dollar-Epos »Killers of the Flower Moon«, von Apple. Mit Apple TV+ schloss er sogar einen Exklusivvertrag ab, der ihn zur Entwicklung von mehr »Content« verpflichtet.

»Filme gehören zu den größten Schätzen unserer Kultur«

Das allerdings entwertet nicht die Kritik, die er anführt. Es zeigt vielmehr, dass großes, teures Kino, das kein Superhelden-Epos ist, heutzutage nicht mehr von den klassischen Filmstudios finanziert wird. Gleichzeitig tritt Scorsese seit jeher als Anwalt des Kinos auf, vor allem der Filmgeschichte. Seine Expertise in diesem Bereich ist unbestritten.

Er fordert von den Streamingplattformen, Zuschauer nicht nur als Konsumenten zu behandeln, denen ein Algorithmus neue Konsumvorschläge macht.

»Wir, die wir die Bedeutung des Kinos und seiner Geschichte kennen, müssen unsere Liebe und unser Wissen mit so vielen Menschen wie möglich teilen«, schreibt Scorsese. Und weiter: »Wir müssen den gegenwärtigen Rechteinhabern klarmachen, dass diese Filme mehr sind als ein Besitz, der ausgebeutet und weggeschlossen werden kann. Diese Filme gehören zu den größten Schätzen unserer Kultur, und sie sollten dementsprechend behandelt werden.«

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