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Sat.1-Comedy mit Martina Hill: Ich und mein Flutschfinger

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Martina Hill in "Knallerfrauen" Kinder, tut die weh

Ein Fall für das Jugendamt? In der Sat.1-Sketchsendung "Knallerfrauen" lässt sich Martina Hill mit Minderjährigen volllaufen und schickt Vierjährige zum Ackern auf den Bau. Grandiose Unterhaltung, die so schmerz- wie lustvoll Weibchenklischees auf den Kopf stellt.

Eigentlich sollten die Verantwortlichen der Sketchserie "Knallerfrauen" beim Abspann den Hinweis bringen, dass bei der Herstellung kein Kind zu Schaden gekommen sei. So wie es Hollywood-Produzenten mit Verweis auf Tiere tun, wenn die in Filmen gefährliche Stunts hinlegen müssen. Denn wenn in der dritten Staffel der Comedy mit Martina Hill Kinder auftauchen, tut es immer weh. Sehr weh.

Man nehme nur die erste "Knallerfrauen"-Folge, die am Freitag auf Sat.1 zu sehen ist: Ein Baby wird von einer gestressten Mutter in die Obhut eines Penners gegeben, als Lohn gibt es eine Flasche Korn. Eine Vierjährige, die Taschengeld einfordert, wird mit Schutzhelm zum Zementsäckeschleppen auf den Bau geschickt. Ein Junge unternimmt mit seiner Mutter eine Achterbahnfahrt, obwohl die sternhagelvoll ist und nicht mal die Sicherheitsstange über den Bauch ziehen kann. Ein anderer Junge kriegt beim Blindekuhspielen den Stiel einer Harke ins Gesicht geschlagen und fällt ohnmächtig um.

Verwahrlosung, Alkoholismus, Kinderarbeit, Gewalt gegen die Schwächsten der Gesellschaft: Wenn man die Sketche in "Knallerfrauen" anreißt, könnte man denken, sie seien ein klarer Fall für das Jugendamt. Wenn man sie anschaut, kommt man aus dem Lachen nicht raus.

Die Warenwelt als wahrer Horror

Woran liegt's? Es sind diese minimalen Verschiebungen in der Inszenierung, mit der eine Szene aus der allernormalsten Fernsehnormalität herausgehoben und großes absurdes Theater wird. Das Tolle ist ja: Martina Hill, 39, Pilates-schlank und Sat.1-blond, sieht aus wie eine dieser Heldinnen in gehobenen Frauenkomödien des Senders. Und das Setting für ihre Sketche sieht ebenfalls aus wie aus einer dieser gehobenen Frauenkomödien: schöne, große, sonnengeflutete Wohlfühlinterieurs, in denen sich prima Werbespots platzieren lassen. Durch Nuancen aber kippt das Wohlfühlszenario ins Vulgäre und die Warenwelt in den wahren Horror.

Martina Hill fällt dabei einerseits komplett aus der Rolle des werbetauglichen Weibchens - und bleibt andererseits doch auf abstruse Weise immer in ihr drin. Etwa wenn sie als gestresste Vorzeigemutter das Baby beim Penner abgibt, aber nicht vergisst, ihm zur Flasche Korn auch noch mit patenter Geste eine extragroße Tüte Pampers zu reichen. Mutti ist eben doch die Beste. Oder Bestie.

Es sind diese minimalen Übertreibungen, mit der Hill ihre Figuren ins Monströse aufbläst. So war es ja schon bei der Fernsehpersiflage "Switch Reloaded", wo sie durch ein paar abgeguckte, ganz leicht vergrößerte Gesten TV-Promis zu angsteinflößenden Freaks machte, etwa wenn sie die ARD-Börsenexpertin Anja Kohl unter Abfeuern irre gerappter Bauernweisheiten als Dax-Junkie daherkommen oder wenn sie die ZDF-Nachrichtenfrau Gundula Gause mit Grabesstimme wie ein Zombie klingen ließ. Beängstigend.

Beängstigend auch, wie Martina Hill - nicht zu Unrecht als deutsche Tina Fey gefeiert - in Folge des "Switch Reloaded"-Erfolgs zur Retterin des Witzes im eigentlich nicht so witzigen deutschen Fernsehen stilisiert wurde. Hill hier, Hill dort: Neue Folgen von "Switch Reloaded" für ProSieben sind in Planung, nebenbei ist die Komikerin festes Mitglied der "heute show" im ZDF, und auch die ARD klopft immer mal wieder an, wenn man glaubt, was Lustiges auszuhecken.

Am besten aber ist Martina Hill, wenn sie ganz auf sich zurückgeworfen ist. Das heißt, wenn sie wie jetzt in der dritten Staffel von "Knallerfrauen" ihren Werbeweibchencharme ins Aberwitzige kippen lässt und sich dabei auf brutal komische Weise von allem befreit, was Werbeweibchen sonst so an den Hacken haben. Von Männern, Blagen und allen anderen Plagen.


"Knallerfrauen", freitags, 22.30 Uhr, Sat.1

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