Marvel-Serie »She-Hulk« Wer hat Angst vor der großen, starken (und grünen) Frau?

Sie trägt ihr Date ins Bett, tuschelt mit dem TV-Publikum und findet die Rolle als Superheldin eher hinderlich für die Karriere: Warum »She-Hulk« in der neuen Marvel-Komödie unwiderstehlich und radikal weiblich ist.
Tatiana Maslany als She-Hulk: Hebt Macho-Topoi des Genres aus den Angeln

Tatiana Maslany als She-Hulk: Hebt Macho-Topoi des Genres aus den Angeln

Foto: Marvel Studios / Disney+

Rumms, landet der dicke Aktenordner auf dem Tisch: Mehrere Jahre habe er gebraucht, sagt Bruce Banner, bis er gelernt habe, sein durch extreme Gammastrahlung induziertes Alter Ego, den sogenannten Hulk, unter Kontrolle zu bringen. Das alles kurz und klein hauende Monster übernimmt immer dann die Kontrolle, wenn der Wissenschaftler in Stress gerät. Kenner von Marvels Superhelden-Comics und den erfolgreichen »Avengers«-Filmen sind mit dem giftgrünen Wutbolzen gut vertraut. Wie es ihm mühsam und langwierig gelang, Ängste und Wut zu beherrschen, sodass er nun ganz manierlich als »Smart-Hulk« mit Brille und ausgeglichenem Gemüt auftritt, hat er akribisch dokumentiert.

She-Hulk Jennifer Walters (r.) mit Cousin Bruce Banner alias Smart-Hulk: »Meine Wut kontrollieren? Das tue ich ständig!«

She-Hulk Jennifer Walters (r.) mit Cousin Bruce Banner alias Smart-Hulk: »Meine Wut kontrollieren? Das tue ich ständig!«

Foto: Marvel Studios / Disney+

Das soll seiner Cousine zugutekommen, die bei einem Verkehrsunfall mit Banners Blut in Berührung gekommen ist und nun ebenfalls über eine Hulk-Persönlichkeit verfügt. Doch Jennifer Walters hat gar keine Probleme, ihre neue Superpersönlichkeit in Schach zu halten: »Meine Wut kontrollieren?«, faucht sie Bruce in der ersten Episode der neuen Marvel-Serie »She-Hulk« an, »das tue ich ständig! Wenn ich auf der Straße angepöbelt werde, wenn mir inkompetente Männer mein eigenes Fachgebiet erklären, ich tue es jeden Tag, denn wenn ich es nicht tue, werde ich als emotional oder schwierig bezeichnet oder laufe buchstäblich Gefahr, ermordet zu werden. Ich bin also Expertin darin, meine Wut zu kontrollieren, denn ich tue es definitiv öfter als du.« Die ganze gut gemeinte, aber arg paternalistische Anger-Management-Lektion von Hulk zu Hulk fühle sich für sie so an, »als würde eine Menge Scheiße auf mich projiziert«. Sie sagt nicht »Männerscheiße«, aber es ist klar, was gemeint ist.

»She Hulk«, eine zunächst neun Episoden lange Serie halbstündiger Episoden, ist der neueste Eintrag ins inzwischen recht umfangreiche TV-Portfolio des Comic- und Kino-Giganten, und bereits nach vier der Presse gezeigten Folgen deutet sich an, dass es einer der bisher besten sein könnte. Dank Serienschöpferin und Drehbuchautorin Jessica Gao (»Rick and Morty«), Episoden-Regisseurinnen wie Kat Coiro (»Marry Me«) und nicht zuletzt der großartigen Hauptdarstellerin Tatiana Maslany, die in der Klon-Saga »Orphan Black« rund ein Dutzend verschiedene Versionen ihres Rollencharakters spielte, wird Weiblichkeit hier nicht wie bisher so oft auf maskuline Muster gebappt wie ein hübscher Alibi-Sticker, die Macho-Topoi des Superheldengenres werden vielmehr mit inhärent weiblichem Humor und selbstironischer Comedy ganz und gar aus den Angeln gehoben.

Hulk-Training in »She-Hulk«: »Sorry, aber zitierst du gerade aus einem Comicheft?«

Hulk-Training in »She-Hulk«: »Sorry, aber zitierst du gerade aus einem Comicheft?«

Foto: Marvel Studios / Disney+

So erteilt Jennifer nicht nur den pseudosmarten Lektionen des Hulk-Männchens eine Absage, sie pfeift auch auf sein weihevolles Gefasel von großer Verantwortung und großer Macht, jene ewige Heldendialektik, die ihre Superkräfte angeblich mit sich brächten. »Sorry, aber zitierst du gerade aus einem Comicheft?«, lacht sie Bruce aus: Das sei doch nur was für dysfunktionale Psychos, meint sie. Sie sei nicht bereit, sich ihr Leben wegnehmen zu lassen.

Die Einsamkeit der starken Frau hat nichts Heroisches

Jennifer empfindet ihre neue, bald auch in der Öffentlichkeit und in sozialen Medien zum Spektakel erhobene Rolle als zunehmend hinderlich in ihrer Karriere als aufstrebende Anwältin. Ihren Job als Vizestaatsanwältin ist sie jedenfalls nach einem heroischen She-Hulk-Einsatz im Gerichtssaal erst einmal los. Die gegnerische Anwaltskanzlei hingegen engagiert sie gern – allerdings nicht zuvorderst wegen ihrer juristischen Skills, sondern wegen ihrer Superkräfte: Sie soll medienwirksam Klienten vertreten, die ebenso wie sie zur Riege der Freaks und Superwesen gehören.

Dazu gehört auch, dass sie Jennifer ständig in ihrer aufwendig mit Motion-Capture-Anzügen und CGI animierten She-Hulk-Form zeigen muss. Zunächst empfindet sie das als frustrierend, weil sie befürchtet, hinter ihrem über zwei Meter großen, grünhäutigen Superego zu verschwinden, Businesskostümchen in Oversize hin oder her. Doch der Clou dieser Serie ist ja gerade, dass mit der Transformation in den Hulk bei Jennifer keine Wesensveränderung einhergeht: »She-Hulk« zeigt auf selbstbewusste Weise, dass jede Frau eine Superheldin in sich trägt, sie wird nur allzu oft nicht entfesselt – oder von der Frau selbst nicht als Empowerment-Tool erkannt, sondern als Alien, das Männer einschüchtert oder abschreckt. So ist Dating als She-Hulk tatsächlich schwierig, wenn sie einen muskelbepackten Beau nach einem Date auf ihren Armen ins Bett trägt – und der Kerl am nächsten Morgen mit seiner Männlichkeit hadert und schwer irritiert ist, als er mit der »normalen«, verletzlichen Jennifer konfrontiert ist. Die Einsamkeit der starken Frau hat nichts Heroisches.

»Okay, das ist komplett neues Terrain«, staunt Original-Hulk Bruce Banner in einer Szene und benennt damit den großen Schritt, den Marvel mit dieser Heldin und dieser Story macht, wenn es darum geht, weibliche Figuren abseits von Männerfantasien als authentisch, komplex und selbstbestimmt darzustellen. Lange mussten Marvels Heldinnen ihr Dasein in den Comics als Pin-ups und vollbusige, leicht bekleidete Sidekicks von Superkerlen fristen, auch She-Hulk, Anfang der Achtziger von Stan Lee und Zeichner John Buscema erfunden, war lange Zeit keine Ausnahme. Inzwischen sind Marvels Heldinnen, darunter Black Widow, Captain Marvel und Ms. Marvel, egal ob auf Papier, Leinwand oder Fernsehschirm, emanzipierter und diverser unterwegs und werden nicht mehr von Männern geschrieben, sondern immer öfter von Frauen. Mehr und mehr dürfen sie daher statt Haut und Kurven auch Charakter zeigen. »She-Hulk« ist das bisher gelungenste Beispiel für diese Entwicklung.

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Auch dramaturgisch geht Marvel mit dieser nach Experimenten wie »Wandavision« und »Loki« ersten Komödienserie neue Wege, denn viel Witz generiert sich in »She-Hulk« durch die selbstreferenziellen Kommentare, die Jennifer ans TV-Publikum richtet, indem sie die sogenannte vierte Wand des Fernsehraums durchbricht. Neben dem bei Fans beliebten Hulk Mark Ruffalo gibt es noch weitere Marvel-Stars, die sukzessive Gastauftritte haben – eine gewohnte Praxis von Comic-Verlagen, weil sie befürchten, dass weibliche Helden beim vorrangig männlichen Leser oder Zuschauer nicht so ziehen. Trotzdem sei das hier nicht die gewöhnliche Jede-Woche-eine-neue-Cameo-Show, belehrt uns She-Hulk klug in einer ihrer direkten Ansprachen – und pocht darauf, die Hauptperson zu sein: »Vergesst nicht, wessen Serie das eigentlich ist!«. Wie könnte man?

»She-Hulk«: ab Donnerstag, 18.8., wöchentlich bei Disney+

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