"Masters of Sex"-Star Sheen "Wir haben ein verkorkstes Verhältnis zum Sex"

Ein Frauenfeind revolutioniert das Intimleben des anderen Geschlechts. So beschreibt Schauspieler Michael Sheen den Reiz an seiner Rolle als Sexualforscher William Masters. Als Star der gefeierten Serie "Masters of Sex" erforscht er die Lust - aber nicht ganz so nüchtern, wie er gern vorgibt.

Sony Pictures/ Showtime Networks/ Sky

Ein Interview von


Michael Sheen, 44, ist ein gefeierter Schauspieler - sowohl in seinem Geburtsland Großbritannien als auch in seiner Wahlheimat USA. Bekannt wurde er vor allem als Darsteller des britischen Ex-Premiers Tony Blair in "The Queen", zuletzt drehte er Publikumserfolge wie "Midnight in Paris" oder "Frost/Nixon". In der am Donnerstag in Deutschland startenden Showtime-Produktion "Masters of Sex" über den Sexualforscher William Masters hat er zum ersten Mal eine Serienhauptrolle übernommen: Als Dr. William Masters setzt er sich zum Ziel, die menschliche Lust zu erforschen - nicht immer aus rein wissenschaftlichem Interesse. Eine neue großartige US-Serie.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Sheen, was wollten Sie schon immer über Sex wissen, wagten aber nicht zu fragen?

Sheen: Alles. Es ist ein furchterregendes Thema, oder?

SPIEGEL ONLINE: Warum denn?

Sheen: Nun, wenn man sich auf eine Beziehung mit anderen Menschen einlässt, macht man sich verletzlich. Man muss etwas von sich enthüllen. Und das scheint uns am meisten Angst zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Sie spielen in der Serie "Masters of Sex" einen Mann, der dem Thema ganz nüchtern auf den Grund gehen will.

Sheen: Ja, William Masters ist ein Mann, der versucht, Sex von allem emotionalen Unsinn getrennt zu betrachten. Wie sich zeigt, hat Masters eine ganze Reihe von Ängsten. Und um sie zu beherrschen, lässt er andere Menschen außen vor. Er gewährt niemandem Zutritt.

SPIEGEL ONLINE: Der Mann ist ein Kontrollfreak.

Sheen: Er ist ein ziemlich komplizierter Typ. Einerseits hat er den tiefen Wunsch, anderen Menschen zu helfen, und er setzt dafür sogar seine Karriere aufs Spiel. Andererseits ist er genauso verkorkst und frauenfeindlich wie die anderen Männer seiner Ära. Ja, er will Kontrolle. Und wie jeder, der den überwältigenden Drang hat, andere zu kontrollieren, reizt er damit die Götter, ihm alle Kontrolle zu entziehen. Das geschieht in Form seiner Assistentin Virginia Johnson...

SPIEGEL ONLINE: ...die ohne medizinische Vorbildung dazustößt und zur Seele des Projekts wird. Aber es geht ja um viel mehr als Sex. Die Serie setzt sich auch mit dem Wandel von Rollenbildern auseinander.

Sheen: Schon faszinierend, dass jemand wie William Masters, der Bahnbrechendes für die Geschlechterpolitik und für die Beziehung der Frauen zu ihrer eigenen Sexualität bewirkte, ein so typischer Repräsentant der vorherrschenden männlichen Ignoranz und der Frauenfeindlichkeit seiner Zeit war. Aber dann hebelt er mal eben Freuds These zum Unterschied zwischen einem vaginalen und einem klitoralen Orgasmus aus. Freud behauptete ja, dass weibliche Selbstbefriedigung eine Form der Hysterie sei. Das war was für junge Mädchen, aber als erwachsene Frau galt es, einen Orgasmus einzig durch die Penetration des Ehemannes zu erleben. Ansonsten stimmte irgendwas nicht.

SPIEGEL ONLINE: Und die Forschung von Masters und Johnson widerlegte das?

Sheen: Genau. Sie bewies, dass das totaler Blödsinn war. Dass es keinen Unterschied zwischen einem klitoralen und einem vaginalen Orgasmus gab. Im Klartext: Es ist völlig okay für eine Frau, sich selbst zu befriedigen. Sie braucht zum Lustempfinden keinen Mann. Das war ein enormer Einschnitt! Nicht, dass seither jede Frau bei der Selbstbefriedigung Masters und Johnson dankt. Vermutlich wissen die wenigsten von ihrer Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Die Forschung der beiden mag bahnbrechend sein - aber man könnte dennoch argumentieren, dass sich seit den Fünfzigern in der Sexualmoral nicht so viel bewegt hat, wie man gern glauben möchte.

Sheen: Ja, wir sagen uns gern, dass wir seit den Fünfzigern weit gekommen sind. In Wirklichkeit sind wir immer noch sehr stark Kinder dieser Ära. Selbstbefriedigung ist ja immer noch ein Tabu. Ich habe Freundinnen gehabt, die lieber gestorben wären als über Selbstbefriedigung zu sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Engländer - können Sie kulturelle Unterschiede im Umgang mit Sexualität ausmachen?

Sheen: Nein, nur schwer. Kulturelle Grenzen sind ja dank Internet und TV stark abgesenkt worden. Ich weiß nicht, ob das Klischee der verklemmten Briten wahr ist. Monty Python haben ja damit gespielt, aber ich bin mit Filmen wie "Trainspotting" großgeworden.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Arbeit von Masters und Johnson neben ihrer befreienden Wirkung nicht auch den seltsamen Zwang geschaffen, ständig noch besseren, aufregenderen, erfüllenderen Sex zu haben?

Sheen: Es ist ein wenig wie das Manhattan Project, dessen Forscher ja auch nicht schuld an Hiroshima waren. Wissenschaftliche Forschung eröffnet immer ein ganzes Areal von Möglichkeiten, und die werden von den kulturellen Überzeugungen der Zeit geformt. Ich glaube, Masters und Johnson waren ziemlich zwiegespalten über den Zustrom von Pornografie in den Siebzigern, dem sie immerhin die Tür geöffnet hatten. Wir können sie nicht dafür verantwortlich machen, wie die Kultur mit ihren Entdeckungen umgegangen ist.

SPIEGEL ONLINE: Sollte man im Hinblick auf die Allgegenwärtigkeit von Sex vielleicht dafür plädieren, das pausenlose Geschnatter über Kopulation ein bisschen zu reduzieren?

Sheen: Nein! Ich finde es absolut wichtig, eine offene Debatte über Sex zu führen. Die größte Gefahr ist, darüber zu schweigen. Der Zugang zu Information über Sex muss gesund sein. Ich habe eine vierzehnjährige Tochter, und als Vater wäre es mir am liebsten, wenn sie überhaupt niemals Sex hätte.

SPIEGEL ONLINE: Warum denn das?

Sheen: Es macht mir eine Heidenangst, dass sie in einer Kultur aufwächst, in der Pornos inzwischen zum Mainstream gehören, und dass es junge Männer da draußen gibt, die meinen, dass man so mit Frauen umgeht. Wir leben in einer Kultur, die ein total verkorkstes Verhältnis zu Sex hat. Betrunkene Mädchen werden auf Partys vergewaltigt, und die Leute nehmen das mit ihren Handys auf, als wär's eine Szene aus einem Porno!

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben, dass Aufklärung das verhindern kann?

Sheen: Das Problem ist: Wir glauben, dass wir eine offene Diskussion über Sex führen. Doch in Wirklichkeit geht es nur darum, dass man uns etwas verkaufen möchte. Es ist das Problem der westlichen Kultur, dass alles kommerzialisiert ist.

SPIEGEL ONLINE: Gehen Sie bei den Dreharbeiten offen mit dem Thema Sex um?

Sheen: Müssen wir ja! Kunst wäre nichts wert, wenn persönliche Erfahrungen außen vor gelassen würden. Normalerweise ist ja eine Sexszene diese Grauzone in einem Film, in der sich alle irgendwie unwohl fühlen. Es ist ein bisschen wie echter Sex: Man hofft, dass es irgendwie okay ist, aber man traut sich nicht, die Dinge anzusprechen und klar zu sagen, was man mag und was nicht. Aber hier drehen wir eine Sexszene nach der anderen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als ehrlich damit umzugehen, damit sich alle sicher aufgehoben fühlen.

SPIEGEL ONLINE: "Masters of Sex" ist aber keine trockene Abhandlung über Sexualität, sondern erfreulich witzig.

Sheen: Klar, wir befinden uns hier ja in einer Ära, die sich vor Sexualität zu Tode fürchtet. Und hier kommt einer, der den Teppich hochreißt und drunterschaut. Das bedeutet, dass unsere Figuren ständig mit Dingen konfrontiert werden, die ihnen höchst unangenehm sind, das ist automatisch komisch. Auch am Set wird ziemlich viel gekichert.


"Masters of Sex", donnerstags, 22.00 Uhr, auf dem Bezahlsender Sky Atlantic HD und auf Abruf über Sky Go via Web, iPad, iPhone, X-Box 360



insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Vex 05.12.2013
1. Schönes Interview
zu der mit Abstand besten neuen US Serie dieses Jahres.
wenco 05.12.2013
2.
"Betrunkene Mädchen werden auf Partys vergewaltigt, und die Leute nehmen das mit ihren Handys auf, als wär's eine Szene aus einem Porno!" Ich kann ihm nur wünschen seiner Tochter eine gewisse Awareness für den richtigen Umgang mit solchen Gefahren mitzugeben. Meistens lässt sich so etwas dadurch verhindern.
NewYork76 05.12.2013
3. Naja...
Ich habe ehrlich gesagt nach 4 episoden nicht weitergeschaut. Die Handlung und Charactere entwickelten sich zu langsam fuer meinen Geschmack. In einem Wort: Langweilig. Da schaue ich lieber Homeland.
SeasickSteve 05.12.2013
4. nicht nur in "Masters ...
Zitat von sysopSony Pictures/ Showtime Networks/ SkyEin Frauenfeind revolutioniert das Intimleben des anderen Geschlechts. So beschreibt Schauspieler Michael Sheen den Reiz an seiner Rolle als Sexualforscher William Masters. Als Star der gefeierten Serie "Masters of Sex" erforscht er die Lust - aber nicht ganz so nüchtern, wie er gern vorgibt. http://www.spiegel.de/kultur/tv/masters-of-sex-star-sheen-im-interview-a-937242.html
... er ist ein genialer Schauspieler. Seine Darstellung des Brian Clough - ist mit vom Besten des Besten ... Clip from The Damned United - Brian Clough's first day as Leeds Manager - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=dYBj_qAJtRA)
tylerdurdenvolland 05.12.2013
5. Bravo....
Zitat von NewYork76Ich habe ehrlich gesagt nach 4 episoden nicht weitergeschaut. Die Handlung und Charactere entwickelten sich zu langsam fuer meinen Geschmack. In einem Wort: Langweilig. Da schaue ich lieber Homeland.
Welch freudige Überraschung, der Kommentar trifft es auf den Punkt. Ja, das Thema ist interessant, aber eben nur füt ein paar Folgen. Dann wiederholt sich alles immer und es ist nur noch langweilig.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.