ProSieben-Show "Matchmakers" Schleifende Verkupplung

Die neue ProSieben-Datingshow "Matchmakers" geht so: Die eigenen Freunde verbünden sich mit Mützen-Ben, um einen öffentlich als verkupplungsbedürftigen Elendssingle zu verhöhnen. Das ist Hochverrat, oder?

Ben Blümel (l.) moderiert die Verkupplungsshow "Matchmakers"
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Ben Blümel (l.) moderiert die Verkupplungsshow "Matchmakers"

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Es braucht nur wenige Minuten, um klar zu erkennen, dass "Matchmakers" ein altbekanntes Format auf ein völlig neues Niveau hebt.

Bislang weckten Datingshows mit ihrem Balz-Personal beim Zuschauen ja vorrangig den dringenden Wunsch, das eigene Leben um jeden Preis beziehungslos zu verbringen. "Matchmakers" wirbt nun dafür, dabei am besten auch komplett auf Freunde zu verzichten.

Denn die könnten sich als gewissenlose Nattern erweisen, die sich mit Ex-Popsänger und nun Moderator Ben (bekannt von "Engel" und Permanentbemützung) verbünden, um einem drei angeblich bindungswillige Menschen ins Singleleben plumpsen zu lassen, das Ganze mit versteckter Kamera zu filmen und dann genüsslich im Fernsehen auszubreiten.

In der Auftaktfolge trifft es Sarah, die über eine Freundesgruppe verfügt, die wie für eine klassische Sitcom zusammengecastet scheint und deren Mitglieder ohne zu lachen Dinge sagen wie "Es war ein Sonntagnachmittag, wir waren gerade auf einem Foodfestival". Ben macht alles noch schlimmer und beschreibt Sarahs tristes Alleineleben mit "Zum Kuscheln hat sie zurzeit nur ihren Kater Balu" - und trifft damit all jene Dauertrash-TV-Konsumierer mitten in die kargen Herzreste, weil man ihm nach seinem hochsympathischen, komplett glaubwürdigen Auftritt im sonderbaren Extremturn-Format "Global Gladiators" auf jeden Fall eine weniger seifige Leistung zugetraut hätte. Nun benutzt er schlimme Schmierenvokabeln wie "Single-Lady", und zur Strafe dafür zischelt Kupplerin Svenja Kuppelopfer Sarah beim ersten Zusammentreffen mit dem Moderator dann "Kennst du noch Ben?" zu.

Ben wurde 2002 mit dem Song "Engel" bekannt
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Ben wurde 2002 mit dem Song "Engel" bekannt

Sarah wird von Ben kurz aufgeklärt, dass ihre drei vermeintlichen Zufallsbekanntschaften der vergangenen Wochen in Wahrheit von ihren Freunden ausgesucht worden waren. Und mit "ausgesucht" meint "Matchmakers": Nach flüchtigem Augenschein aus einer Willigenkartei der Produktionsfirma gezogen, in der Leute archiviert werden, denen es sehr wichtig ist, dass man in einer Beziehung "zusammen lacht und sich versteht".

  • Kandidat Nils wird von den Foodfestivalfreunden wegen seiner schönen Zähne ausgesucht, das ist immerhin ein valides Kriterium auf dem Pferdemarkt, warum soll es also nicht auch in der Liebe gelten.
  • Kandidat Franz besitzt augenscheinlich eine Lichtbox, auf der die Worte "#Love 4 ever" leuchten.
  • Und Kandidat Sebastian zeichnet sich dadurch aus, dass er zweimal am Tag warm für sich kocht. Krass, findet Ben: "Was gab's gestern?" - "Lachs mit Couscous, Spinat dabei", sagt Sebastian. "Alter Schwede", staunt Ben, "kann man auch mal klatschen, finde ich".

Und mehr muss man nicht über die knarzigen Studiogespräch wissen, die den Rahmen der Sendung bilden und schlichtweg wahnsinnig langweilig sind - Fachdiagnose: schleifende Verkupplung.

Vor Publikum schauen sich alle Beteiligten nämlich zusammen an, wie Sarah von ihren Freunden ins Café, auf einen Mal-Abend, zu einem Kochkurs gelockt wird, wo sie dann hochzufällig nacheinander auf die Kandidaten trifft - und unter kaum auffälligen Vorwänden mit ihnen alleine gelassen wird. Es ist sehr unangenehm.

Und ziemlich langweilig, weil die wirklich drängenden Fragen nicht angesprochen werden. Erstens: Warum pinseln Sarah und Franz, als sie beim Malkurs das Thema "Romantik" bekommen, eine Abstraktvagina in Deutschlandfahnenfarben? Zweitens: Wenn Nils "privater Tenniscoach" und Franz "Sport- und Fitnesskaufmann" ist - ist Sebastian dann wirklich "strategischer Produktmanager für Fensterbeschläge", oder in Wahrheit doch auch irgendein Bodyberufler? Und drittens: Wenn Nils und Sarah sich nach dem "zufälligen" Treffen im Café nämlich eh schon zwei Mal auf eigene Faust wiedergesehen haben - wozu braucht es dann noch diese peinliche Wiedervereinigung auf der Studiocouch?

Hier erweist sich Ben leider auch als schludriger Nachfrager: Was sie denn gemacht hätten, bei ihren Treffen? Erst waren sie was trinken, dann was essen, sagt Nils. "Tapas", sagt Sarah. "Oh, lecker", sagt Ben.

Am Ende erwählt Sarah dann auch überraschend Nils, der sie für ein Wochenende nach Paris begleiten darf, fast wie damals bei den schwiemeligen Reisen im "Herzblatt"-Hubschrauber. Ihre Judas-Freunde vertreiben sich die Zeit derweil wahrscheinlich auf einem schönen Craftbeerfestival. Galt Kuppelei nicht ziemlich lange noch als Straftatbestand? Es war früher, ernsthaft jetzt, nicht alles schlecht.



insgesamt 37 Beiträge
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maxmarius 22.03.2019
1. bekannt durch "Engel"
Was ist "Engel"?
ayee 22.03.2019
2. Herzhaft gelacht
Die Lacher sind wieder auf ihrer Seite, Frau Rützel. Schön geschrieben. Jetzt nur noch fix den Freitag schaffen...
fatherted98 22.03.2019
3. Wenn sowas...
...mit mir gemacht würde...würde ich als erstes den Sender verklagen und dann meinen "Freundeskreis" auflösen. Da dass das natürlich nicht passiert, kann man davon ausgehen das die Sendung der reine Fake ist, alle Bescheid wissen und beim Sender unterschrieben haben....gähn.
e_pericoloso_sporgersi 22.03.2019
4.
Es scheint ja Formate zu geben, die so lahm daherkommen, dass selbst Frau Rützels bewährte Verbalakrobatik althonigartig leicht zäh dahertröpfelt. Dennoch danke - wir haben's vermieden und können dank Anjas heroischer Selbstaufopferung wieder mal in der Kantine mitreden.
Froschhaarpinsel 22.03.2019
5. Ich würde ja
Verkuppelung sagen nicht Verkupplung, da das Verb ja verkuppeln ist.
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