"Maybrit Illner" zur GroKo "Es ist für die SPD eine kulturelle Herausforderung, eine Frau an der Spitze zu ertragen"

Die SPD ist vom Personalchaos geschwächt. Und die Kanzlerin muss selbst ihre innerparteilichen Kritiker einbinden. Bei Maybrit Illner ging es diesmal um die Frage: "Ist Schwarz-Rot noch zu retten?"
Moderatorin Illner (3.v.l.) mit ihren Gästen

Moderatorin Illner (3.v.l.) mit ihren Gästen

Foto: ZDF/Jule Roehr

Eine gewisse Tendenz zum Reißerischen ist dieser Tage nicht ganz von der Hand zu weisen. Als Maybrit Illner vor vier Wochen zum Thema Große Koalition einlud, trug ihre Sendung den Titel "Machtkampf um die GroKo - Schulz und Merkel zittern". Jetzt, da die Große Koalition an die Tür klopft und Martin Schulz ausgezittert hat, fragt Illner: "Machtspiele am Abgrund - ist Schwarz-Rot noch zu retten?"

Mit Olaf Scholz, dem unter Umständen designierten Schattenfinanzminister und kommissarischen Vorsitzenden der SPD, sitzt diesmal immerhin ein veritabler Mitspieler um die Macht mit am Tisch. Ihm gegenüber Paul Ziemiak von der Jungen Union, der sich als folgsame, eben konservative Variante von Kevin Kühnert präsentiert. Zwar werde er "aus Verantwortung für das Land" auf dem CDU-Parteitag dem Vertrag zustimmen, dies allerdings "ohne Leidenschaft und ohne Sympathie" tun. Gut gebrüllt, Löwe!

"Aber immer nur Klein-Klein"

Wolfgang Gründinger vermittelt seine Bauchschmerzen da schon glaubhafter. Er ist von der "Stiftung Generationengerechtigkeit", seines Zeichens Jungsozialist und altersgemäß desillusioniertes Mitglied seiner Partei. Er habe, weil er darüber abstimmen müsse, den Koalitionsvertrag gelesen und darin "viele gute Dinge" gesehen, "aber immer nur Klein-Klein".

Gründinger würde gern wissen, was auch einen Paul Ziemiak interessieren dürfte: Wie zu vermitteln sei, dass seine Partei noch gebraucht werde? Wie könne man es schaffen, dass "die SPD keine CDU light wird" und umgekehrt? Eine feine Gelegenheit für Ziemiak, sich konziliant zu geben ("Keiner hat ein Interesse daran, dass eine so alte Volkspartei den Bach runtergeht") und aufgestauten Frust bei der Gegenseite abzuladen - statt vor der eigenen Haustüre.

Ihn nerve, so Ziemiak, dass es "in den letzten Wochen ausschließlich um die Befindlichkeiten der SPD-Mitglieder ging" und den Jusos nur "um die Partei, nie um Deutschland". Wobei natürlich auch die CDU sich neu aufstellen müsse als alte Volkspartei, mit Flügeln "von Blüm bis Merz". Er, so Ziemiak, wolle "lieber nach vorne schauen".

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Auf das Kommende hat auch Olaf Scholz seinen Tunnelblick gerichtet. Keineswegs möchte er "die Frage in den Mittelpunkt der Debatte" stellen, "wie jetzige Dinge zustande gekommen sind". Illners Frage, ob denn Manuela Schwesig mit ihrer Einlassung richtig liege, dass "die alten Machtkämpfe der Männer der Partei massiv geschadet" hätten, beantwortet Scholz lakonisch mit "Ja". Punkt. Aber das werde nun anders.

Lieber will Scholz darüber reden, was die SPD alles erreicht habe "für die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes". Das von Gründinger bemäkelte "Klein-Klein" sei für "viele Frauen und Männer in diesem Lande" sehr wichtig, sozialer Wohnungsbau, kostenlose Kita-Plätze und dergleichen. Aus "sozialer Sicht" sei an dem ausgehandelten Koalitionsvertrag "kaum etwas zu kritisieren". Punkt.

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Womit Scholz wie nebenbei bereits eine strategische Parteilinie für die nächsten vier Jahre skizziert. "Erneuerung und neue Stärke" könnten der SPD auch dann gelingen und zuwachsen, wenn sie in einer Regierung sei - so wie das Willy Brandt ab 1966 unter Kanzler Kiesinger auch gelungen sei. Es sei also alles okay so weit, aber eben nur so weit, denn: "Eine sozialdemokratische Politik" mit Betonung auf sozialdemokratisch sei erst dann "möglich, wenn die SPD das Kanzleramt stellt".

Der Publizist Hajo Schumacher pflichtet bei. Er verstehe nicht, "dass ausgerechnet SPD-Mitglieder ihre Partei so unter Feuer nehmen". Mit Blick auch auf die CDU merkt er an, das Gerede von der "Erneuerung" sei mit "Ich will auch mal drankommen!" zu übersetzen.

"Geländegängige" Nahles

Kollegin Claudia Kade von der "Welt" schlägt in die gleiche Kerbe: Mit dem Gerede von der "Verjüngung" drücke sich die Partei nur vor der Erklärung, was unter einem "modernen Konservatismus" eigentlich zu verstehen wäre. Hinsichtlich einer Verjüngung und auch Verweiblichung der SPD mache ihr Sorge, "dass Angela… Andrea Nahles mit einer solchen Instinktlosigkeit" in ihre neue Rolle gestartet sei.

Schumacher stellt fest: "Es ist für die SPD eine echte kulturelle Herausforderung, eine Frau an der Spitze zu ertragen." Das sei neu, und "die Frau hat echt was einstecken müssen" in den vergangenen Jahren, die "kann was ab" und sei "geländegängig". Auch Juso Wolfgang Gründinger begrüßt Nahles als "ein Stück weit" etwas Neues, ja, als verdientes "Arbeitstier".

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Was "einstecken" für Allrad-Arbeitstiere weiblichen Geschlechts bedeutet, wird mit Illners Hinweis deutlich, dass sich Katarina Barley für das Außenamt in Stellung gebracht hat. Ziemiak zu deren Qualifikationen: "Sie kann Englisch." Vor Nahles fürchtet sich der junge Christdemokrat nicht. Es ist der mögliche Finanzminister Scholz, der ihm "große Sorgen" macht.

Zu den kulturellen Herausforderungen auf Seiten der Union gehört offenbar, dass dort inzwischen Illoyalität belohnt wird. Ein Widerborst wie Jens Spahn, so Schumacher, müsste von Angela Merkel "eigentlich einen Kopf kürzer gemacht", nun aber eben doch eingebunden werden.

Von einem "Abgrund" war an diesem Abend nichts zu spüren. Eher schon vor den Mühen der Ebene, die vor uns liegen. Da ist Geländegängigkeit gefragt.

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