Talk bei Maybrit Illner Der Weltmeister der Herzen und die bösen Flüchtlinge

Bei Maybrit Illner wurde unter dem Titel "Guter Flüchtling, böser Flüchtling" darüber diskutiert, welcher Asylbewerber in Deutschland bleiben darf. Die Sendung im Schnellcheck.

ZDF

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Worum ging es? Um "Gute Flüchtlinge, böse Flüchtlinge". Zuspitzungen, schön und gut. Aber böse Flüchtlinge? Ernsthaft?

Gab es ein Manko? Männliches Gesprächsverhalten. Schlicht unfair, vier medienerfahrenen Talkshow-Hengsten eine einzige Frau entgegenzusetzen. Die Flüchtlingsanwältin und Roma Nisaqete Bislimi wurde regelmäßig und regelrecht überrollt.

Gab es Ausfälle? Bundesinnenminister Thomas de Maizière war angekündigt, seine Meinung über "böse Flüchtlinge" wäre von Belang gewesen - hätte ihn nicht eine kurzfristige und "sehr schwere" (Maybrit Illner) Grippe ans Bett gefesselt. Ersetzt wurde er durch keinen Geringeren als den CDU-Abgeordneten Wolfgang Bosbach, der immer gerne einspringt, wo er gerade kann. Vor allem im Fernsehen.

Schwärzestes Schaf? Das wäre auch bei Anwesenheit des Bundesinnenministers József Czukor gewesen. Der ungarische Botschafter hatte zu erklären, warum Ungarn mit seinem Zaun "Schengen schützen" müsse, nämlich wegen der Drittstaatenregelung. Ansonsten pochte der massige Magyare auf Einhaltung des Rechts, von prügelnden Polizisten könne keine Rede sein, und wenn, dann seien das zu überprüfende Einzelfälle und so weiter und so fort.

Wohin ging der schwarze Peter? Der wurde wahlweise an die anderen europäischen Nationen geschoben (Bosbach), dann an die Türkei (Bodo Ramelow) und endlich an Saudi-Arabien (Wolfram Weimer). Ja, mit Saudi-Arabien muss sich Europa schon vergleichen lassen.

Wurde gezündelt? Im üblichen Rahmen, aber ohne verbale Brandbeschleuniger. Was eben so kommt, wenn man darüber diskutiert, wer kommen darf (Ausgebombte) und wer nicht (Schmarotzer), und wie man das künftig besser unterscheiden könnte. Und wenn der Publizist Wolfram Weimer unwidersprochen das V-Wort verwenden durfte, dann deshalb, weil es sich "für viele Menschen" womöglich wirklich wie eine "Völkerwanderung" anfühlt, was gerade passiert.

Traurigster Satz? Bodo Ramelow: "Es gibt keine Alternative zum Optimismus der Bundeskanzlerin."

Gab es Tränen? Um ein Haar. Wolfgang Bosbach barmte im Hinblick auf die Völkerwanderung: "Wir können nicht alle Probleme auf dem Boden dieses Landes lösen", was niemals irgendwer behauptet hatte, was er aber zunächst quengelig, dann in dramatischer Steigerung mit bestürzender Weinerlichkeit betonte: "Wir können es nicht! Wir schaffen es nicht!" Illner besonnen: "Bleiben Sie ruhig!", und das blieb er dann auch.

Lahmster Dialog? Maybrit Illner erklärte, dass Nisaqete Bislimi selbst zwölf Jahre auf die Genehmigung ihres Asylantrags gewartet habe, und die Anwältin präzisierte, 14 Jahre habe sie im "unsicheren Status" ausharren müssen. Illner: "Wie fühlt man sich da?" Bislimi: "Unsicher?"

Flottester Dialog? "Was muss sich alles am Asylrecht ändern in Deutschland, Herr Ramelow?" - "Soviel Sendezeit haben Sie gar nicht!"

Körpersprachschwierigkeiten? Kaum. Bosbach fixierte beim Aussprechen seiner vielen "unangenehmen" Wahrheiten immer wieder den Tisch, nach dem er mit der flachen Hand auch gerne schlug. Und der Gesandte Ungarns lauschte Fragen gerne mit einem verträumten Blick in den Studiohimmel.

Rhetorische Fallen? Ein syrischer Wirtschaftswissenschaftler, der es auf der Balkanroute in ein hessisches Aufnahmelager geschafft hat, wurde zur Wiederholung der Randnotiz genötigt, seine in Aleppo verbliebene Frau schaue gerne Bundesliga. Eine Steilvorlage, die Czukor später gut gelaunt verwandelte, als er behauptete, manche Leute kämen "wegen Borussia Dortmund" nach Deutschland.

Kam es zum Schlagabtausch? Nennenswert nur zwischen Bislimi und Bosbach, der einen "guten Flüchtling" mithilfe der Genfer Konvention von einem "schlechten Flüchtling" unterscheiden will. Bislimi riet dem Politiker, diese Konvention zur Abwechslung mal zu lesen und sich über die "kumulative Verfolgung" zu informieren. Worauf Bosbach verschnupft die Tischplatte ohrfeigte.

Gab es gute Metaphern? Kaum, aber volkstümliche. Auf die Frage zum Verfahrensrecht bei Abschiebungen klagte Ramelow, er fühle sich an "Asterix und Obelix" erinnert, an "das verrückte Haus, wo man nur durch die Gänge geschickt wird".

Andere Metaphern, vielleicht aus dem Fußball? Kaum, dann aber geballt und besonders irrsinnig, als Wolfram Weimer schwadronierte: "Eigentlich haben wir derzeit ein Sommermärchen der Moralität, der Hilfsbereitschaft", Deutschland sei "Weltmeister der Herzen".

Fazit des Abends? Bodo Ramelow: "Frau Illner, Frau Illner, Frau Illner, wir sind in einem Rechtsstaat. Und im Moment habe ich bei vielen, die sich melden, das Gefühl, dass die sich einen Polizeistaat wünschen."

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Klaus.Freitag 04.09.2015
1. Schade.dass so schlechte Diskutieren da waren
Bist ach IST in der Glotze nicht mehr zu ertragen,Räume löwenbaby lässt Fsktenwissen vermissen.der Ungar war belanglos und der Publizist wusste nicht,wovon er redet. Die Roma wurde immer wieder niedergequatscht. Als ob es nicht fachlich hochwertigere und gleichermaßen unterhaltsame Experten in diesem Fachgebiet gäbe,bspw. Mesovic von Pro Asyl oder Grenzen von ai. Wie kann man nur einen solchen Inkomopetenzling wie diesen Verleger einladen. Im übrigen - wer kommt denn aus den Krisen-und Kriegsgebieten? Junge,relativ gut ausgebildete und nicht die ärmsten Menschen.Die übrigen,die es sich nicht leisten oder es körperlich nicht schaffen können, bleiben zu Hause. Sprachen wir nicht noch vor drei Jahren von der Überalterung und dem demografischen Wandel,dem Pfkegenotstand und der Kinderarzt und von den sich hierin begründenden Schwierigkeiten bei den sozialen Sicherungssystem. speziell der Rente? Nun erhält unsere Gesellschaft eine Frischzellenkur
RD123 04.09.2015
2. War der sexistische Kommentar
Zum angeblich männlichen Diskussionsverhalten notwendig? Das beschwört primitive und überholte Vorstellungen von Geschlechterrollen. Zudem ich mir nicht wirklich etwas darunter vorstellen kann, besagt doch das klassische Bild, dass Männer hart aber fair und sachlich diskutieren, und dies ja wohl kaum negativ ist.
kw16 04.09.2015
3. Keiner hat hier Flüchtlinge eingeladen Viktor Orbán
Nichts gelernt aus dem Zweiten Weltkrieg? Als die Juden systematisch vernichtet wurden? Waren da unsere europäischen Partner genauso abweisend gegenüber den Flüchtlingen? Rafft denn hier niemand, was hier gerade passiert? Seid ihr denn alle blind?
hj.binder@t-online.de 04.09.2015
4. Herr Bosbach
halten sie einfach mal inne! Die BRD zahlte Nov-Dez 1989 circa 4 Mrd. DEM an Begrüßungsgeld für DDR-Bürger und Polen deutscher Abstammung aus. Die Menschen erhielten dieses Geld in der BRD. Bei einem Betrag von 100 DM/Person waren 40 Mio. Menschen auf "Besuch/Flucht etc." Damals gab es von der CDU kein Geheule wegen Völkerwanderung; das Geld war "da", die Menschen kamen nicht wegen "Freiheit etc." sondern wegen Bananen etc.
DerExperte 04.09.2015
5. P.s.
" Männliches Gesprächsverhalten. Schlicht unfair, vier medienerfahrenen Talkshowhengsten eine einzige Frau entgegenzusetzen. Die Flüchtlingsanwältin und Roma Nisaqete Bislimi wurde regelmäßig und regelrecht überrollt." Bei der Zeile kann man nur von Satire sprechen. An der mangelnden Durchsetzungsfähigkeit sind jetzt also die Chauvinisten schuld. Rape Culture und so, ne. Umbedingt noch ein bisschen Genderhokuspokus in die Debatte einbringen. Bravo!
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