Griechenland-Talk bei "Maybrit Illner" Gysi macht den Tsipras

Griechenlands Steuergesetz hat 45.000 Seiten: Bei der Runde von Maybrit Illner ließ sich einiges über das Land lernen. Gregor Gysi präsentierte sich als Fachmann für geordnete soziale Verhältnisse. Und ein griechischer Manager gab den Deutschen Hoffnung.
Zu Gast bei Maybrit Illner: Gregor Gysi

Zu Gast bei Maybrit Illner: Gregor Gysi

Foto: Stephanie Pilick/ dpa

Oh, diese Griechen! Sie bescheren uns Tage der düsteren Szenarien, der denkwürdigen Allianzen und, nicht zuletzt, der starken Worte. Reichlich Talk-Stoff also für Maybrit Illner, die sich zwecks Betrachtung der alten, neuen Krise mit einer gut sortierten Gästerunde umgeben hatte. Und siehe da, als normaler Nachrichtenkonsument, Europäer und deutscher Kleinsparer durfte man sich danach ein wenig klüger fühlen.

Für ein bisschen Hoffnung wurde auch noch gesorgt, und zwar ausgerechnet von einem griechischen Manager, der sich weder als Tsipras-Fan gab noch selbst so recht wusste, was er von seinen Landsleuten halten sollte: War das nun eine Abwahl der alten, unfähigen Regierung oder die explizite Wahl des jungen, coolen Rebellen, der auch noch mit den Russen liebäugelt?

Ein wenig mehr von der abwägenden Art des Dimitri Kamargiannis hätte manch einem anderen Diskutanten auch gut zu Gesicht gestanden. Gregor Gysi beispielsweise, der regelrecht auftrumpfte und so ganz nebenbei genüsslich skizzierte, dass es in Berlin wohl so ähnlich zuginge wie jetzt in Athen, wenn seine Linken zusammen mit irgendwelchen Rechtspopulisten regierten, "vermutlich einer Abspaltung von der CSU".

Jedenfalls war für ihn klar, dass europapolitisch die ganze Richtung gescheitert sei, die Troika und die Kanzlerin und überhaupt die bisherige Rettungspolitik. Und mit der Erpressung, die jetzt den Griechen vorgeworfen werde, sei es ja wohl eher umgekehrt: Die Bundesregierung habe die Griechen erpresst.

Im Prinzip sah auch die Wirtschaftsjournalistin Silvia Wadhwa die Lage nicht viel anders als Gysi, allerdings klang das bei ihr doch eine Spur sachlicher. Mit der reinen Sparpolitik sei es in Brüssel ohnehin vorbei, auch ideologisch. Die Konditionen - zu viel fordern, zu wenig fördern - seien von Anfang an falsch gesetzt gewesen. Und die Kehrtwende der Tsipras-Regierung drohe nun zum Testfall für andere südliche Staaten zu werden.

Seit' an Seit' mit dem Linken-Fraktionschef begrüßte Frank Schäffler von der FDP, der sogenannte Euro-Rebell, derweil die Rückkehr des griechischen Volkes zur "Selbstbestimmung" sowie den nun fälligen Klärungsprozess, knüpfte sein Plädoyer für einen neuen Schuldenschnitt allerdings an "Grexit", also den Austritt aus dem Euro, obwohl der überhaupt nicht zur Debatte stand.

Da konnte Günther Oettinger, seines Zeichens EU-Kommissar und von der CDU, natürlich nur ziemlich grämlich dreinblicken, den Kurs von Frau Merkel verteidigen, auf Einhaltung der Verträge pochen und einen Schuldenschnitt vehement ablehnen. Ein gutes Wort über die bisherige konservative Regierung wollte ihm indes auch nicht über die Lippen gehen. Und zu den sozialen Auswirkungen des Troika-Kurses fiel ihm lediglich ein: "Sparen tut weh."

Einmal grummelte er mit Blick auf die kämpferischen Töne aus Athen etwas, das so ähnlich wie "Kinderstube" klang und gab zu Protokoll, dass es "nicht in Ordnung" sei, wie die neue griechische Regierung sich äußere. Und als Euro-Gegner Schäffler im Zusammenhang mit dem soeben aufgelegten Gelddruckprogramm den EZB-Chef Draghi einen "Dieb" schimpfte, da er die Sparer enteigne ("ein Sprengsatz für unsere Gesellschaft"), wurde Oettinger richtig böse.

Es war die Ökonomieprofessorin und frühere Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro, die immer wieder dafür zu sorgen versuchte, der Debatte so etwas wie analytische Substanz zu geben. Als Metapher für die Kraftprobe zwischen Athen und Brüssel benutzte sie vorzugsweise das Bild zweier aufeinander zurasender Autos auf Kollisionskurs. Für wie hoch sie das Risiko eines Auseinanderfallens der Euro-Zone einschätzt, wurde damit für jedermann klar, auch wenn ihre Rede manchmal ein bisschen sehr professoral geriet. Von einem Schuldenschnitt riet sie ab, gab aber doch zu bedenken, dass es sinnvoll sei, über Erleichterungen beim Schuldendienst zu reden.

Manager Kamargiannis, der ebenso in Deutschland wie in seiner Heimat arbeitet, haderte unterdessen mit seinen Landsleuten, deren verbreitete Abneigung gegen Privatisierungen er einfach nicht verstehe.

Es wurde an diesem Abend nicht nur über die Auswirkungen, sondern auch viel über die Ursachen der griechischen Misere gesprochen, über Korruption, Steuerflucht und extreme Ungleichheit bei der Vermögensverteilung. Und auch hier war es in erster Linie Gysi, der sich besonders als Erklärer und Fachmann für geordnete soziale Verhältnisse hervortat. Aber so, wie es der Mann aus Griechenland in seinem kompakten Exkurs darlegte, wirkte es weit eindrucksvoller - und auch befremdlicher. Welches Land hat schon ein Steuergesetz von sage und schreibe 45.000 Seiten?

Gefragt, ob er es für realistisch halte, dass Tsipras tatsächlich die Reichen zur Kasse bitten werde, antwortete Kamargiannis nach nur kurzem Zögern: "Ich glaube schon." Nun denn, das wäre ja immerhin etwas.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.