Fotostrecke

Illner-Talk zu Griechenland: "Ich gebe Ihnen recht!"

Foto: ZDF

Griechenland-Talk bei Maybrit Illner Lafontaines sozialistische Schallplatten

Beim dauerbrennenden Großthema Griechenland ist jede denkbare Meinung längst vorgetragen, angefochten und bekräftigt worden. Trotzdem lagen bei Maybrit Illner die Standpunkte diesmal nah beieinander. Und das, obwohl Oskar Lafontaine dabei war.

Der linke Rhetor aus dem Saarland konzedierte an diesem Abend nach allen Seiten: "Ich gebe Ihnen recht!", "Sie werden staunen, aber ich stimme Ihnen zu!", solange Oskar Lafontaine für ein Weilchen seine üblichen sozialistischen Schallplatten auflegen durfte - vor allem den Klassiker "Die USA verfolgen über den IWF ihre geostrategischen Interessen" und den Evergreen einer "gesteuerten Währungspolitik".

Diese empfahl er auch den Griechen, sollten sie zur Drachme oder zu Tonscherben zurückkehren. Ein Skandal sei, dass in Griechenland die "ultrareichen" Reeder keine Steuern zahlten ("Ich gebe Ihnen recht!"). Und zwecklos sei, dass Europa bei einer Einigung in letzter Minute nur sechs Monate mehr Zeit gewinnen würde ("Sie werden staunen, aber ich stimme Ihnen zu!").

Recht hatte in Lafontaines Augen der ehemalige FDP-Europaabgeordnete und griechische "Ehrenbotschafter" Jorgo Chatzimarkakis mit seiner Forderung nach einem "Marshall-Plan", wenn nicht für alle "Südländer", so doch für Griechenland. Und zu stimmte er Carsten Linnemann, dem Vorsitzenden der CDU-Mittelstandsvereinigung, bei dessen Analyse, weitere Milliarden seien ebenso vergeudet wie alle vorherigen Milliarden auch.

"Auch die linke Regierung besteht aus Griechen"

Über weite Strecken konnte die Runde bei Maybrit Illner die Frage der Sendung ("Teure Griechen-Rettung - fauler Kompromiss für Europa?") einhellig mit "Ja, leider" beantworten. Daran änderte auch eine Schalte zu Martin Schulz nach Brüssel nichts. Illner: "Wie geht's Ihnen heute?" Schulz seufzend: "Naja", das gehe ihm selbst "ja auch auf die Nerven, wenn man hier ein ums andere Mal kein Ergebnis erzielt". Dennoch sei er weiter zuversichtlich, dass "am Ende", "beide Seiten", "Vernunft", "Kompromiss", "faul", "für Europa". "Leider". Was eben so gesagt wird.

Hellwach wurde der Präsident des Europäischen Parlaments, als ihm Illner ganz konkret in die Karten schauen und wissen wollte, ob man denn den gestrengen IWF notfalls "rauskaufen" könne - also die Vorlagen des Währungsfonds nicht aus griechischer, sondern aus europäischer Kasse bedienen werde. Da mochte Schulz unter Verweis auf hart arbeitende Kollegen nicht aus dem Nähkästchen plaudern. Ja, leider.

Ansonsten gab es kleinere Scharmützel, die nicht ohne Unterhaltungswert waren - sofern man kein lungenkranker Rentner aus Athen ist oder als alleinerziehende Mutter in Thessaloniki lebt. So schmetterte Carsten Linnemann die chatzimarkakische Forderung nach einem "Zukunftsplan" mit der Bemerkung ab, "diese Leier" höre er schon seit fünf Jahren. Die Probleme in Griechenland gäbe es schon viel länger, und zwar "seit 1000 Jahren".

Auf Illners Frage, warum ausgerechnet eine - teilweise - linke Regierung erlaube, dass Milliarden aus dem Land geschafft würden, wusste auch Chatzimarkakis keine hellere Antwort als: "Weil auch die linke Regierung aus Griechen besteht." Diese griechischen Minister hätten eben ihre Geheimkassen, da könnten sie nicht aus ihrer griechischen Haut, und dieses Problem müsse endlich auf den Tisch; eine Aussage, die er mit Faustschlag auf denselben unterstrich.

Gegen diese Verallgemeinerung entrüstete sich die Juso-Vorsitzende Johanna Ueckermann: "Ich weiß nicht, wie viele Griechen Sie kennen …" Chatzimarkakis trocken: "Ich bin einer."

Ueckermann forderte, man müsse den Karren "nach vorne aus dem Dreck ziehen" und erweckte als einzige Teilnehmerin der Runde den Eindruck, ein ökonomisches Problem nicht rechten oder linken Ökonomen überlassen zu wollen: "Was völlig aus den Augen gerät, ist, dass junge Menschen heute schon keine Perspektive mehr sehen in Europa!" Es müsse der Mut her, radikal etwas zu verändern. Schwärmerisch beschwor sie die "Menschen in" und das "großen Projekt von" Europa.

Erneut echauffierte sie sich über die nicht unpopulistische Einlassung ihres Parteichefs Sigmar Gabriel, er wolle die Wahnvorstellungen einer "kommunistischen Regierung" nicht von "deutschen Arbeitnehmern und deren Familien bezahlen lassen". Da sei, so Ueckermann, "die SPD schon mal weiter" gewesen.

Lafontaine wiederum wirkte an dieser Stelle wie ein alternder Hund, der nicht mehr nach jedem Stöckchen rennen möchte. Dieser Gabriel eben, was will man erwarten? Ein Land könne man auch kaputtsparen.

Der DIHK-Chef macht es sich einfach

Hier konterte "Welt"-Wirtschaftsredakteurin Dorothea Siems mit dem Hinweis auf Spanien, Portugal und Irland, die sich allesamt gesundgespart hätten. Na?

Lafontaine beharrte, diese Länder seien mit Griechenland nicht zu vergleichen, da spielten noch andere Faktoren hinein. Was man alles glauben oder es auch lassen, niemals aber überprüfen kann. Es ist ein Grundproblem dieses griechischen Großthemas, dass darüber dereinst ökonomische, historische, soziologische, politologische und vermutlich auch ethnologische Doktorarbeiten geschrieben werden können.

Gar so einfach wie Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), macht es sich bei allen abweichenden Meinungen allerdings niemand mehr. Schweitzer sah die Ursachen für die mangelnde "wirtschaftlichen Substanz" des Landes - also die Abwesenheit einer über Jahrzehnte gewachsenen Schwerindustrie oder wenigstens einer konkurrenzfähigen Pistazienindustrie - bei "den Politikern". Ohne Vertrauen keine Investitionen, ohne Investitionen kein Wohlstand.

Während Schweitzer noch staatstragend daherredete und ihm gegenüber ein renitenter Lafontaine in sich hineinbrabbelte, ließ ein anonymer Zuschauer im Publikum hinter ihm aufgebracht und deutlich den Mund auf- und zuschnappen: "Bla, bla, bla".

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.