"Maybrit Illner" über den Terror in Sri Lanka "Sind uns Muslime scheißegal?"

Wäre die Welt friedlicher ohne Religionen? Das fragte Maybrit Illner wegen der Anschläge in Sri Lanka und Neuseeland. Die Talkrunde befand, dass identitäre Auswüchse das Problem seien.

Jule Roehr/ ZDF

Von Klaus Raab


Wäre die Welt friedlicher ohne Religionen? Das war die ziemlich hypothetische Frage, die Maybrit Illner im Nachgang zu den Anschlägen auf Christen in Sri Lanka und auf Muslime in Neuseeland aufwarf. Da sich Milliarden von Menschen diese Frage nicht stellen und einfach ohnehin immer weiter glauben werden, hätte man im Grunde ebenso gut fragen können, ob die Welt schöner ohne Schwerkraft wäre.

Doch dann kristallisierte sich im Lauf einer Stunde heraus, dass der Ansatz der Sendung tatsächlich so schlecht nicht war. Die Diskussion führte zumindest zu einem Punkt: dass Religion und Identität verständlich in ein Verhältnis gesetzt wurden, das die Debatte weiterbrachte.

Der Terrorismusexperte Peter Neumann etwa attestierte dem rechtsextremistischen, sich in der Tradition der Kreuzzüge sehenden Attentäter von Christchurch in Neuseeland und den islamistischen Tätern von Sri Lanka identitäre Gemeinsamkeiten: Bei beiden gehe es um eine "Form der extremen Identitätsreduktion", sagte er, um die Beschränkung auf eine einzige Eigenschaft. Wer vom Gedanken der Kreuzzüge besessen sei, dem gehe es "nicht um Christentum im Sinn von Theologie, sondern um die christliche Identität" - also auch im Sinn von: nichtmuslimischer Identität. Das war keine schlechte Antwort auf die Sendungsfrage, ob die Welt friedlicher ohne Religionen wäre: Sie wäre jedenfalls friedlicher ohne Religions-Identitäre.

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"Maybrit Illner" über Sri-Lanka-Anschläge: Gottlos glücklicher?

Einen ähnlich wesentlichen Beitrag lieferte die Islamwissenschaftlerin Mürvet Öztürk, als sie sagte, worin sie nach vorgeblich religiös motivierten Terroranschlägen ihre Aufgabe sehe: darin, "für eine vielfältige, für eine multiethnische Gesellschaft" einzutreten, auch wenn das "abgedroschen" klinge. Das sei das Mittel gegen die Spaltungsversuche der Attentäter, die nur darauf aus seien, "mit hanebüchenen Argumenten Gegenreaktionen hervorzurufen".

Die Ambivalenz des Religiösen

Ist aber nun die Religion selbst Ursache für Unfrieden? Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, verneinte das, schon jobbedingt. Die Sprache der Religionen sei keine "Sprache der Rache, sondern eine Sprache der Versöhnung", predigte er. Philipp Möller, der ein populäres Sachbuch darüber geschrieben hat, "warum wir ohne Religion besser dran wären", und auf dem Ticket des Atheisten in die Runde gesegelt war, ließ ihm das nicht durchgehen. Wenn schon, dann sei Religion "mehrsprachig", sagte er. Natürlich spreche sie auch die "Sprache des Hasses".

Die Ambivalenz des Religiösen beschäftigte die Runde eine Weile. Humanistischer Kern - ja. Einfache Möglichkeit, sich schwer zu verrennen - auch das. Religionen würden auch von Kriminellen instrumentalisiert - das eh.

Öztürk beklagte, dass die Religionsausübung in den vergangenen 25 bis 30 Jahren zunehmend strenger und "sehr konservativ" interpretiert worden sei. Das lastete sie auch "den Verbänden" an. Das ging also an Mazyek, der freilich nichts davon wissen wollte: Wenn sich Muslime in ihre Gemeinschaften zurückzögen, sagte er sinngemäß, sei das auch eine Reaktion auf eine spürbare Islamfeindlichkeit. Womöglich hatten da beide einen Punkt.

Mazyek unterstrich sein Argument auch an anderer Stelle, als er beklagte, dass es nun, nach den islamistischen Anschlägen in Sri Lanka, prompt eine Talkshow unter dem Titel "Terror in Sri Lanka - Krieg der Religionen?" gebe, während nach dem Anschlag auf die neuseeländischen Moscheen keine angesetzt worden sei. Was senden wir denn da für ein Signal?, fragte er: "Dass uns Muslime scheißegal sind?"

Maybrit Illner wehrte sich nur zaghaft, seine Kritik blieb so stehen. Hätte man an der Stelle weitergemacht, wäre vielleicht jemand darauf gekommen, dass eine Talkshow nach dem Terror von Christchurch womöglich auch ein seltsames Format gewesen wäre. Was hätte man da diskutieren sollen, ohne ins komplett Spekulative und Wohlfeile abzugleiten? Hätte man dem Täter den Gefallen tun sollen, sein Manifest zu analysieren, das er geschrieben hat, damit die Fernsehsender der Welt darüber berichten? Völlig Unrecht hatte Mazyek mit seiner Kritik freilich auch wieder nicht: Natürlich, sagte Peter Neumann, würden Anschläge auf Christen wie in Sri Lanka in Deutschland stärker wahrgenommen, "weil wir uns näher fühlen".

Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach war es, der dieses Gefühl in einen Satz packte: "Ich würde mich wahnsinnig darüber freuen, wenn die Christen in der Minderheit in muslimischen Ländern genauso viel Toleranz erfahren würden wie die Muslime bei uns." Die Christen. Die Muslime. Die anderen. Und wir, die Guten. Hatte er eingangs noch betont, dass man "nicht in die Falle der Terroristen tappen" - also nicht die Spaltung forcieren - dürfe, lag er in dem Moment auch schon um ein Haar drin in der Falle. Er vergaß auch nicht, die obligatorische Vergleichsgröße Saudi-Arabien zu erwähnen.

Widerspruch kam von Mürvet Öztürk: "Gott sei Dank sind wir nicht in Saudi-Arabien, Herr Bosbach!" Aber das kann man vor lauter Stolz auf die in Deutschland geltende Religionsfreiheit natürlich schon mal vergessen.

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RudiRastlos2 26.04.2019
1.
Sowohl die Bibel als auch der Koran (dieser jedoch in weit größerem Ausmaß) enthalten Textpassagen, die Gewalt gegen andersgläubige legitimieren. Da alle Religionen dogmatisch sind, werden diese Textpassagen auch irgendwelche verblendeten Idioten als Rechtfertigung für Gewalttaten dienen. Wie es Hamed Abdel-Samad schon feststellte, man kann sich aus einem Religiösem Text nicht die die "guten" Stellen herausnehmen und die gewalttätigen unter den Tisch kehren.
hegemon0815 26.04.2019
2.
Die Religion ist eine der destruktivsten Erfindungen der Menschheit.
ahemi 26.04.2019
3. Der Glaube ist nicht das Problem.
In unserer Welt kann jeder glauben, was er will. Schwierig wird's, wenn dieses Recht anderen nicht in gleichem Maße zugestanden wird. Solange wir nicht aufhören, anderen zu sagen, was sie zu tun oder zu lassen hätten oder wie sie zu sein haben, wird es keinen Frieden geben auf dieser Welt. Nicht im Kleinen und nicht im Großen.
Immanuel K. 26.04.2019
4. Sorry, aber...
...ich finde, man sollte die Frage genauso stellen - denn anders als die Schwerkraft, ist die Religion kein unüberwindbares Naturgesetz. (Aber-)Glaube hat sich in den letzten 40 Jahren wieder massiv ausgebreitet - und ja - ich glaube, vor 40 Jahren war die Welt (in dem Bereich) eine Bessere.
fördeanwohner 26.04.2019
5. -
Ohne Religion/en wäre die Welt bestimmt nicht friedlicher, da es immer verblendete Menschen gibt, die entweder allein oder gemeinsam ein Ziel haben, nämlich Anerkennung und/oder Macht zu erlangen. Aufhänger gibt es viele, Religion ist nur einer. Was nun Muslime angeht, so sind sie uns nicht egal, sondern eben fremder. Psychologen und Soziologen könnten das sehr gut wissenschaftlich erklären. Jedoch kommt man auch mit einfachem Nachdenken sehr schnell dorthin zu erkennen, dass Menschen das Gemeinsame suchen und nicht die Unterschiede als Anlass nehmen, sich besonders mit anderen zu identifizieren, also eine gemeinsame Identität zu erkennen. Umgekehrt funktioniert es ja noch "besser", da heiraten nach wie vor Muslime untereinander und bleiben unter sich. Kann man natürlich machen und sollte es auch tun dürfen. Es ist unter dem oben genannten Gesichtspunkt auch irgendwie nachvollziehbar. Allerdings sollte man sich nicht einfach nur hinstellen und sagen, dass man sich ausgeschlossen fühlt. Da sollte man dann schon ganz ehrlich sein. Und wenn dann auch Autoritäten ganz offiziell schlechtheißen, wenn man sich davon versucht zu lösen, dann darf man sich nicht wundern.
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