"Maybrit Illner" zur GroKo Wenn es ein Weiter-so nicht geben darf

Regierungsbildung und kein Ende: Bei "Maybrit Illner" gab es wieder Streit über eine mögliche Große Koalition und das Dilemma der SPD. Manuela Schwesig gab sich kämpferisch, trotzdem regierten Worthülsen.

ZDF/ Svea Pietschmann

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Gäbe es in Deutschland neben den fünf Wirtschaftsweisen auch fünf Fernsehweise, sie würden den Talkshow-Redaktionen sicher ins Gewissen reden: Eine sich über Monate hinziehende Regierungsbildung dürfe keinesfalls dazu führen, dass die Fernsehnation nur noch über Jamaika, GroKo oder Minderheitsregierungen diskutiert.

Sie würden mahnen: Es gäbe an der Jahreswende zwischen 2017 und 2018 doch so vieles, über das man wunderbar streiten könnte, ja, müsste! Trumps diplomatische Anerkennung von Jerusalem als Hauptstadt Israels zum Beispiel. Oder die Vorwürfe der Angehörigen der Opfer vom Breitscheidplatz-Attentat an Kanzlerin Merkel. Oder etwa die Frage, warum der schreckliche Verdacht im Raum steht, dass deutsche Polizisten vor fast 13 Jahren in Dessau den Asylbewerber Oury Jalloh in einer Zelle angezündet haben könnten, ohne dass das juristisch weiter verfolgt wird.

All das bleibt dieser Tage undebattiert. Stattdessen befasste sich auch die Talkrunde von Maybrit Illner am Donnerstagabend einmal wieder mit der Frage, wie es denn um die Koalitionsverhandlungen steht. Anlass war der Beschluss des SPD-Parteitags, in Sondierungsgespräche mit der Union einzutreten.

Ganz allmählich können wir die Kernaussagen zum Wahlausgang vom September live mitsprechen: Dass man den Denkzettel, den die Große Koalition bei der Bundestagswahl bekommen hat - minus 15 Prozent - "nicht beiseitewischen" dürfe, argumentierte Manuela Schwesig für die SPD.

Dass man die Sorgen der Wähler in Sachen Flüchtlinge und Zuwanderung ernst nehmen müsse, mahnte CSU-Mann Markus Söder zum x-ten Mal. So routiniert beziehen die Kontrahenten inzwischen Position, dass die strittigen Themenkomplexe nur noch angedeutet werden und kaum mehr eine Debatte entsteht.

So hangelte sich die Runde am Donnerstagabend bei Illner leicht sprunghaft durch die Resultate des gerade zu Ende gegangenen SPD-Parteitags. Die Moderatorin versuchte, die Debatte durch das Einspielen leidenschaftlicher Parteitagsreden zu befeuern. "Ich bin nicht in die Partei eingetreten, um sie immer wieder an die gleiche Wand rennen zu sehen", hörte man einen Juso deklamieren.

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"Maybritt Illner": Leidenschaftliche Worthülsen

Endlich raus aus der Merkel-Umklammerung? Oder sollte sich die SPD doch wieder "in die Tradition der staatspolitischen Verantwortung" stellen, wie Stephan Detjen, Chefkorrespondent des Deutschlandfunks, analysierte? Manuela Schwesig kommentierte das Dilemma mit der Aussage: "Ein Weiter-so darf es nicht geben" - was wohl einer der kämpferischsten Nullsätze ist, der je erfunden wurde. Sagen Sie sich den mal morgens vor dem Spiegel vor: "Ein Weiter-so darf es nicht geben!" Das sitzt immer, oder?

Söder: "Es darf nicht nur um innere Prozesse der SPD gehen"

Bürgerversicherung, Investitionen ins Digitale und in die Bildung statt Steuererleichterungen, eine "armutsfeste" Rente: Schwesig stritt sich wacker durch den Abend, indem sie sich selbst strikt die Rolle der kämpferischen Sozialdemokratin zuwies. Man müsse jetzt endlich über Inhalte sprechen, forderte sie ein ums andere Mal.

Markus Söder, Sina Trinkwalder
ZDF/ Svea Pietschmann

Markus Söder, Sina Trinkwalder

So richtig kam die Debatte dennoch nicht in Gang. Ihr Gegenüber, der designierte bayerische Ministerpräsident Markus Söder, verlegte sich darauf, den Richtungsstreit des mutmaßlichen Koalitionspartners als Identitätsproblem abzutun: "Deutschland darf schon erwarten, dass es nicht nur um innere, psychologische Prozesse der SPD geht", polemisierte der CSU-Mann. "Was haben Sie eigentlich in den letzten acht Wochen gemacht?", hielt Schwesig dagegen. "Einen absoluten Machtkampf."

Das klang alles so sehr nach routiniertem Schlagabtausch, dass man sich über die leicht erratischen Einwürfe der Unternehmerin Sina Trinkwalder regelrecht freuen durfte. Die war irgendwie als Exotin in die Runde geladen - überzeugte Sozialdemokratin und Unternehmerin mit alternativem Anspruch - und sollte wohl ihre Enttäuschung über die SPD zum Ausdruck bringen, verlegte sich stattdessen aber auf Attacken gegen Söder.

Als der mit dem Satz, Deutschland sei "das einzige Land der Welt, in das man ohne Pass reinkommt, aber nicht mehr raus", mal wieder das Flüchtlingsthema aufs Tapet bringen wollte, warf die Unternehmerin ihm vor, zu zündeln, zu polarisieren und mit der Angst der Wähler zu spielen. Das war mal erfrischend.

Am Ende kam die Rede noch auf die GroKo-Alternative der Minderheitsregierung, die sich der Wirtschaftsweise Lars Peter Feld als "sehr belebend" vorstellen könnte. Aber der hatte ja auch gleich zu Beginn der Sendung erklärt, das Schöne an der Marktwirtschaft sei, dass man die Regierung nicht unbedingt brauche. Wie gesagt: Deutschland braucht Fernsehweise!

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kalim.karemi 08.12.2017
1. Ach es regierten Worthülsen
Als ob das bei Talkshows oder Politikeräusserungen etwas ungewöhnliches und neues wäre. Was das betrifft, sind Schwesig, vdl und Merkel ganz große Könner.
tyfooniii 08.12.2017
2. Nur noch traurig!
Die Unternehmerin Trinkwalder hat es auf den Punkt gebracht! Herr Söder hat mit seiner Ausländerhetze eine Klatsche kassiert und alles andere als eine gute Figur gemacht! Und ja! Bitte Fernsehweise die Redaktionen und Moderatoren sagen das sich der Rest der Republik nicht von einer 6%Partei CSU in Geiselhaft nehmen darf!
joes.world 08.12.2017
3. wenigstens war Schwesig so klug
nicht mehr das leidige Thema mehr Nachzug von Asylbewerbern zu thematisieren. Wie es andere in ihrer Partei tun und sogar als Koalitionsbedingung formulieren. Was einem zu dem primären Problem der SPD bringt: sie schafft es immer wieder die Themen zu setzen, die Menschen emotional nicht berühren. Oder zumindest in unserer lauten Welt einfach nicht ihren Weg ins Gemüt und die emotionale Ebene der Wähler schaffen. Wieso setzt sie nicht auf ein Thema, das fast jeder unterstützt? Wie ökologisch, nachhaltige Landwirtschaft. So ein Thema löst Emotionen bei den Wählern aus. Denn jeder will gesund Essen und kaum einer will Tierleid. Wieso fordert sie nicht Landwirtschafts- & Umweltministerium? Um dort Politik zu machen, die viele Wähler positiv emotionalisiert. Für die SPD. Und im digitalen Zeitalter, mit seinen vielen Ablenkungen, musst du ein emotionalisierendes Thema finden, um die Wähler auf dich aufmerksam zu machen. Ich verstehe die SPD nicht mehr. Unentwegt auf Themen zu setzen, bei denen man Wähler verliert und die Themen ignorieren, die der SPD ein modernes, vorwärtsgewandtes Gesicht gegen könnte. Und das wäre die ökologische Landwirtschaft. In einer überbevölkerten Welt, mit immer verdreckterer Umwelt weltweit, ist das ein vorwärtsgerichtetes Thema. Zu Hause darauf zu sehen, das wir nicht unsere Böden mit dem selbe Gift so vergiften, wie das in Argentien geschehen ist. Wo die Tabakbauern, nach jahrelangem Glyphosat-Einsatz immer öfters mißgebildete Kinder bekommen und die Krebsrate in den Gebieten, in denen fleißig gegiftet wird, in schwindelerregende Höhen schießt. Wieso nicht mal zukunftsorientiert daherkommen, als immer nur mit der uralten linken Ideologie, die einfach nicht mehr dazu da ist, um die wahren Probleme unserer Tage zu lösen? Und erst recht nicht, Wähler für die SPD zu requirieren.
Havel Pavel 08.12.2017
4. So müssen Politiker sich nun mal geben!
Das müsste doch auch der Einfältigste schon gemerkt haben, dass Politiker stets gefiltert sprechen, denn sonst würden sie nicht lange im Amt überleben, mit all den damit verbundenen persönlichen und wirtschaftlichen Nachteilen. Genauso würde ein ganz normaler abhängig Beshäftigter seien Chef ja wohl auch meist versuchen nach dem Mund zu reden, statt ihn zu provozieren, selbst wenn dies gerechtfertigt wäre. Was mit Politikern oder sonstigen Personen der Öffentlichkeit geschehen ist, die auch schon mal Klartext redeten dürfte jedem bekannt sein und dies ist eine Ansage an jeden Politiker sich an die "Political Correctness" und parteiinterne Abmachungen zu halten und das ist am ehesten gewährleistet, wenn man sich an einstudierten Worthülsen orientiert. Bei so manchem Politiker hat man so fast das Gefühl als würde er ein Endlosband ablaufen lassen. Besonders wenn man auf bestimmte Fragen keine Antwort geben möchte und trotz beharrlicher Nachfragen immer wieder dasselbe sagt, gewinnt man diesen Eindruck. Es hat durchaus seinen Grund, wenn der Grossteil der Bevölkerung der Politik grosses Misstrauen entgegen bringt und dass Politiker in der Öffentlichkeit in der Regel ein sehr schlechtes Ansehen haben, das sich so etwa im Bereich eines Gebrauchwagenhändlers um die Ecke bewegen dürfte.
KingTut 08.12.2017
5. Söder brachte es auf den Punkt
Wo ist die Polemik, wenn Herr Söder postuliert, dass es nicht nur um innere Prozesse der SPD gehen dürfe, sondern auch darum, wie unser Land eine stabile Regierung bekommt? Das gleiche, wenn auch mit anderen Worten, hat doch der Bundespräsident gefordert, woraufhin die SPD ja von ihrer strikten Verweigerungshaltung abgerückt ist. Die Alternative wären Neuwahlen, nach denen sich Frau Schleswig dann vermutlich über noch höhere Stimmenverluste beklagen kann. Im Übrigen hat Kritik an den negativen Begleiterscheinungen der Flüchtlingspolitik, insbesondere an dem Kontrollverlust des Staates, nichts mit Zündeln zu tun. Dann wäre der Tübinger OB Boris Palmer auch ein Zündler, verehrte Frau Trinkwalder.
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