Terrorismus-Talk bei Maybrit Illner "Religion ist saugefährlich"

Was tun gegen die "hausgemachte" islamistische Gewalt? Bei Illner ging es nicht nur um Europas Defizite, sondern auch um sehr alltagsnahe Rezepte. Die Sendung im Check.

Moderatorin Maybrit Illner
ZDF/ Carmen Sauerbrei

Moderatorin Maybrit Illner


  • Drohen Zustände wie in Molenbeek auch anderswo?
  • Wie steht es um die Sicherheit Deutschlands und Europas?
  • Kann Integration vor Radikalisierung schützen?
  • Was treibt nicht nur junge Belgier und Franzosen, sondern auch Deutsche in die Fänge der islamistischen Mörder?
  • Was tun gegen Gettobildung?
  • Wie ist es grundsätzlich mit dem Islam und der Gewalt?

Nach dem jüngsten Terror-Schock im Herzen Europas brachte Maybrit Illner unter dem Titel "Feinde im eigenen Land - was tun gegen den IS-Terror?" noch einmal alles aufs Tapet, was es mittlerweile an immer wieder gestellten Fragen zum Thema gibt. Abschließende Antworten gab es nach Lage der Dinge auch diesmal nicht, dafür aber außer manchem Gemeinplatz zumindest ein paar erhellende Bonmots, auch von eher ungewohnter Seite.

Die Runde: Die deutsche TV-Journalistin Düzen Tekkal, Jesidin kurdischer Abstammung, warnte vor religiösem wie vor rechtem Extremismus, falscher Toleranz und einer Spaltung der Gesellschaft. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) schwor auf intensive Integrationspolitik und die deutsche "Hausordnung" und war sich zumindest hierin einig mit CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach, der auch wieder mal da und nicht immer amused war. Dominic Musa Schmitz, heute 28, konvertierte mit 17 zum Islam, verbrachte sechs Jahre im harten Kern der deutschen Salafistenszene und steuerte als Aussteiger Authentisches bei. Peter Neumann (London) gab sich als Terrorismus-Experte gewohnt sachlich. Franz Meurer, pragmatisch-idealistischer Veedels-Pfarrer aus Köln, erwies sich als originelle Bereicherung zwischen den bekannten Gesichtern.

Sicherheitsfragen: Illner wollte wissen, ob man sich zu sehr auf die Gefahr von außen konzentriert und übersehen habe, dass Terroristen inzwischen "hausgemacht" und exportiert würden. Neumann musste einräumen, dass alle davon überrascht gewesen seien, wie schnell der IS seine Netzwerke in Europa ausgebaut habe und wies auf die inneren Sicherheitsmängel des Schengenraums hin. Bosbach sprach von "bitteren Lehren", womit konkret die desaströsen Defizite bei der Kooperation der Behörden und speziell beim Datenabgleich gemeint waren, bei dem nicht mal einheitliche Schreibweisen der Namen existieren. Angesichts der Brisanz dieser Versäumnisse blieb die Auseinandersetzung mit diesem Themenbereich allerdings seltsam halbherzig und flach.

Glaubensfragen: Nicht zum ersten Mal ging es um die Frage, ob der islamistische Terror auf dem Missbrauch des Islam beruht oder eben doch mit ihm zu tun hat. Letzteres bejahte nicht nur Bosbach, sondern auch Ex-Salafist Schmitz, der aufgrund eigenen Erlebens auch einiges über die Verführbarkeit aus sozialen Gründen beizutragen wusste. Es handele sich um die Glaubensinterpretation einer kleinen Minderheit. Während Tekkal braunen und islamistischen Terror bewusst in einem Atemzug genannt wissen wollte und auch Neumann eine ähnliche Parallele zog, schlug Ramelow den ganz großen Bogen vom NSU über Breivik bis Nordirland. Das Problem sei der Fanatismus. Und Pfarrer Meurer brachte es knapp so auf den Punkt: "Religion ist saugefährlich." Deshalb habe sie sich der Vernunft zu unterwerfen und gehöre generell auf Platz zwei hinter der Menschenwürde. Ramelow: "Religion darf nie ein Problem sein, sondern nur die Lösung."

Alltagsfragen: Wäre das Dasein überall so organisiert wie im Sprengel des in der Jugend- und Kinderarbeit engagierten Kölner Geistlichen, so würden wir vermutlich in der besten aller Welten leben. Was er von den "Mühen der Ebene" berichtete, klang in seinem schier grenzenlosen Glauben an die normative Kraft des Praktischen ("sich kümmern, keinen hängenlassen") zwar teilweise rührend (interkulturelle Weihnachtsfeiern, Anlage eines Jesiden-Friedhofs oder auch schlicht "Waffeln backen"), mutete aber im Vergleich zu manchem anderen Gesagten umso eindrücklicher an. Dazu gehörte auch das Wort vom "Recht auf Strafe".

Risiken: Ob nun jede Woche mit einem Terroranschlag in Europa zu rechnen sei, sollte Experte Neumann sagen. So weit mochte er nun doch nicht gehen, gab aber zu bedenken, dass die personelle Schlagkraft des IS erheblich größer sei als die von al-Qaida. Die Gefahr für Deutschland er unvermindert hoch ein. Auf jeden Fall sei aber "Neukölln nicht Molenbeek".

Rezepte: Bosbach machte sich vehement für das vom Innenminister geplante Integrationsgesetz stark, was zu einer ebenso wortreichen wie sinnfreien Kollision mit Ramelow und zum überflüssigsten Disput des Abends führte, da es nicht wirklich um die Sache selbst ging. Zuvor hatte Ramelow bereits einmal kräftig nach links ausgeholt und eine "Sozialstaatsgarantie" ähnlich der seinerzeitigen Spareinlagengarantie gefordert. Beim Gottesmann mutete das deutlich bescheidener an: "Wir brauchen ein Wir."



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