Griechenland-Russland-Talk Frau Illner gibt die Drama-Queen

Planen Griechenland und Russland die Spaltung des Westens? Mit allen Mitteln versuchte Maybrit Illner ihren Talk zur Krise in Europa zuzuspitzen. Doch die Gäste ließen sich nicht provozieren.

ZDF

Der Chaos-Theorie zufolge hängt ja alles irgendwie mit allem zusammen. Aber nicht allein deswegen war es naheliegend, dass Maybrit Illner diesmal die Lage Europas als Gesamtpaket auftischte. Denn wenn schon nicht direkt chaotisch, so stellt sich das Gesamtbild doch aktuell als einigermaßen problematisch dar: Die Hängepartie zwischen Brüssel und Athen, der griechische Premier Alexis Tsipras zu Besuch bei Russlands Präsident Wladimir Putin, die ungelöste Ukraine-Krise - und über allem schwebt die daraus folgende Frage, ob und wie sehr die Einheit Europas gefährdet ist.

Vieles von dem, was da zur Erörterung stand, lieferte schon oft genug mehr oder minder ergiebigen TV-Diskussionsstoff: Sorgen über die neue irritierende griechische Regierung, die Furcht vor einer Rückkehr des Kalten Krieges, die Euro-Rettung, die Friedenssicherung in Europa - und immer wieder Diskussionen darüber, was den Mann im Kreml letztlich umtreibt. Da aber in den einschlägigen Talkshows immer auch besonnene Erklärer sitzen, läuft es meist darauf hinaus, dass nach anfänglicher Aufregung das Ganze doch zu einem halbwegs hoffnungsvollen Ende gebracht und klar wird, dass noch nicht alles verloren ist.

So ähnlich war es am Donnerstagabend auch bei Maybrit Illner - allerdings mit einer Einschränkung: Der heiklen politischen Situation angesichts des Tsipras-Besuchs in Moskau zum Trotz wollte echte Katastrophenstimmung gar nicht erst aufkommen. Und das, obschon sich die Gastgeberin nach Kräften darum bemühte. Fast die halbe Sendezeit lang ließ sie nichts unversucht, der Tsipras-Visite bei Putin Brisanz abzuringen: das vermeintliche Erpressungspotenzial und das Risiko einer Spaltung des Westens wurden abgefragt, Illner brachte Einspieler und Zitate wie "Verrat" und scheute auch vor platten Metaphern ("der Grieche als trojanisches Pferd") nicht zurück.

Niemand aus der Runde mochte beim Dramatisieren mitmachen

Alle Versuche der Moderatorin liefen ins Leere, obwohl die Gäste bunt gemischt waren. Zwar bemäkelte CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen eher pflichtgemäß "uneuropäisches" Verhalten der Griechen, mahnte aber im selben Atemzug, in den Antrittsbesuch nicht zu viel hinein zu interpretieren - ihn vor allem nicht zu sehr zu dramatisieren. Zugleich beschwor Röttgen Europa als "Projekt der Solidarität".

Noch zurückhaltender gab sich Ben Hodges, Oberbefehlshaber des US-Heeres in Europa. Nein, Tsipras' Moskau-Visite sei keine ernsthafte Bedrohung für den westlichen Zusammenhalt, der stark wie nie sei. Und Tim Guldimann, der Schweizer Botschafter in Deutschland und ehemalige OSZE-Sondergesandter für die Ukraine, brachte es auf die Formel: "Pro Moskau bedeutet nicht gegen Brüssel".

Attac-Aktivist Alexis Passadakis wiederum hatte ohnehin seine eigenen Ansichten: nämlich dass Europa höchstens ökonomisch gespalten werde - und zwar durch Berlins Politik. Und wenn Spaltung von außen, dann durch die USA und nicht durch Putin. Anna Rose von der staatlichen russischen Tageszeitung "Rossijskaja gaseta" beeilte sich zu betonen, für Putin sei es keineswegs eine sonderliche Ehre, Tsipras zu empfangen.

Derweil gefiel sich die Moderatorin weiterhin in der Rolle der Drama-Queen und holte unter Verwendung möglichst plakativer Zuspitzungen ("Gesinnungskrieg", "Wie hältst Du's mit Moskau?") noch einmal alles hervor, was zur Krim, zur Ukraine, zum Minsk-II-Abkommen, zur Frage möglicher Waffenlieferungen und überhaupt zur Weltlage schon zig Mal in Talkshows thematisiert wurde. Doch der Ton der Debatte blieb ausgesprochen ruhig und differenziert, nicht nur dank des Schweizer Diplomaten mit seinen ausgewogenen Befunden. Wichtig war etwa Guldimanns Hinweis auf die Rolle Russlands beim Atomabkommen mit Iran. Dies habe gezeigt, worum es Putin tatsächlich gehe: wieder aktiv in der Weltpolitik mitzuspielen.

Auch was General Hodges äußerte, klang vielfach eher diplomatisch als militärisch inspiriert. "Wir brauchen Russland als Partner", betonte er und warb dafür, das Land in die Weltgemeinschaft zurückzuholen. Gerade Militärvertreter seien an Verhandlungslösungen "hochgradig interessiert." Nein, keine Waffenlieferungen an die Ukraine, sagte der US-General. Von ihm gab es aber auch die üblichen kritischen Worte an die russische Adresse. Als spezielles Problem nannte Hodges das "Sperrfeuer von Fehlinformationen" aus Moskau.

Was er damit meinte, davon vermittelte die ansonsten weitgehend schweigsame russische Staatsjournalistin Rose einen leicht verstörenden Eindruck. Der Westen zeichne nur deshalb ein bedrohliches Bild von Russland, um von eigenen Fehlern abzulenken, behauptete sie und verstieg sich dann zu sonderbaren historischen Vergleichen. Da setzte es Buhrufe aus dem Studiopublikum.

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Ezechiel 10.04.2015
1. Der Zusammenhalt Europas
Der Kleber der Europa zusammenhalten soll, ist das Geld Deutschlands. Das reicht aber bei weitem nicht aus. Dafür gibt es zu viele Schwachstellen. Ein Großteil der anderen Länder muss seine internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessern sonst geht Europa baden.
markus.k 10.04.2015
2.
Mist, wenn da keiner mitmacht, ist das ganz schlecht für Provokationen aus dem Westen. Viele setzen grosse Hoffnungen darauf.Wie will man einen neuen Krieg gegen Russland anzetteln, wenn niemand mitmacht? US-Rüstungsfirmen sind extrem erbost darüber. Es geht doch um grosse Profite, wie können sich Europäer da verweigern?
jeze 10.04.2015
3. Verschwörungstheorie
Das, was in dieser Sendung diskutiert werden sollte, ist per Definition nichts anderes als eine astreine Verschwörungstheorie. So langsam müsste doch auch dem naivsten Zuschauer auffallen, was mit Griechenland gemacht wird. Man besteht darauf, dass sie ihre Schulden zurückbezahlen - uns geht es aber keineswegs nur darum das Geld zurückzubekommen. Wir wollen auch, dass die Griechen sich über UNS Refinanzieren, damit WIR die Zinsen bekommen und WIR Griechenland von vorne bis hinten vorschreiben können, was sie zu tun und wie sie zu leben haben. Friedensprojekt Europa. Warum verstehen denn so wenige, dass die Schulden, die Griechenland im Moment hat, vor allem Zinsforderungen unserer Banken sind!? Wenn ich dann Herrn Röttgen mit seiener Propganda höre - sowohl was Russland als auch was Griechenland betrifft - könnte mir schlecht werden. Dort verkauft er eine Bankenrettung, die Rettung von Zinseinnahmen und die vorangetriebene Verelendung des griechischen Volkes als einen Akt der Solidarität und das dumme Publikum klatscht auch noch (wahrscheinlich sind die von CDU-Ortsverbänden herangekarrt worden). Das selbe mit Russland: Röttgen ist der größte Spalter der Nation und so jemand sollte nicht von Solidarität und Friedensprojekt sprechen.
wernerilse 10.04.2015
4. Parteiische Moderatoren
jetzt wird auch frau illner "richtungweisend" nachdem günter jauch völlig mit scheuklappen durch seine sendungen führt. nachdem in dieser illner sendung herr röttgen minutenlang über die 350 milliarden euro schenkung an die griechen referrieren durfte, wurde der attac gast kurzerhand abgewürgt mit "das hatten wir schon in vorigen sendungen ausführlich." danach habe ich abgeschaltet. dies ist eine unziemliche einflussnahme durch eine gezielte vorgabe.
fatherted98 10.04.2015
5. Diese Talkrunden...
...haben sich nun wirklich überdauert. Immer wieder die gleichen Gesichter, die gleichen Themen...zig mal durchgekaut...und dann Moderatoren die schlecht informiert sind und/oder aber provozieren wollen um Quote zu machen...öffentlich rechtliches TV...vom Bürger zwangsfinanziert...einfach nur schlecht!
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