"Maybrit Illner" zu Merz und Merkel "Er hat es so dilettantisch gemacht"

Maybrit Illner diskutierte mit ihren Gästen über den Zustand der CDU - und die Kritik von Friedrich Merz an der Kanzlerin. Mehrheitsmeinung der TV-Runde: Das war mittelklug bis völlig daneben.

Moderatorin Illner (M.) mit ihren Gästen: "Zwischen Merkel und Merz - geht die CDU in der Mitte unter?"
ZDF/Svea Pietschmann

Moderatorin Illner (M.) mit ihren Gästen: "Zwischen Merkel und Merz - geht die CDU in der Mitte unter?"

Von Klaus Raab


Zu bewundern war am Donnerstagabend im ZDF, wie sich eine Katze in den Schwanz beißt. "Zwischen Merkel und Merz - geht die CDU in der Mitte unter?" hieß es bei "Maybrit Illner". Die internen Querelen nach der Wahlniederlage der Partei in Thüringen waren also das Thema. In der Praxis bedeutete das: Personen redeten mit anderen Personen über dritte Personen, die weitere Personen kritisiert hatten, weil es unter deren Führung zu wenig um Inhalte gehe. Alles klar?

Die Frage des Abends: Geht es um die Sache oder um Rache? Friedrich Merz, der vor einem Jahr als Kandidat für den Parteivorsitz Annegret Kramp-Karrenbauer unterlegen war, hatte den Zustand der Bundesregierung nach der Landtagswahl als "grottenschlecht" bezeichnet und beklagt, dank der Untätigkeit der Kanzlerin liege "ein Nebelteppich" über dem Land. Auch der ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch, der wie Merz in der Ära Merkel von der Bildfläche verschwunden war, hatte im Magazin "Cicero" die Bundeskanzlerin kritisiert. Sache oder Rache?

Die Einzelmeinung des Abends: Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Carsten Linnemann, ein dritter CDU-Mann im Kreis der Merkel-Kritiker, war persönlich zugegen. Was ihn so sicher mache, dass es Merz um politische Inhalte und nicht um gekränkte Ehre gehe, fragte Maybrit Illner. Linnemann: "Dafür kenne ich ihn zu lange."

Die Mehrheitsmeinung des Abends: Merz' heftige Kritik sei mittelklug bis völlig daneben gewesen. "Die Durchschlagskraft der Kritik liegt auch ein bisschen an der Qualität der Kritik", sagte der ehemalige thüringische und rheinland-pfälzische CDU-Ministerpräsident Bernhard Vogel. Anja Maier von der "taz" befand, Merz' frontale Kritik sei für die CDU, die eine "anständige Partei" sei, sehr ungewöhnlich; Rachegelüste und Eitelkeit spielten zumindest auch eine Rolle.

Der Publizist Albrecht von Lucke wurde am deutlichsten: Merz habe eine Personaldiskussion losgetreten, um selbst in eine Führungsrolle schlüpfen zu können. Aber "er hat es so dilettantisch gemacht", dass sich die Partei nun hinter Kramp-Karrenbauer versammle. Die anderen Konkurrenten um die Kanzlerkandidatur der Union seien "noch nicht so weit" - und so schlössen sich nun die Reihen hinter der "durchaus schwachen" Vorsitzenden.

Der missglückte Versuch des Abends: Linnemann forderte, endlich wieder auf inhaltliche Debatten zu setzen - wie die über die Vorschulpflicht für Kinder, die schlecht Deutsch sprechen; das hatte er bereits im Sommer vergeblich anzustoßen versucht. "Diese Debatten müssen wir führen", sagte er, um der Unterscheidbarkeit der Parteien willen. Kramp-Karrenbauer müsse "die Führungsfrage in der Partei stellen, Frau Merkel in der Regierung". Nicht durch kam er aber mit dem Versuch, sich als Mann der Inhalte zu präsentieren, dem Machtinteressen fremd sind. Linnemann, sagte Lucke, mache das "immer sehr geschmeidig".

Die Verblassung des Abends: Eigentlich stand das Ende der Ära Merkel im Raum. Das steht dort aber schon seit einem Jahr: Im November 2018 machte Illner die Sendungen "Streit um Merkels Erbe", "Was folgt auf Merkel?" und "Neustart ohne Merkel". Tatsächlich war die Runde diesmal eher drauf und dran, mit dem Phänomen Merz abzuschließen. "Er ist eine Projektionsfläche", sagte die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch, "er schießt nur aus dem Off". Eine "Lichtgestalt", die noch zum "Glühwürmchen" werden könnte, so Lucke. Und auch Alexander Marguier, Chefredakteur des konservativen "Cicero", sagte, "bei allem Respekt", Merz' politische Leistung verblasse neben der aller anderen denkbaren Kanzlerkandidaten.

Das Kandidatenbingo des Abends: Wer sind die? Marguier zählte neben Merz und Kramp-Karrenbauer Armin Laschet, Markus Söder und Jens Spahn auf. Wenn die Sendung noch länger dauere, nenne er auch noch fünf weitere, sagte Bernhard Vogel. Was er sagen wollte: Es gebe für die CDU "keinen Grund, jetzt die Kanzlerfrage zu diskutieren". Die SPD werde in der laufenden Legislaturperiode ohnehin niemanden von der Union mehr ins Kanzleramt wählen: "So blöd ist sie immer noch nicht, nein."

Die Koalitionsberatung des Abends: Kann die CDU in Thüringen zur Not mit der Linken koalieren? Auch darum ging es. Albrecht von Lucke nutzte den Exkurs, um der Partei ihr Hufeisen wegzunehmen: Sie vertrete eine "verquere Extremismustheorie" - die Gleichsetzung von linkem und rechtem Rand sei eine "Lebenslüge" und bedeute eine "ungeheure Verharmlosung des Rechtsextremismus".

Bernhard Vogel stimmte ihm zu: Man dürfe AfD und Linkspartei nicht einmal "in einem Satz sagen". Das bedeute aber nicht, dass man mit der Linken koalieren sollte. Anja Maier sagte, ein Zusammengehen würde den Markenkern der CDU beschädigen. Ursula Münch riet aus ähnlichen Gründen ab. Was sie aber nicht verstehe, sagte Maier, sei, wie plump sich etwa CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak an der Linkspartei abarbeite: Es müsse doch noch irgendeinen anderen luziden Gedanken geben, um das eigene Profil zu schärfen.



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Seite 1
asedky 01.11.2019
1. veränderungen
der zustand den die cdu jetzt erfahren muss war vorraussehbar. ähnlich wie die spd hat sie es vrsäumt die lokalen, regionalen und internationalen veränderungen zu beachten. die cdu wurde immer mehr zu einem werkzeug der verschiedenen interessen ohne rücksicht auf den wähler.
Faktomat 01.11.2019
2. Experiment Merz chancenlos
Deutschland hat durch seine Verfassung, Struktur, und viel Glueck noch keinen Totalversager bei seinen Kanzlern gehabt. Im Gegensatz zu anderen Laendern. Entweder waren es ehemalige Ministerpraesidenten eines Bundeslandes (oder zumindest Buergemeister wie Adenauer und Brandt). Also Leute mit Regierungs- und Verwaltungserfahrung. Oder wie bei Merkel, Frauen, die zumindest mal Minister waren und lange von einem Lehrmeister (Kohl) gecoacht wurden. Fuer unsere Kanzler gilt immer noch der Adenauer Wahlslogan: Keine Experimente. Und das ist gut so. Merz hat zurecht keine Chance. Dass er es nicht realisiert, disqualifiziert ihn schon deshalb.
Europa-Realist 01.11.2019
3. Substanzlosigkeit
Maybrit Illner hatte mich mehrfach als Moderatorin des Heute-Journals überzeugt. Als Moderatorin einer Talk-Runde schäme ich mich aber regelmäßig fremd. Auch dieses Mal entglitt ihr die Diskussionssendung, was natürlich vorwiegend auch an Phrasen dreschenden Diskutanden wie Frau Ursula Münch und Herrn von Lucke lag. Soviel Substanzlosigkeit war selten vorhanden. Für alle muss doch klar sein, dass eine Bundeskanzlerin, die nichts mehr anpackt, ein Vakuum schafft, dass nun von anderen befüllt wird. Das kann und das darf so doch nicht weitergehen. Die Kritik von Herrn Merz an der Bundesregierung - gleich ob Herr Merz hier auch eigene Ambitionen auf das Ant anmelden mag oder nicht - ist deshalb auch in ihre Schärfe mehr als berechtigt. Die Union muss zu ihren alten Werten zurückkehren oder eben offen in zwei Teile zerbrechen. Vor allem müssen sich alle Parteien ernsthaft und inhaltlich mit der AfD auseinandersetzen, damit deren redlichen Wählerklientel wieder zu den wählbaren Parteien zurückkehrt.
hockeyer12 01.11.2019
4. Das war/ist
sowieso eine durch nichts gerechtfertigte Unverschämtheit gewesen, die Linke mit der AfD gleichzusetzen. Die Linke steht voll und ganz auf dem Boden der FDGO. Das kann man bei den immer mehr sich radikalisiernden Rechten bestimmt nicht sagen. Siehe jetzt schon wieder die diskriminierenden Aussagen über das neue Nürnberger Christkindl von der Münchener AfD. Von den "Fliegenschiss" Äußerungen Gaulands über die "Messermädchen" und "Schiessbefehl" Aussagen bis hin zu dem unsäglichen Höcke, dessen Zitate hier den Rahmen sprengen. Es ist eine grobe Beleidigung für die Linke mit so etwas in einen Topf geworfen zu werden,
lothar.thuermer 01.11.2019
5. Keine Überraschung
Das Signal der Sendung kam nicht überraschend. Die Meinung der eingeladenen Gäste war vorhersehbar. Vielleicht hätte die Diskussion profitiert, wenn die Zusammensetzung der Runde etwas ausgewogener gewesen wäre.
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