"Maybrit Illner" zu Merkel Konkret wurde es erst beim Thema AfD

Maybrit Illner ließ über die Zeit nach Angela Merkel diskutieren - doch die Runde kam vom Hölzchen aufs Stöckchen. Und wurde erst spannend, als es um die Parteispendenaffäre der AfD ging.

Moderatorin Illner (3.v.l.) mit ihren Gästen
Jule Roehr/ZDF

Moderatorin Illner (3.v.l.) mit ihren Gästen

Von Klaus Raab


Wer die vergangenen Jahre verschlafen hat, wurde am Donnerstag ordentlich auf den aktuellen Stand der politischen Debatte gebracht. Maybrit Illner hatte sich eine Menge vorgenommen: Mit Vertretern von CDU, SPD, Grünen und AfD sowie einem ganzen Schwung Experten ging es durch die jüngere Entwicklungsgeschichte der Parteienlandschaft und zwar unter dem Titel: "Neustart ohne Merkel - wer wird gewinnen und wer verlieren?"

Der bessere Sendungstitel: Passender wäre vielleicht "Evergreens der jüngeren politischen Debatte - neu aufgelegt" gewesen. "Kernschmelze der Volksparteien", "asymmetrische Demobilisierung", "Zuhören, was die Menschen bewegt", Umfragenaufschwung von Grünen und AfD, Fahrverbote, Flüchtlingspolitik - von einer gebrauchten Formulierung ging es zur nächsten und vom Hölzchen aufs Stöckchen. Natürlich mit dem Ziel, aus vielen Mosaiksteinchen ein Panoramabild zu entwerfen. Aber es glückte nur so leidlich.

Das Fußballerzitat des Abends: Illners Eingangsthese, die Ankündigung von Angela Merkel, nicht mehr für den CDU-Vorsitz zu kandidieren, habe für "mächtig Bewegung gesorgt", bestätigte in gewisser Weise Paul Ziemiak, der Vorsitzende der Jungen Union. Was er sagen würde, war schlichtweg am wenigsten erwartbar - was über die Qualität der politischen Arbeit zwar nichts aussagt, in einer Talkshow aber ein Faktor ist. Würde sich Ziemiak etwa den Grünen zuwenden? Ziemlich klare Antwort: nein. Wenn den Grünen das so wichtig sei "mit der Luft in den Städten", dann sollten sie halt nicht zum Beispiel gegen die Stadtautobahn in seiner Heimat sein, sagte er. Und in der Bewertung von Ländern als sichere Herkunftsstaaten seien Union und Grüne auch weit auseinander.

Insofern war richtig, was Dirk Metz, einst Sprecher der Regierung von Hessens CDU-Ministerpräsident Roland Koch, sagte: Merkels Abtrittsankündigung sorge für neue Debatten in der Partei, für eine "Aufbruchstimmung" - man weiß tatsächlich derzeit nicht, wie sich die CDU positioniert. Dass Metz den Fußballer Toni Polster mit dem gut abgehangenen Satz "Ich bin Optimist, sogar meine Blutgruppe ist positiv" zitierte, hob das Niveau allerdings nicht übertrieben an.

Das Schaulaufen des Abends: Franziska Giffey von der SPD, Katrin Göring-Eckardt von den Grünen und Alexander Gauland von der AfD betrieben im Grunde Schaulaufen im Kreis: Giffey ist für soziale Politik und verständliche Sprache, Göring-Eckardt für Klimaschutz und gegen Nazis, Gauland gegen etwas, was er "Klimahysterie" nannte, und für Hundekrawatten.

Vor allem Göring-Eckardt und Gauland gerieten, befördert von der Sendungsdramaturgie, aneinander. "Wir leben davon, dass wir die Realität benennen", antwortete sie auf die Frage, ob die Grünen eine Angstpartei seien. Sprach sie - und winkte Gauland mehrfach verächtlich ab. Klimawandel? Was den Einfluss des Menschen angehe, sei man "sehr skeptisch". Wie meist, wenn zwei Pole in einer Talkshow aufeinandertreffen, endete das Ganze mit Grundsatz-Statements, die die Diskussion nicht voranbringen.

Franziska Giffey mühte sich derweil, das Bild einer "lebendigen, modernen Partei" zu entwerfen, aber verließ die Metaebene nicht: Politiker bräuchten eine zugewandte Art, auch mal gute Laune. "Sachpolitik ist das eine", sagte sie, aber es gehe auch um "Herz und Bauch". Es sei sehr wichtig, dass "wir", also die SPD, "sagen, wofür wir stehen". Allein, sie sagte es halt nicht. Soziale Politik - ja, okay. SPD-Berater Frank Stauss hatte eingangs angemerkt, die SPD müsse sich sputen mit ihrer Erneuerung, schließlich seien Neuwahlen denkbar. Es kam kein Toni-Polster-Optimismus-Zitat von ihm.

Die hervorzuhebende Passage des Abends: Heraus stach die Diskussion über die Parteispenden, die die AfD im Bundestagswahlkampf bekommen hat, und die Frage, ob sie vom Verfassungsschutz beobachtet werden sollte. Investigativjournalist und ehemaliger SPIEGEL-Chefredakteur Georg Mascolo sagte, es sei auffällig dass sich die Partei erst dann um die Aufklärung kümmere, nachdem sie schon erwischt worden sei. "Woher hat sie ihr Geld? Und hält sie sich ans Gesetz?" Noch entscheidender für Wähler sei aber vielleicht, ob die Partei durch den Verfassungsschutz beobachtet werde. Ob sie sich von ihren radikalen Kräften trenne, sei für viele Wähler maßgeblich.

AfD-Politiker Gauland kleinlaut zu nennen, wäre falsch. "Ja, es sind Fehler gemacht worden", sagte er über die Parteispendenaffäre. "In der Tat: Man hätte dem Bundestag das anzeigen müssen." Aber von dem Spendengeld sei "kein Pfennig bei der AfD geblieben". Er fordere auch nicht den Rücktritt von Alice Weidel. Und was die Verfassungsschutzfrage angehe: Vielleicht solle man von "Verbalradikalismus" lassen. Sprach er - und verteidigte kurz darauf Björn Höckes Zitat vom "Mahnmal der Schande", indem er behauptete, er habe es doch ganz harmlos gemeint: "Herr Höcke hat völlig recht: Es ist ein Mahnmal unserer Schande."



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amon.tuul 16.11.2018
1. weniger peinlich
wäre es wenn die ö.r. Medien mal mir eigenen Verflechtungen öffentlich wären, wenn die Rolle der sog. Ngo beim weltwriten Meinungskauf durch Us Milliardäre mal wenigstens erwähnt würde. Die paar Kröten für die Afd sind lächerlich.
juba39 16.11.2018
2. Sehr richtig gesehen
Der Einleitungsext oben sagt alles über die neue, abwärtsführende Qualität dieser Sendung. Wie war nämlich der eigentliche Titel dieser Sendung? Mit der Teilnahme von Gauland war doch für Illner, die Grünen sowieso, der Schwerpunkt vorgegeben. Peinlich nur zwei Dinge. Der AfD offen faschistische Tendenzen vorzuwerfen, dem JU-Vorsitzenden jede Frage nach dem Eklat seiner Gesinnungsgenossen kürzlich in einer Berliner Kneipe zu ersparen, und ein weiterer Auftritt eines vor Selbstgefälligkeit strotzenden Mascolo. Wer es nicht versteht, hat seine journalistisch unsägliche Gemeinschaftsreportage mit Schwenck/ARD vor Mossul nicht gesehen! Beide Herren in Anzug und Schlips, nach eigenen Angaben 400m (!) von der Front, auf besenreinen Straßen. Kein (journalstisches) Wort allerdings, als kurz im Bild IS-Tunnel voller Lebensmittelsäcke mit "www.xxx.nl" zu sehen waren. So viel zum investigativen Herrn Mascolo.
Bahnix 16.11.2018
3. Na ja:
Bevor man die AFD fragen kann, woher sie ihr Geld haben, sollte man vielleicht die Antwort erhalten, woher die CDU ihr Geld hat. Oder ist das nicht dasselbe, wenn zwei dasselbe machen? Die Einen sogar mit einem Ex. Bundeskanzler, dem nichts passiert. Wundert sich jemand, anhand dieser Tatsachen, dass das als ein Kavaliersdelikt gehandelt wird?
thinking_about 16.11.2018
4. Kurze Einlassung
Ohne die neue Doppelspitze bei den Grünen hätten diese niemals den derzeitigen Aufschwung erlebt, wenn es so weitergegangen wäre mit der ewigen Giftspritze Göring-Eckardt.
karljosef 16.11.2018
5. Zitat:
"AfD-Politiker Gauland kleinlaut zu nennen, wäre falsch. "Ja, es sind Fehler gemacht worden", sagte er über die Parteispendenaffäre." Die Wurzeln von Gauland sind bekannt: Es ist die (sogenannte) CSU. Ob sich bei diesem Punkt da der Eine oder Andere an Parallelen bei den (Neo)christen aus der Vergangenheit erinnert?
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