»Maybrit Illner« zu Corona-Impfungen »Alle Gewehr bei Fuß, und dann ging es sehr, sehr spärlich los«

Maybrit Illner lässt über die verzögerte Lieferung des Impfstoffs diskutieren – und moderiert den alten Streit darüber, ob und wann denn die Maßnahmen gegen die Pandemie gelockert werden können.
Maybrit Illner mit Gästen: Manche fordern einen schärferen Lockdown wie zu Zeiten der Pest, andere eine behutsame Lockerung mit Methoden der Neuzeit

Maybrit Illner mit Gästen: Manche fordern einen schärferen Lockdown wie zu Zeiten der Pest, andere eine behutsame Lockerung mit Methoden der Neuzeit

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ZDF/Svea Pietschmann

Der allgemeine Überdruss an den obwaltenden Verhältnissen hat längst auch die Talkrunden erfasst. Mit geringfügigen Abstrichen an der Aktualität hätte man statt der »Maybrit Illner«-Sendung vom Dienstag auch eine von vergangenem Herbst senden können, wahlweise auch eine Folge von »Anne Will« aus dem Frühjahr – oder gleich das Testbild.

Zu den geringfügigen Änderungen gehört, dass es inzwischen einen Impfstoff gibt, davon aber nicht genug. Das ist natürlich ein Politikum. Auch wenn Angela Merkel neulich meinte, dass »im Großen und Ganzen nichts schiefgelaufen ist«. Auch wenn Jens Spahn für den gegenwärtigen Ärger ein falsches »Erwartungsmanagent« verantwortlich macht – also uns alle, die wir uns zu früh zu viel versprochen haben. Oder wurde es uns versprochen?

Markus Söder (CSU) erinnert aus Bayern daran, dass der Impfstoff früher als erwartet gekommen sei. Die Länder, sagt er, sollten »nur« die Impflogistik zur Verfügung stellen. Was auch geschehen ist, wie man in den leeren Stadthallen und anderen ambulanten Impfzentren sehen kann. Er selbst habe »ehrlich gesagt nicht« verstanden, warum das Kaufverfahren so grandios schiefgelaufen ist, das sei »so detailliert nie« kommuniziert worden.

Auch Peter Tschentscher (SPD), Erster Bürgermeister von Hamburg, findet ambivalente Worte für den letzten Impfgipfel. Der habe »Klarheit, aber auch Ernüchterung« gebracht. Immerhin sei Hilfe unterwegs, und das sei doch schließlich das Wichtigste. Den Ländern sei signalisiert worden, sie sollten sich ab dem 15. Dezember 2020 auf massenhafte Impfungen einstellen: »Da standen wir alle Gewehr bei Fuß, und dann ging es sehr, sehr spärlich los«.

»Perspektive« und »intelligente Lösungen«

Kristina Schröder (CDU) war von 2009 bis 2013 Familienministerin und weiß, dass man um jeden Preis »hätte kaufen müssen«. Verschüttete Milch. Ferner findet sie, wie alle in der Runde, man »müsse gegenüber Sputnik aufgeschlossen sein«. Auch mit dem Impfstoff von AstraZeneca, der offenbar nur Jüngeren hilft, könne man durch die Impfung von Lehrerinnen oder Erziehern »segensreich« wirken.

Auch Stephan Pusch, Landrat von Heinsberg, hat nichts gegen den russischen Impfstoff: »Die Russen waren ja auch nie schlechte Wissenschaftler, muss man auch mal sagen«. Bis es so weit ist, fordert Pusch »Perspektive« und »intelligente Lösungen«, etwa Wechselunterricht in den Grundschulen. Es müsse ein Mittelweg gefunden werden zwischen völliger Öffnung und Totalschließung, sonst gingen selbst gewogene Bürger von der Fahne: »In der Erlebniswelt eines Kindes dauert der Lockdown schon ein halbes Jahr«.

In die gleiche Kerbe schlägt auch Schröder, nur – sie trägt als einzige Teilnehmerin der Runde keinerlei gesellschaftliche Verantwortung – mit mehr Vehemenz. Der Lockdown fordere ebenfalls Todesopfer, führt sie aus und nennt als Beispiel die Anorexie bei Jugendlichen. »Das Ziel« einer drastischen Reduzierung sei »attraktiv, aber der Weg dahin trägt teilweise totalitäre Züge«. Recht wäre ihr eine App, die nicht von »paranoiden« Datenschutzbedenken »kastriert« sei. Begrüßen würde sie auch Luftreinigungsgeräte und mehr Schnelltests. Derzeit bedienten wir uns der »Methoden des Mittelalters«, nicht der Methoden der Neuzeit.

Wie eine Wiederholung einer beliebigen Sendung

Damit ist wieder die Achse erreicht, um die die Debatte seit Monaten kreist. Manche fordern einen schärferen Lockdown wie zu Zeiten der Pest, andere eine behutsame Lockerung mit Methoden der Neuzeit. Spätestens jetzt könnte man eine beliebige Wiederholung einer beliebigen Sendung bringen.

Opfer der Pandemie, wirft Söder ein, seien »zunächst einmal die Menschen, die verstorben sind«. Man könne doch nicht »gerade jetzt den wissenschaftlichen Rat ausblenden«. Das sieht Tschentscher ebenso, der »auch einmal einen Epidemiologen« in seinen Beraterkreis aufgenommen hat. Weil er es wichtig findet, »Argumente und Gegenargumente abzuwägen«.

Eine solche Expertin ist Jana Schroeder, Chefärztin für Infektionskrankheiten. Allein ihr Kopfschütteln, wenn Kristina Schröder neuzeitliche Öffnungsszenarien skizziert, spricht Bände. Ihre Anliegen bringt sie mit einer Dringlichkeit zum Vortrag, die an der Praxis geschult ist. In den Kliniken gehe es »schon zu lange im Sprint«, ein Marathon sei nicht zu schaffen. Gerade Schröder erklärt Schroeder (»Was wäre denn konkret ihre Alternative?«) geduldig, weshalb die Mutante gefährlicher sei als die herkömmliche »Wildtypvariante« des Virus.

Söder nickt, wie er gern nickt, besorgt und bedächtig: »Die Kombination aus einer Mutation und einer Lockerung« sei nicht dazu angetan, jetzt Lockerungen zu wagen: »Lieber einen Schritt langsamer, als es am Ende wieder zu verstolpern«. Tschentscher sagt's auf seine Weise: »Ab wann trauen wir uns zu, diesen ersten Schritt zu machen«, etwa mit behutsamen Öffnungen von Grundschulen und Kindergärten? Erst einmal nicht.

So sieht's aus.

Der Berichterstatter will die Datei abspeichern, aber »Illner Corona« gibt es schon, auch »Illner Corona 2« und »Illner Corona 3«. Nebenan, bei »Anne Will« hat er sogar schon »Will Corona 7« erreicht. Es passiert eben immer etwas Neues. Und hat einstweilen kein Ende.

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