"Maybrit Illner" zu Corona Mundschutz, weiß und blau

Früher war mehr Schlammschlacht: Bei "Maybrit Illner" wird konstruktiv über die Corona-Maßnahmen diskutiert - aber Markus Söder und Christian Lindner bringen auch wieder ein wenig Show in den Talk zurück.
Von Klaus Raab
Maybrit Illner mit Gästen

Maybrit Illner mit Gästen

Foto: ZDF/Svea Pietschmann

"Normalität", was war das gleich? Ach richtig, die sogenannte Normalität, das waren Talkshows mit Christian Lindner, in denen die Show nicht zu kurz kam. Diese Art von Normalität gibt es nicht in diesen Tagen.

Auch bei "Maybrit Illner", wo es um die jüngst beschlossenen Modifizierungen der Corona-Maßnahmen geht, wird nun das Vizekanzler-Wort von einer "neuen Normalität" zitiert. Und hier, im Studio der Talkshow, die man allmählich wohl treffender "Gesprächssendung" nennen sollte, ist diese "neue Normalität" schon längst am Werk. Lindner, der FDP-Vorsitzende, wird zum Beispiel angekündigt mit der regelrecht langweiligen Aussage, "etwas mehr Lockerung wäre denkbar gewesen".

Er argumentiert dann auch selbst so, ja, fast zurückhaltend: "Massive Grundrechtseinschränkungen" moniert er zwar, aber hält einen Satz später schon fest, dass Deutschland trotzdem noch "eine funktionierende Demokratie" sei. Hätte er so etwas in der alten Normalität auch gesagt, nur weil es stimmt? Scharfe Kritik allein hätte es doch auch getan.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Gut, vielleicht trügt die Erinnerung. Vielleicht war auch früher - also ungefähr bis Februar - in den Talks nicht wirklich jede dritte Aussage mit der Machete zugespitzt. Aber nun ist schon eine ungewohnte Lösungs- und Sachorientiertheit zu bewundern, ohne Ausflüge in die Gefilde des Schlammwerfens. Das hat mit dem Thema zu tun; auf Taschenspielertricks hat derzeit wohl kaum jemand viel Lust. Das hat aber auch mit Experten wie dem Virologen Christian Drosten zu tun, der zu unterscheiden versteht zwischen Dingen, die er weiß, und Dingen, die er glaubt. Das mit der relativ niedrigen Sterblichkeit in Deutschland "wird nicht immer so bleiben", sagt er zum Beispiel. So formuliert man Gewusstes. Später sagt er: Dass Schulen "Motoren der Virusübertragung" seien, sei möglich, man wisse es aber nicht wirklich. So formuliert man Denkbares.

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Lob und Dank

Verschiedene Meinungen werden natürlich schon eingeholt. Maskenpflicht oder nicht? Möbelhäuser auf oder zu? Darüber wird diskutiert. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) spricht sich zum Beispiel für das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes aus, und er könne sich auch eine Pflicht vorstellen, sagt er.

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Einfache Masken für alle, das fände auch Lindner gut. Besser jedenfalls, als Läden mit einer Grundfläche über 800 Quadratmeter nicht zu öffnen, sagt er. Entscheidend sei doch, dass der Abstand zwischen den Leuten gewahrt sei. Das sieht Söder anders: Von der Öffnung großer Läden sehe Bayern zum Beispiel ab, weil es sich bei großen Läden um Event-Orte handle.

Und es geht auch um eines von Lindners Lieblingsthemen, die Digitalisierung: Er will keine Faxgeräte in Behörden, sondern Softwarelösungen. Kontrovers wird es an dieser Stelle dann nicht. Gegen ein "elektronisches Fallverfolgungssystem", wie es Drosten nennt, hat im Grunde niemand in der Runde etwas. Auch nicht der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, der eigentlich den Datenschutz hochhalte, wie Illner sagt. Die Entwicklung einer App sei eine Chance, auch ärmeren Ländern bei der Bewältigung der Pandemie noch zu helfen, argumentiert Yogeshwar zum Beispiel.

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Aber es wird in diesem Talk der "neuen Normalität" auch ungewöhnlich viel gelobt und gedankt. Söder lobt gleich zu Beginn "die Menschen" für ihre Disziplin, dankt zwischendurch den Gesundheitsämtern und zum Schluss allen, die Verantwortung übernehmen. Und Yogeshwar findet, dass es in Deutschland "tolle Experten" gibt, die ihr Wissen teilen würden.

Aber Politik bleibt Politik

Andererseits: Bayern? Nordrhein-Westfalen? War da nicht doch etwas im Busch , was an die Zeit vor Corona erinnert - ein "Fernduell zwischen Düsseldorf und München", wie es Maybrit Illner formuliert, also zwischen den Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) und Söder? Doch, doch: "Selbst in diesen Zeiten bleibt die Politik natürlich Politik", sagt Christiane Hoffmann vom SPIEGEL. Der "Profilierungskampf in der Union" spiele erkennbar auch bei der Auseinandersetzung über angemessene Corona-Maßnahmen und -Lockerungen eine Rolle.

Markus Söder sagt dazu gar nichts, außer das, was er ungefragt dann doch sagt. Nämlich zum Beispiel, dass es "keinen Streit" gebe, sondern nur ein paar Abwägungsunterschiede zwischen diesem und jenem Bundesland. Was eine Maskenpflicht angehe, sei man "in NRW" zum Beispiel sehr zurückhaltend gewesen, anders als in Bayern. Wo es, wie alsbald zu erfahren ist, übrigens sogar Seife auf den Schultoiletten gebe.

Ganz generell wolle er, Söder, mit Lockerungen einfach "nichts überstürzen", anders als gewisse andere. Das ist seine Botschaft, die er in unterschiedlich unorigineller Formulierung mehrmals unterbringt. "In der Ruhe liegt die Kraft!" ist eine. "Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste!" eine andere. Und um die Verbindung von Vorsicht und Bayern auch bildlich zu unterstreichen, winkt er einmal mit einem weiß-blauen Mundschutz, der sogar prima zur Krawatte passt. Hatte hier jemand behauptet, die Show wäre völlig verschwunden aus den Talks? Das stimmt natürlich nicht wirklich.

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