"Maybrit Illner"-Talk zum Attentat in Hanau Der Feind steht rechts

Ein Talk über rechtsextremen Terror ohne rechtsextreme Politiker, geht das? Das geht sogar sehr gut. Stattdessen bekommen bei Maybrit Illner die Opfer einen Namen und das Wort.
Maybrit Illner mit Gästen: Rassismus "wird gesellschaftlich gemacht"

Maybrit Illner mit Gästen: Rassismus "wird gesellschaftlich gemacht"

Foto: Claudius Pflug/ ZDF / Claudius Pflug

Oft wird gefordert, den politischen Arm des Rechtsradikalismus prinzipiell nicht auf der medialen Ebene herumfuchteln zu lassen. Hätte man nicht wenigstens an diesem Abend bei "Maybrit Illner" einen verwirrten Einzeltäter von der AfD über "verwirrte Einzeltäter" schwadronieren und sich selbst demontieren lassen können? Nö.

Der nimmermüde Umdeutungseifer der Rechtsextremen ist am Tag nach den Ereignissen von Hanau nicht nur so wenig satisfaktionsfähig wie sonst auch. Er ist obszön. Der Talk tut also gut daran, sich geschlossen gegen den rechten Terror zu stellen - und seinen Wegbereiter nicht einmal die Ehre anzutun, ihre Perfidie öffentlich zu zerpflücken.

Auf dem großen Bildschirm hinter der Runde steht RASSISMUS, nicht FREMDENFEINDLICHKEIT. Die Opfer haben Gesichter und Geschichten und Namen, die ausgesprochen werden. Es hat sich offenbar etwas getan in Deutschland.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Okay, unter den Bildern aus Hanau liegen elegische Streicher. Aber es hat sich etwas getan, oder? Armin Laschet jedenfalls meint: "Die Sensibilität ist jetzt da!"

Genau das ist der Elefant, der hier bei allen Fortschritten im Raum steht. Wo war sie denn vorher, die Sensibilität? Warum fragt die Sendung in ihrem Titel: "Rechter Terror außer Kontrolle?". Wie dürfen wir uns einen rechten Terrorismus vorstellen, der unter Kontrolle ist?  Jetzt, so Laschet, hätten wir einen Punkt erreicht, "an dem die Gesellschaft noch wachgerüttelter sein muss als nach Lübcke und nach Halle".

Wenn aber "die Gesellschaft" bei all dem Wachgerüttel in den vergangenen Jahren noch immer nicht "aufgewacht" ist - vielleicht will sie einfach weiterschlafen?

Der CDU-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen räumt ein, dass allein in einer Bezeichnung wie "Dönermorde" schon struktureller Rassismus angelegt war. Und er zieht die Linie zur Politik: "Es gab immer schon psychisch Kranke, okay", aber eine solche Politisierung habe ihre Urheber. Und die säßen inzwischen in den Parlamenten, wo sie beispielsweise von einer "Umvolkung" faseln dürften.

Kann es so etwas wie "Einzeltäter" überhaupt geben?

Laschet wiederum ist "besorgt" wegen der "kurzen Abstände", in denen es neuerdings zu rechtsterroristischen Attentaten kommt. Da ist wieder der Elefant. Welche Abstände wären denn noch vertretbar? Immerhin wischt er die Hufeisentheorie mit einer Deutlichkeit beiseite, die nicht alle seine Parteikollegen teilen. Die größte Bedrohung für unsere Gesellschaft, Herr Laschet?

DER SPIEGEL

"In den Siebzigerjahren war es wahrscheinlich die RAF", sagt er abwägend: "Heute ist es der Rechtsterrorismus. Der Feind steht rechts, hat mal ein Reichskanzler gesagt", fügt Laschet hinzu und beweist mit diesem Nebensatz ein recht profundes historisches Bewusstsein.

Denn vom Feind, "der sein Gift in die Wunden des Volkes träufelt", sprach nicht irgendein Reichskanzler irgendwann. Sondern Joseph Wirth vom linken Flügel der katholischen Zentrumspartei 1922 im Reichstag, nachdem sein Außenminister, Walther Rathenau, von protofaschistischen Freikorps ermordet wurde, wie sie sich offenbar heute wieder bilden. Siehe "Hannibal", siehe "Combat 18", siehe "Teutonico" - Letztere unlängst ausgehoben in NRW und im Vergleich zu Hanau "eigentlich ein viel dramatischerer Vorgang, weil es eine Zelle ist".

Auch Matthias Quent, Rechtsextremismusforscher, mag nicht von einem Einzeltäter sprechen, denn den "gibt es überhaupt nicht". Der Täter von Hanau habe seine Opfer "rassistisch ausgesucht", ganz gleich, was er sonst noch "für psychologische Probleme mit sich" herumgetragen habe. Quent vermutet eine "narzisstisch paranoide Dimension, die da mitschwingt". Rassismus aber "wird gesellschaftlich gemacht".

Verschwörungstheorien verfangen auch in der bürgerlichen Mitte

Da kann Claudia Roth, grüne Vizepräsidentin des Bundestages, nur zustimmend Carolin Emcke zitieren: "Hass ist nicht da, der wird gemacht." Anschließend rattert sie eine ganze Reihe von rechtsstaatlichen und präventiven Maßnahmen herunter, die ganz dringend an allen Fronten ergriffen werden müssten. Im Grunde aber gelte: "Eigentlich sollten wir jetzt alle Verfassungsschützer sein".

Es fängt an mit dem Sagbaren, und dann kommt das Machbare

Claudia Roth

Illner will es aber, listig, von Armin Laschet ganz genau wissen. Der gerät ein wenig ins Schwimmen. Man müsse Kräfte verstärken, "die das Internet mal beobachten" und überhaupt die AfD energisch bekämpfen.

Quent weist darauf hin, dass Verschwörungstheorien wie jene vom "kulturellen Marxismus", sozusagen die "jüdische Weltverschwörung 2.0", inzwischen auch in bürgerlichen Medien ihre Verbreitung fänden - ohne den rechten Blogger, der dafür verantwortlich ist, namentlich zu erwähnen.

Wenn es so etwas wie einen Dissens gibt an diesem Abend, dann bezieht der sich auf die Wirkung der Sprache. Kübra Gümüsay, Journalistin und Publizistin ("Sprache und Sein"), betont, die Täter kämen "nicht aus dem Nichts", die Zahlen häuften sich "nicht ohne Grund" - und der liege in einem strukturellen Rassismus, der durch rassistische Sprache reproduziert würde.

Die Frage ist nicht, ob der Islam zu Deutschland gehört

Janine Wissler von der Linken in Hessen pflichtet bei, Laschet widerspricht. Nicht "die harte Debatte" sei das Problem, im Gegenteil: "Wenn man die Debatte zum Problem erklärt, wird es immer mehr Menschen geben, die sagen, man dürfe nicht mehr alles sagen". Claudia Roth hält dagegen, dass gerade im Internet gerade Frauen sich allerhand sagen lassen müssten - und es eigentlich um eine offene Diskussionskultur "auf Augenhöhe" gehen müsste.

Gümüsay geht es dabei nicht nur um "die digitale Architektur" und das Internet. Auch "Talkshows sind ein Problem", weil da immer "absolute Meinungen gegeneinander antreten". Es sei jahrelang "an diesen Tischen diskutiert worden, ob der Islam zu Deutschland gehört", als sei das eine offene Frage. 

Roth, die selbst auf Todeslisten von Rechtsextremen steht, nickt und warnt: "Es fängt an mit dem Sagbaren, und dann kommt das Machbare. Dem Angriff auf die Menschlichkeit folgt der Angriff auf den Menschen". Im Übrigen, das wolle sie auch mal loswerden, sei es "sehr angenehm, mal in so ‘ner Runde zu sitzen, wo du nicht immer im Schützengraben bist".

Korrekturhinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels schrieben wir, unter den eingespielten Bildern aus Hanau habe Musik aus Richard Wagners "Lohengrin" gelegen. Das war falsch. Wir haben die entsprechende Stelle entfernt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.