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24. Mai 2019, 04:45 Uhr

"Maybrit Illner" zum Strache-Video

Gaulands Dreisprung

Von Klaus Raab

Was bedeutet die Ibiza-Affäre für die AfD? Parteichef Alexander Gauland wechselte bei "Maybrit Illner" zwischen Abwiegelung und Opfergetue. Vor allem eine frühere Justizministerin hielt dagegen.

Nadine Lindners Analyse war auf den Punkt. Die Journalistin vom Deutschlandradio sagte, die AfD übe sich im Umgang mit dem FPÖ-Skandal in einem Dreisprung.

Und AfD-Parteichef Alexander Gauland? Lieferte die Belege.

Auf dem Video, das den damaligen FPÖ-Vorsitzenden und späteren Vizekanzler Heinz-Christian Strache 2017 auf Ibiza zeige, sei zu sehen, "dass jemand in trunkenem Zustand Meinungen äußert, die ich für unentschuldbar halte", sagte er. Das sei aber "nicht das Fehlverhalten der Partei". Punkt eins.

Punkt zwei: Man müsse "natürlich" auch sagen, dass das Video "eine kriminelle Machenschaft" sei.

Punkt drei: Es würden hier andere Maßstäbe angelegt als an andere Parteien. Dass das Video überhaupt veröffentlicht worden sei, zeige, dass gegen Rechtspopulisten "mehr erlaubt" sei als gegenüber anderen, behauptete er, da nun ganz im bekannten Opfermodus. Und im Zuge der Möllemann-Affäre zum Beispiel habe man seinerzeit auch nicht die ganze FDP verdammt.

Video: Nach dem Strache-Skandal - Filmriss bei der AfD

Im Grunde setzte Gauland bei "Maybrit Illner" an, wo sein Parteifreund Jörg Meuthen am Sonntag bei "Anne Will" aufgehört hatte. Der hatte Straches und Gudenus' Fehlverhalten "singulär" genannt und die Diskussion mit zahlreichen Sticheleien dominiert. Die Sendungen im Vergleich zu sehen war interessant. Sie waren ähnlich betitelt. "Skandal in Österreich - schadet das den Populisten?", fragte Illner. Bei Will hatte die Frage gelautet: "Neuwahlen in Österreich - Dämpfer für die europäische Rechte?" Aber die Talkrunde am Donnerstag nahm einen ganz anderen Verlauf.

Das lag weniger an Gauland. Er hatte sich zwar offensichtlich vorgenommen, nicht ausfällig zu werden wie Meuthen. Sogar seine Jagdhundkrawatte war unter einem Pullover versteckt. Aber seine Sprachregelungen und Ablenkungsstrategien hatte auch er alle parat und schaltete zwischen Opfergetue und Abwiegelung hin und her. Vor allem lag das an den anderen Gästen.

Aus Österreich gekommen war etwa Wilfried Haslauer, der im Vorstand der ÖVP sitzt, die mit der FPÖ koaliert hat. Er war - wie man es eben so macht vor einer Neuwahl - angetreten, seinen Bundeskanzler Sebastian Kurz zu verteidigen, der Probleme löse, während die Rechtspopulisten sie "politisch ausbeuten" würden. Er sprach aber nicht nur von der FPÖ, er sprach allgemein von Rechtspopulisten, denen er ein "herabwürdigendes Menschenbild" und "verdünntes Rechtsbewusstsein" vorwarf.

Besonders die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger von der FDP prägte aber die Sendung. Als Gauland seine These zur Möllemann-Affäre vom Stapel ließ, die seinerzeit nicht der FDP insgesamt angekreidet worden sei, erwiderte sie nur spitz: "Da hab' ich aber ein anderes Erinnern." Sie hatte recht. Der SPIEGEL, nur zum Beispiel, schrieb damals von der "FDP-Affäre".

Und als der ausgetretene AfD-Mann Jörn Kruse sagte, die AfD habe sich "sehr stark nach rechts verschoben", Gauland dagegen befand, Björn Höcke vom rechten Parteiflügel sei "kein Rechtsextremer" - da schlug Leutheusser-Schnarrenberger das Verfassungsschutz-Gutachten vom Jahresanfang auf und begann vorzulesen.

"Dieses Hetzen, dieses Manipulieren, das können Sie nicht einhegen"

Ein aktuelles Facebook-Posting einer AfD-Seite zog die FDP-Politikerin auch noch hervor, es ging um einen "Afrikaner", na klar. Die Journalistin Barbara Tóth vom Magazin "Falter" sagte, über so etwas würde man sich in Österreich nicht mehr wundern - da war noch ein Brückenschlag zwischen FPÖ- und AfD-Methodik. Die Partei einzuhegen, sagte Leutheusser-Schnarrenberger, sei nicht möglich, "dieses Hetzen, dieses Manipulieren, das können Sie nicht einhegen". Es helfe nur, "richtig gegenzuhalten".

Die Sendungsfrage freilich lautete, ob der FPÖ-Skandal "den Populisten" tatsächlich schade. Und? Sie wünsche sich eine "Denkzettelwahl", sagte Leutheusser-Schnarrenberger, nur dass der Denkzettel diesmal an die AfD gehen möge.

Journalistin Nadine Lindner war da allerdings zurückhaltend. Sie glaube, dass der FPÖ-Skandal "die AfD keine Wähler kosten wird", sagte sie; es gebe eine treue Kernwählerschaft. Und Barbara Tóth sagte über die FPÖ-Wähler Ähnliches: Es gebe sogar viele, die Straches Gebaren auf Ibiza "cool" fänden - und es gebe einen Solidarisierungseffekt mit der FPÖ. Kann man das Verhalten eines einzelnen Mannes aber seiner Partei zurechnen? Na sowas, Alexander Gauland beklagte es an dieser Stelle nicht.

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