"Maybrit Illner" zum Strache-Video Gaulands Dreisprung

Was bedeutet die Ibiza-Affäre für die AfD? Parteichef Alexander Gauland wechselte bei "Maybrit Illner" zwischen Abwiegelung und Opfergetue. Vor allem eine frühere Justizministerin hielt dagegen.

Moderatorin Illner (3.v.l.) mit ihren Gästen: "Skandal in Österreich - schadet das den Populisten?"
Jule Roehr/ZDF

Moderatorin Illner (3.v.l.) mit ihren Gästen: "Skandal in Österreich - schadet das den Populisten?"

Von Klaus Raab


Nadine Lindners Analyse war auf den Punkt. Die Journalistin vom Deutschlandradio sagte, die AfD übe sich im Umgang mit dem FPÖ-Skandal in einem Dreisprung.

  • Erstens: Sie stelle das Verhalten Heinz-Christian Straches und seines Parteifreunds Johann Gudenus als Einzelfälle dar.
  • Zweitens: Sie relativiere es durch den Verweis auf das Fehlverhalten anderer Politiker.
  • Drittens: Sie lenke die Aufmerksamkeit weg vom Inhalt auf die Entstehung des Videos.

Und AfD-Parteichef Alexander Gauland? Lieferte die Belege.

Auf dem Video, das den damaligen FPÖ-Vorsitzenden und späteren Vizekanzler Heinz-Christian Strache 2017 auf Ibiza zeige, sei zu sehen, "dass jemand in trunkenem Zustand Meinungen äußert, die ich für unentschuldbar halte", sagte er. Das sei aber "nicht das Fehlverhalten der Partei". Punkt eins.

Punkt zwei: Man müsse "natürlich" auch sagen, dass das Video "eine kriminelle Machenschaft" sei.

Punkt drei: Es würden hier andere Maßstäbe angelegt als an andere Parteien. Dass das Video überhaupt veröffentlicht worden sei, zeige, dass gegen Rechtspopulisten "mehr erlaubt" sei als gegenüber anderen, behauptete er, da nun ganz im bekannten Opfermodus. Und im Zuge der Möllemann-Affäre zum Beispiel habe man seinerzeit auch nicht die ganze FDP verdammt.

Video: Nach dem Strache-Skandal - Filmriss bei der AfD

Im Grunde setzte Gauland bei "Maybrit Illner" an, wo sein Parteifreund Jörg Meuthen am Sonntag bei "Anne Will" aufgehört hatte. Der hatte Straches und Gudenus' Fehlverhalten "singulär" genannt und die Diskussion mit zahlreichen Sticheleien dominiert. Die Sendungen im Vergleich zu sehen war interessant. Sie waren ähnlich betitelt. "Skandal in Österreich - schadet das den Populisten?", fragte Illner. Bei Will hatte die Frage gelautet: "Neuwahlen in Österreich - Dämpfer für die europäische Rechte?" Aber die Talkrunde am Donnerstag nahm einen ganz anderen Verlauf.

Das lag weniger an Gauland. Er hatte sich zwar offensichtlich vorgenommen, nicht ausfällig zu werden wie Meuthen. Sogar seine Jagdhundkrawatte war unter einem Pullover versteckt. Aber seine Sprachregelungen und Ablenkungsstrategien hatte auch er alle parat und schaltete zwischen Opfergetue und Abwiegelung hin und her. Vor allem lag das an den anderen Gästen.

Aus Österreich gekommen war etwa Wilfried Haslauer, der im Vorstand der ÖVP sitzt, die mit der FPÖ koaliert hat. Er war - wie man es eben so macht vor einer Neuwahl - angetreten, seinen Bundeskanzler Sebastian Kurz zu verteidigen, der Probleme löse, während die Rechtspopulisten sie "politisch ausbeuten" würden. Er sprach aber nicht nur von der FPÖ, er sprach allgemein von Rechtspopulisten, denen er ein "herabwürdigendes Menschenbild" und "verdünntes Rechtsbewusstsein" vorwarf.

Besonders die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger von der FDP prägte aber die Sendung. Als Gauland seine These zur Möllemann-Affäre vom Stapel ließ, die seinerzeit nicht der FDP insgesamt angekreidet worden sei, erwiderte sie nur spitz: "Da hab' ich aber ein anderes Erinnern." Sie hatte recht. Der SPIEGEL, nur zum Beispiel, schrieb damals von der "FDP-Affäre".

Und als der ausgetretene AfD-Mann Jörn Kruse sagte, die AfD habe sich "sehr stark nach rechts verschoben", Gauland dagegen befand, Björn Höcke vom rechten Parteiflügel sei "kein Rechtsextremer" - da schlug Leutheusser-Schnarrenberger das Verfassungsschutz-Gutachten vom Jahresanfang auf und begann vorzulesen.

Stimmenfang #100 - Ibiza-Affäre: Welche Folgen hat die Enthüllung für Deutschland?

"Dieses Hetzen, dieses Manipulieren, das können Sie nicht einhegen"

Ein aktuelles Facebook-Posting einer AfD-Seite zog die FDP-Politikerin auch noch hervor, es ging um einen "Afrikaner", na klar. Die Journalistin Barbara Tóth vom Magazin "Falter" sagte, über so etwas würde man sich in Österreich nicht mehr wundern - da war noch ein Brückenschlag zwischen FPÖ- und AfD-Methodik. Die Partei einzuhegen, sagte Leutheusser-Schnarrenberger, sei nicht möglich, "dieses Hetzen, dieses Manipulieren, das können Sie nicht einhegen". Es helfe nur, "richtig gegenzuhalten".

Die Sendungsfrage freilich lautete, ob der FPÖ-Skandal "den Populisten" tatsächlich schade. Und? Sie wünsche sich eine "Denkzettelwahl", sagte Leutheusser-Schnarrenberger, nur dass der Denkzettel diesmal an die AfD gehen möge.

Journalistin Nadine Lindner war da allerdings zurückhaltend. Sie glaube, dass der FPÖ-Skandal "die AfD keine Wähler kosten wird", sagte sie; es gebe eine treue Kernwählerschaft. Und Barbara Tóth sagte über die FPÖ-Wähler Ähnliches: Es gebe sogar viele, die Straches Gebaren auf Ibiza "cool" fänden - und es gebe einen Solidarisierungseffekt mit der FPÖ. Kann man das Verhalten eines einzelnen Mannes aber seiner Partei zurechnen? Na sowas, Alexander Gauland beklagte es an dieser Stelle nicht.

insgesamt 104 Beiträge
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bauern-muenchen 24.05.2019
1. FPÖ-Affäre!
"Sie hatte recht. Der SPIEGEL, nur zum Beispiel, schrieb damals von der "FDP-Affäre"." Dann schreiben Sie bitte jetzt auch von der "FPÖ-Affäre". "Ibiza-Affäre" klingt zu harmlos und irgendwie immer nach Urlaub.
FRWBonn 24.05.2019
2. Herr Gauland und die kognitive Dissonanz
Herr Gauland sagte erst: (A) Was Herr Strache auf Ibiza gesprochen habe, sei "unentschuldbar". Das dann/darf/muss man wohl so verstehen, dass Herr Gauland den Eindruck erwecken möchte, dass er es für "undemokratisch" hält, wenn jemand Herrn Orban nacheifert und Pressefreiheit abschafft, Wissenschaftsfreiheit abschafft, ein korruptes Vettern-System aufbaut, EU-Gelder veruntreut, Flüchtlinge ohne Nahrung einsperrt. -- Herr Gauland sagte dann an anderer Stelle: (B) Die AfD werde ganz sicher weiter mit der FPÖ zusammen arbeiten (weil die ja nichts für die Redereien ihres Vorsitzenden könne), und die AfD werde ganz sicher mit Herrn Orban und dessen Partei zusammen arbeiten. Auf die Frage, ob er -Gauland- Herrn Orban für einen Demokraten halte, bestätigte Gauland: Ja. Orban ist ein Demokrat. -- Nun wird auch der größte Bewunderer von AfD und Gauland merken (müssen), dass (A) und (B) nicht zusammen passen, sich genau genommen vollständig gegenseitig ausschließen. -- Was also liegt da vor ? Kognitive Dissonanz? Alzheimer? - Oder, anders und provokant gefragt: Ist Herr Gauland so geistesschwach, dass er diesen absurden und hahnebüchenen Widerspruch nicht bemerkt - oder hält er sein Publikum (seine Wähler) für dermaßen vollverblödet, dass er glaubt, auch die irresten Statements abgeben zu können - und weiter gewählt zu werden ? -- Und, für alle Nicht-AfD-Wähler: Macht das einen Unterschied ?
hansgeorgkueck 24.05.2019
3. Sehr gut berichtet.
Professionell auf den Punkt gebracht. Bravo!
horstkasimir 24.05.2019
4. leider viel zu spät und nicht konsequent
Zum einen hat die Politik noch immer keinen guten Weg gefunden, mit dem Phänomen AFD umzugehen. Es gilt, eine gute Mischung zu finden zwischen der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den minimalistischen politischen Aussagen dieser Partei, sich nicht provozieren zu lassen und sie so größer zu machen als sie ist und zu verhindern, dass man die Menschen verteufelt, die sich in ihrer Not an eine Gruppierung wenden, die in das AFD-Blaue vom Himmel verspricht. die Politik hat sich zu lange hinter der Phrase von den einfachen Antworten auf komplizierte Fragen versteckt. Die Gerechtigkeitsfrage ist dagegen nicht beantwortet worden und die vielzitierte Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auf. Und das spüren die Menschen
herbert 24.05.2019
5. Ausgerechnet die Ex Justizministerin Leutheusser Schnarrenberger
muss dagegen halten mit ihrer Skandalpartei FDP ! Die FDP hat ja nun alles durch was es so an Politik Skandale in der Politik gibt. Wenn sie dort in der Talksshow einen auf Sauberfrau macht, so ist das schlicht daneben. Warum lädt man ausgerechnet diese FDP Dame ein, wo eine neutrale Person besser wäre. ? Noch anzumerken, es ist auffällig das in den Talksshows gewisse Klatschorgien stattfinden, wo auf jede Kleinigkeit massiv geklatscht wird.
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