"Maybrit Illner" zu Integration "Herr Gauland, hören Sie auf, mit der Angst zu zündeln"

Multikulti trifft AfD: Maybritt Illner lud zu einer weiteren Talkrunde über das Dauerthema Integration. Doch die Kollision eines Alt-68ers mit einem AfD-Oldie sorgte für Erhellung.

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Dem Politologen Claus Leggewie ist zu verdanken, dass der Begriff "Multikulti" vor gut einem Vierteljahrhundert in den Diskurs der Deutschen über sich selbst einwandern konnte.

Schon deshalb: Keine schlechte Idee von Maybrit Illner, den bekennenden Alt-68er in eine weitere der vielen Talkrunden zum Dauerthema Integration einzuladen. Zumal er dort auf Alexander Gauland traf, womit neben teilweise recht unterhaltsamer professoraler Erkenntnisschöpfung auch die eine oder andere erhellende Kollision garantiert war.

Die erste gab es denn auch prompt, nachdem der AfD-Vize leicht grämlich eingeräumt hatte, dass die einzelnen Muslime zwar zu Deutschland gehörten - notgedrungen sozusagen, da sie ja nun mal da seien aufgrund früherer Fehler -, dass dies parteiprogrammgemäß für den Islam aber eben nicht gelte. Denn weder passe der zum christlichen Abendland, noch habe er in dessen Kultur irgendwelche Spuren hinterlassen, was sich ja schon in den Museen beobachten lasse.

Pflichtgemäß verwahrte sich CDU-Politiker Jens Spahn mit Blick auf die mehr als fünf Millionen im Lande lebenden Muslime gegen eine derartige "künstliche Unterscheidung", während Leggewie genüsslich dozierte, wegen des islamischen Bilderverbots hingen nun mal keine islamischen Bilder in den Museen.

Einen wichtigen Beitrag zur Kultur habe aber beispielsweise Navid Kermani mit seiner Friedenspreisrede geleistet. Und zwecks Vervollständigung des kulturhistorischen Wissensstandes erinnerte Autorin Sineb el Masrar, die sich kritisch mit dem orthodoxen Islam auseinandersetzt, daran, dass ohne den Transfer via Islam wichtige Ideen aus der griechischen Antike gar nicht in die europäische Aufklärung hätten einfließen können.

Es waren solche Momente, die die Moderatorin am Ende resümieren ließen, nun habe man aber "das ganz große Rad" gedreht. Denn eigentlich ging es um deutlich alltagsnähere Fragen. Wie soll das gutgehen, wenn Hunderttausende Flüchtlinge in Vierteln unterkommen, die ohnehin schon als soziale Brennpunkte gelten? Was Katharina Dittrich-Welsh, Vorsitzende des Vereins "asternweg e.V." in Kaiserslautern, von ihrer ehrenamtlichen Arbeit berichtete, war ebenso eindrucksvoll wie bedrückend. Das Problem sei die Ausgrenzung, unter der Einheimische wie Asylbewerber gleichermaßen litten. "Manche Flüchtlinge verstehen nicht, dass sie ein bisschen besser untergebracht sind als die ärmsten Deutschen." Dennoch gebe es mehr Solidarität als Konkurrenzdenken.

Die "Panama-Boys" als Parallelgesellschaft

Was also tun? Spahn warb naheliegender Weise für das von der Großen Koalition beschlossene Integrationsgesetz mit den bekannten Textbausteinen "Fördern und Fordern", was Sineb el Masrar ganz ähnlich sah, die von "Wollen und Möglichkeiten" sprach und - von Illner als Musterfall perfekter Integration gepriesen - versicherte: "Solche wie mich gibt es viele." Klar, es müssten mehr Wohnungen gebaut werden, für Deutsche wie Migranten, und man brauche auch wieder mehr Polizei, erklärte derweil etwas vollmundig der Finanzstaatssekretär.

Letzteres hörte vor allem die griechisch-stämmige Bochumer Polizistin Tani Kambouri gern, die seit längerem publikumswirksam Klage führt über den respektlosen Umgang von Migranten aus dem arabischen Raum mit deutschen Ordnungshütern. Und damit war man dann wieder mal bei den schon oft erörterten Problemen mit jenen, die nicht integrationswillig sind. Die aus Marokko und damit aus einer als besonders schwierig gelten Region stammende Buchautorin el Masrar beschönigte nichts, warnte aber auch davor, "schlechtes Benehmen zu islamisieren". Spahn, stets bemüht, sich klar, aber nicht allzu konfrontativ vom AfD-Mann und dessen Sprüchen abzugrenzen, kritisierte eine "Melange aus Religion und kultureller Tradition".

Da musste der Professor Leggewie aber dann doch deutlich intervenieren. All die Statistik und Ethnisierung führe nicht weiter, denn alles sei ein bisschen komplexer und mit dem titelgebenden Begriff "Parallelgesellschaft" könne er im Grunde gar nicht viel anfangen. Parallelgesellschaften gebe es hierzulande nämlich viele, in Freital etwa oder bei den Nazis in Dortmund-Nord. Und "auch die Boys, die ihr Geld nach Panama schleppen", stellten eine dar. Das fand speziell Gauland nun allerdings gar nicht witzig. Genauso wenig wie Leggewies Schlusswort zur Integration, bei der es um einen "Aushandlungsprozess" gehe, der "auch auf dem Heiratsmarkt" stattzufinden habe.

Während der AfD-Oldie noch fassungslos guckte, musste er sich außerdem vom Multikulti-Propheten anhören: "Herr Gauland, Sie sind ein politischer Unternehmer. Hören Sie auf, mit der Angst zu zündeln." Danach kam von Gauland nicht mehr viel, weder auf die Frage, was seine Partei gegen den Rechtsextremismus zu unternehmen gedenke, noch, weshalb ihm angesichts der Flüchtlinge ausgerechnet der Untergang des weströmischen Reichs und das Überrennen des Limes in den Sinn gekommen seien.

Umso bezeichnender war die Antwort auf Spahns Frage, welche Lösungen die AfD bei der Integration vorzuschlagen habe. Gauland: "Sie regieren. Sie müssen Lösungen anbieten."

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