"Maybrit Illner" zum Syrienkrieg Und jetzt... live nach Aleppo

Maybrit Illner ließ ihre Gäste über die Waffenruhe in Syrien diskutieren. Für die pragmatischen Momente sorgte ein General a.D., für die eindrücklichsten eine Live-Schalte nach Aleppo.

Syrisches Aleppo
AFP

Syrisches Aleppo


Die Sendung: "Waffenruhe in Syrien - Hoffnung auf Frieden?", wollte ZDF-Talkerin Maybrit Illner wissen. Es sollte ausgelotet werden, wie groß tatsächlich die Chancen für die Beendigung des Bürgerkriegs sind, in den Russen und Amerikaner, Türken und Kurden, Saudis und Iraner sowie zahlreiche Gruppen und Milizen verwickelt sind.

Die Gäste: Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht; Elmar Brok (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im EU-Parlament; Bundeswehr- und Nato-General a.D. Hans-Lothar Domröse; der deutsch-türkische AKP-Politiker Ozan Ceyhun; die Politologin Sylke Tempel; der Arzt und Sozialarbeiter Gerhard Trabert.

Die Lage: Reicht es, wenn die beiden Großmächte einig sind, nachdem sich "Putin back on stage gebombt hat" (Domröse)? Das ist eine entscheidende Frage, nachdem sich nun auch die Türkei direkt in den Krieg einmischt. Immerhin nannte der General den Waffenstillstand "sensationell". Brok empfahl dringend, die Konflikte und Interessen der rund 100 Beteiligten "auseinander zu sortieren", wobei die Rolle des schwierigen, aber eben unentbehrlichen Partners Ankara wegen der Kurdenfrage besonders heikel ist. War zunächst Assad ihr ärgster Feind, so sieht die Türkei inzwischen die Kurden als größere Gefahr im Nachbarland. Diese wiederum sind mit dem Nato-Partner USA verbündet und kämpfen teilweise mit deutschen Waffen. Allein daran zeigt sich die ganze Komplexität dieses Kapitels Realpolitik unter dem Stichwort "Fluchtursachenbekämpfung" (hier finden Sie alle Fakten zum Syrienkrieg).

Einschätzungen: Weitgehend einig war man sich in der teils ziemlich emotionalen Debatte über die Versäumnisse und Fehler des Westens nach dem "Arabischen Frühling". Am heftigsten ging es zwischen Brok und Wagenknecht zu. Die witterte wirtschaftliche Interessen hinter dem früheren westlichen Agieren, was Brok als Verschwörungstheorie abtat. Die Linke erinnerte auch an die Rolle der Türkei als Plattform zur Unterstützung islamistischen Terrors und warf dem Westen ein "mieses Spiel" vor, bei dem die Kurden geopfert würden. Der CDU-Mann warnte davor, die Türkei zum Hauptgegner zu erklären.

Erdogan-Erklärer Ceyhun nannte Berichte über Bombardements kurdischer Gebiete "Karl-May-Märchen", während Polit-Analystin Tempel kühl darauf hinwies, dass es weder ohne Ankara noch Moskau gehe. Eindrücklicher als mancher Disput war der Einspieler mit Jürgen Todenhöfer aus dem katastrophal zerstörten Aleppo: "Die Menschen sind müde, und sie sind verzweifelt und sie wollen, dass dieser Krieg ein Ende hat. Sie wollen Frieden."

Pragmatismus: Niemand sonst in der Runde vermochte die Dinge immer wieder so schnörkellos auf den Punkt zu bringen wie der General a.D. mit seiner speziellen militärischen, aber zugleich auch praktisch-politischen Sicht und burschikosen Rhetorik. "Wenn die politischen Bosse sich geeinigt haben, ist es für uns Handwerker leicht." - "Militärisch sind wir alle ähnlich gestrickt" - "Praktisch, mit Schmutz an den Stiefeln, können wir kooperieren."

Moral: Während Domröse betonte: "Ich rede hier nicht von Moral", brachte Trabert genau die ins Spiel, indem er unter anderem den Blick auf die Bombardierung von Krankenhäusern und anderen Zivileinrichtungen als "neue Qualität der Kriegführung" lenkte und sich gegen den Begriff "Kollateralschaden" verwahrte. Domröse versuchte zu beschwichtigen: All solche operativen Fehler ließen sich exakt dokumentieren.

Aussichten: Falls die Waffenruhe hält - wie lange wird es bis zu echtem Frieden dauern? Der Militär riet dazu, hier in Dekaden zu rechnen. "Winning the peace ist das Kunststück." Trabert appellierte an den Westen, jene "basisdemokratische Keimzelle" zu unterstützen, die es mittlerweile in Syrien gebe, und zur Orientierung die Menschenrechte zu nehmen.

Offene Frage: Gegen Ende sollte AKP-Mann Ceyhun sagen, ob es denn eine Autonomie für die Kurden geben werde. Nachdem mehrfach die hoch problematische Menschenrechtslage in der Türkei zur Sprache gekommen war, zog er es vor, die Antwort schuldig zu bleiben und erklärte: "Sie brauchen hier keinen Türken, wenn Sie alles über die Türkei wissen."

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