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05. April 2019, 04:34 Uhr

Brexit-Talk bei "Illner"

"Die größten wirtschaftlichen Kosten entstehen durch die Hängepartie"

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Maybrit Illners Gäste diskutierten über die "Endstation harter Brexit": Ein EU-Austritt der Briten ohne Vertrag wäre für den Rest von Europa wohl "relativ gut verkraftbar", meinte der Wirtschaftsexperte in der Runde.

Gibt es derzeit etwas Lustvolleres, als am Brexit zu leiden? Nicht, wenn man das deutsche Talkshow-Karussell betrachtet. Auch ohne belastbare neue Fakten seit Theresa Mays Verhandlungsangebot an Labour-Chef Jeremy Corbyn bat Maybrit Illner ihre Gäste wieder zum fröhlichen Analysieren und Spekulieren. Indizien für das zunehmende Selbstverständnis dieser Diskussionen als Unterhaltungsprogramm: die Präsenz der deutsch-britischen Ex-MTV-Moderatorin Kristiane Backer und des Comedians Christian Schulte-Loh - sowie ein Einstimmungsfilm in "Star Trek"-Manier: Da ging es um "die Abenteuer der UK Enterprise", die mit "Captain May und Klingonen-Chef Corbyn" auf ein "schwarzes Loch" zusteuere, falls es nicht eine weitere Ausdehnung des "Raum-Zeit-Kontinuums" gebe.

Die aktuellen Einschätzungen des Abends: "Die EU wird noch mal verschieben müssen", prognostizierte Sir Peter Torry, ehemaliger britischer Botschafter in Deutschland. Er glaube nicht an eine schnelle Einigung zwischen May und Corbyn und hoffe auf "ein gutes Jahr Verlängerung". "Gespannt" auf den Ausgang der Gespräche zeigte sich NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Man könne daran sehen, "wie gut eine Kultur des Kompromisses" sei - allerdings hätte das Aufeinanderzugehen gleich nach dem Referendum passieren müssen. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, wünschte sich ein "Entgegenkommen der EU, geknüpft an klare Konditionen": Bei einer Verlängerung der Frist etwa bis Ende 2020 müssten die Briten auch an der Europawahl teilnehmen und ein zweites Referendum abhalten.

Der Europawahl-Einwand des Abends: Mit beiden Punkten hatte Armin Laschet Probleme. Der CDU-Politiker fand es falsch, ein zweites Referendum zu fordern ("Ich halte das nicht für klug, dass wir von außen die Briten in diese Situation bringen. Wenn sie selbst das entscheiden - okay"), und konnte sich auch eine Teilnahme an der Europawahl nicht vorstellen. Da stimmte ihm Diplomat Torry zwar zu ("Der normale Bürger denkt, dass wir schon seit drei Jahren ausgestiegen sind, es wird schwer, ihm die Teilnahme an der Europawahl zu erklären"), äußerte aber zugleich die Hoffnung, dass "ein Umdenken stattfinden" werde, "wenn wir ein Jahr bekommen".

Die Referendums-Debatte des Abends: Europa sei bis zum Referendum überhaupt kein Thema in Großbritannien gewesen, so Torry. Die Leute hätten sich mehr mit Innenpolitik beschäftigt. Nun aber realisierten sie die Bedeutung der EU. Ex-Moderatorin Kristiane Backer, heute Kunsthändlerin in London, beklagte, dass das Referendum "mit leeren Parolen gewonnen wurde" und "die Probleme erst im Lauf der Zeit deutlich wurden". Obwohl sie einerseits Straßenkrawalle befürchtete, falls der Brexit nicht umgesetzt würde, vermutete sie doch, dass eine neuerliche Abstimmung wohl "Remain" ergeben würde.

Laschet forderte, die von Ex-Premier David Cameron "aus parteitaktischen Gründen" anberaumte Volksabstimmung müsse uns eine Lehre sein: "Bei uns gibt es immer viele, die sagen: Referenden sind doch etwas Tolles. Ich finde das nicht." Parlamentarische (Fehl-)Entscheidungen ließen sich leichter korrigieren.

Die Schalte des Abends: Ging zum Labour-Abgeordneten Ben Bradshaw nach London. Auch er äußerte die Hoffnung auf eine neue Volksabstimmung und eine "verlängerte Verlängerung". Auf Illners Einwand, die Parteien seien doch in sich so zerstritten, erwiderte er: Nein, Labour sei nicht so zerstritten wie die Tories, 90 Prozent der Mitglieder seien für eine neue Abstimmung und einen Verbleib in der EU. Die Verlängerung müsse allerdings über den 22. Mai hinausgehen. Mit einer daraus folgenden Teilnahme Großbritanniens an der Europawahl hatte er kein Problem - entsprechende Vorbereitungen liefen schon.

Die ökonomische Sicht des Abends: "Die größten wirtschaftlichen Kosten entstehen durch die Hängepartie", mahnte Wirtschaftswissenschaftler Fratzscher. Großbritannien würde für einen harten Brexit einen hohen Preis bezahlen, aber für den Rest von Europa wäre er wohl "relativ gut verkraftbar". Für Unternehmer sei vor allem Klarheit wichtig. Die "schlechteste Lösung" sei es, den Prozess um zwei Jahre zu verlängern, um dann zum gleichen Ergebnis zu kommen.

Der Brexit sei "eine zu ernste Frage, um zu sagen: Es reicht, jetzt muss Schluss sein", entgegnete Armin Laschet. Er beschwor einmal mehr das Szenario einer "EU-Außengrenze zwischen Dover und Calais" und forderte, die Staats- und Regierungschefs müssten "jede Fantasie aufwenden", um den Ausstieg "so mild wie möglich" zu gestalten.

Das makabre Argument des Abends: Schon zu Beginn brachte Comedian Christian Schulte-Loh in Anspielung darauf, dass die Brexiteers meist ältere Wähler waren, die Idee auf, man könne doch mit dem zweiten Referendum so lange warten, bis genügend Befürworter nicht mehr da seien. Später griff Diplomat Torry den Gedanken auf: In den vergangenen zweieinhalb Jahren seien auf der Insel eine halbe Million Menschen gestorben. Es sei ein Argument für eine längere Verschiebung, dass die Bevölkerung sich dann "erfrischen" könne.

Die Beruhigung des Abends: Ein sentimentaler, in Form einer Diashow gestalteter Einspielfilm sollte zwischendurch veranschaulichen, "was wir mit den Briten alles verlieren würden" (O-Ton: "Von Shakespeare zu den Stones, von den Royals zu den Teletubbies") - und zeigte zu diesem Zweck auch Helmut und Loki Schmidt 1966 bei einem Beatles-Konzert. Da wies Ex-Botschafter Torry darauf hin, dass das ja vor dem britischen EU-Beitritt 1973 gewesen sei, die Musik der Beatles vom Brexit also nicht bedroht sei.

Ihn bat Maybrit Illner dann auch um einen letzten "Blick in die Schneekugel": "Sind die Briten am 26. Mai dabei?", fragte die Moderatorin. "Glaube schon", erwiderte der Diplomat.

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