"Maybrit Illner" zum Shutdown "Es gibt nur blöde Wege aus dieser Pandemie"

Überraschung! Bei "Maybrit Illner" ging es um Corona, zum zweidutzendsten Mal. Aber dieser Anlauf war einer der besten. Das lag an der Konstruktion der Sendung - und an einer fordernden Virologin.
Von Klaus Raab
Corona-Talk bei Maybrit Illner: Wie weit fährt Deutschland runter?

Corona-Talk bei Maybrit Illner: Wie weit fährt Deutschland runter?

Foto: ZDF/Svea Pietschmann

Man wird "Maybrit Illner" nach der Pandemie nicht vorwerfen können, sie auf die leichte Schulter genommen zu haben. Der ZDF-Talk bleibt dran. Seit März ging es bereits zum zweidutzendsten Mal in diesem Jahr um Corona. Die Sendung vom Donnerstag allerdings - "Wie weit fährt Deutschland runter?" - war eine der gelungensten.

Das hatte mehrere Gründe. Eine zunehmende Gereiztheit im Land machte Grünenparteichef Robert Habeck aus. Schwer, das nicht so zu sehen. Ein Grund war also, dass es schlichtweg geboten ist, sich mit den jüngst beschlossenen Kontaktbeschränkungen auseinanderzusetzen.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Gut war aber vor allem, dass es sich um einen Talk im eigentlichen Sinn des Formats handelte: Es fand eine Diskussion statt, in der Positionen nicht nur aufgesagt wurden, sondern auch miteinander reagierten. Durch Reibung entstand Erkenntnis. Und das lag an der Konstruktion der Sendung. Zum Beispiel lag es daran, dass die Braunschweiger Virologin Melanie Brinkmann eingeladen war, die einforderte, diese Diskussion zu führen: mit Andreas Gassen, dem Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Gassen gehört zu den Unterzeichnern eines Positionspapiers, das dieser Tage unter anderem von ihm und von den Virologen Hendrik Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit vorgestellt wurde. Eine "pauschale Lockdown-Regelung" lehnen sie darin ab. Statt landesweiter Maßnahmen befürworten sie ein differenziertes Ampelsystem. Statt auf Verbote setzen sie auf Gebote. Statt auf Kontaktpersonennachverfolgung durch die Gesundheitsämter als zentrale Strategie der Pandemiebekämpfung darauf, dass positiv Getestete ihre Kontakte selbst informieren.

Das sind keine Hotspots mehr - das ist ein Flächenbrand

Brinkmann saß Gassen gegenüber und nutzte die Gelegenheit für ein paar direkte Fragen ohne Bande. "Es gibt nur blöde Wege aus dieser Pandemie", sagte sie. Wie aber mit Gassens Vorschlägen das exponentielle Wachstum gebrochen werden solle, sehe sie nicht. Details seines Konzepts "würde ich wirklich jetzt gern mal erklärt bekommen".

Das Konzept zerfiel im Lauf der Sendung dann Stück für Stück in seine Einzelteile. Die Kontaktnachverfolgung zum Beispiel: Sie sei zwar wichtig, sagte Gassen, aufgrund der "schieren Menge" der Fälle könne man sie aber "im Moment" nicht mehr leisten, weshalb man eben umdenken müsse. Ute Teichert, die Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, widersprach ihm vehement. Ohne Kontaktnachverfolgung hätten wir "keine Pandemiekontrolle mehr". Sie sei "ein gutes Pfund". Die nun beschlossenen Maßnahmen gebe es, damit die Gesundheitsämter sie wieder leisten könnten.

Ohne Kontaktnachverfolgung gebe es auch die Daten nicht, die Gassen für sein regionales Ampelsystem benötige, das ihm vorschwebe - das sie aber nicht für sinnvoll halte: Regionale Maßnahmen seien derzeit "überholt". Das Virus verbreite sich nicht mehr in einzelnen Hotspots, sondern wie "ein Flächenbrand".

Der Ministerpräsident sieht das Land schon de facto im Shutdown

Mit Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) gab es noch einen weiteren Gast, der die anstehenden vierwöchigen Beschränkungen, die er freilich mitverhandelt hat, gegen Kritik verteidigte. Sie seien seiner Ansicht nach "angemessen, verhältnismäßig und notwendig", sagte er. "Fakt ist: Das ist schon ein Lockdown." Im Vergleich mit Nachbarländern sei Deutschland aber "immer noch recht früh dran", weshalb man Schulen und Kitas offen halten könne.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Gassen stand also auf ziemlich verlorenem Posten, was aber der Diskussion nicht schadete. Besser hätte man zum Beispiel den Sinn des Instruments der Kontaktnachverfolgung kaum erklären können als in Abgrenzung zu den Vorschlägen aus seinem Papier.

Was aber nicht hieß, dass sie auch in den kommenden Monaten nicht brauchbar wären. Zu Gassens Kernforderung - "wir brauchen eine nachhaltige Strategie", damit "nach dem Shutdown" nicht "vor dem Shutdown" sei - gab es keinen Widerspruch. Robert Habeck griff sie auf. "Die entscheidende Frage" sei, sagte er: "Wie verhindern wir, dass es wieder so wird?"

Habeck will nicht naseweis rüberkommen

Habeck übte die Oppositionsrolle zurückhaltend aus. Er kritisierte, die Begründung für die neuerlichen Kontaktbeschränkungen sei nicht ausreichend kommuniziert worden. Markige Ansagen an die verantwortlichen Bundes- und Länderregierungen ließ er aber stecken. Es wäre "ein bisschen naseweis" zu behaupten, die Grünen "hätten alles besser gewusst" und den exponentiellen Anstieg der Corona-Zahlen der vergangenen Wochen verhindert, sagte er. Im Sommer sei allerdings Zeit verschenkt worden. Und es gebe Möglichkeiten der Pandemieeindämmung, die noch nicht umgesetzt worden seien. Eine Verteilung der vergleichsweise teuren FFP2-Masken an Risikogruppen, wie sie auch im Gassen-Papier genannt werde, könne zumindest ein Baustein der weiteren Strategie sein.

Und dann? "Mit etwas Glück", sagte Tobias Hans, "werden die nächsten vier Monate die härtesten in dieser Pandemie."

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.