»Maybrit Illner« zur Lockdown-Verlängerung Biss in die Tischkante

Bei »Maybrit Illner« mussten diejenigen, die die Corona-Beschlüsse mitgetragen haben, Kritik aushalten – bis der Talk eine Wendung ins Konjunktivische nahm. Und plötzlich hörte es sich so an, als wäre alles schon vorbei.
Maybrit Illner und ihre Gäste: Es sei immerhin »nicht mit Absicht falsch gelaufen«

Maybrit Illner und ihre Gäste: Es sei immerhin »nicht mit Absicht falsch gelaufen«

Foto: ZDF/Svea Pietschmann

Dieter Hallervorden wüsste von der Bundesregierung gern, wer genau das Papier zum Lockdown bis Ostern geschrieben hat, also so mit Blumen und Büchern, aber keinem Wein oder Theater und einer Lockerung ab einer Inzidenz von 50 – Hallervorden würde den Verantwortlichen gern »als Kabarettautoren« engagieren.

So richtig lustig ist die Lage nicht. Das bekamen bei Maybrit Illner jene zu spüren, die die Beschlüsse mitgetragen haben. Markus Söder, bayerischer Ministerpräsident, zeichnet sich inzwischen durch eine authentische Coronafrisur aus und sagt, es gelte, den »Kurs der Vorsicht« fortzusetzen. Die Zahlen in Bayern seien besser geworden. Nun müsse man versuchen, »die Menschen dabei mitzunehmen«.

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Verbessern müsse sich freilich auch im Freistaat die Impflogistik, und zwar dramatisch. Ob, neben Jens Spahn, ausgerechnet Verkehrs- und Totalschadenminister Andreas Scheuer (CSU) für die entsprechende »Task Force« der richtige Mann ist? Söder salomonisch: »Mit Logistik kennt er sich schon gut aus.«

So richtig erklären, warum er von seinem »No Covid«-Kurs so spontan auf den Inzidenzwert von 50 eingeschwenkt ist, konnte Söder aber nicht. Zumindest nicht kurz und bündig. Dabei meinte er wohl, was auch Manuela Schwesig, SPD-Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, in dieser Sache geltend zu machen versuchte.

Schwesig sprach etwas nebulös von »weiteren Maßstäben«, die nun angelegt werden könnten oder bereits an das Infektionsgeschehen angelegt worden seien, neue Tests, schnelle Tests und eine offenbar vollständige Durchimpfung aller »Verletzlichen« in ihrem Land, da könne man »schon auch mehr wagen«.

Melanie Amann, die Leiterin des SPIEGEL-Hauptstadtbüros, die ebenfalls in der Runde saß, fasste zusammen, dass es keine pandemischen, sondern nur politische Gründe für den gegenwärtigen Kurs geben könne. Ihr pflichtete Robert Habeck bei, der von »getriebenen« Politikern sprach und sich wunderte, dass nun das Gegenteil dessen getan wird, was zuvor noch vertreten worden war.

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Sehr zum nur nachlässig gedämpften Vergnügen des Virologen Hendrik Streeck. Der fragte sich, »was im letzten halben Jahr passiert ist«, also in dem halben Jahr, in dem er von den Verantwortlichen offenbar nicht nach seiner Meinung gefragt, dafür aber »belächelt und auch angefeindet worden« sei. Er habe schon immer gesagt, dass wir anfangen müssten, »mit diesem Virus zu leben«. Tatsächlich wollte er nie von einer »zweiten Welle« sprechen und malte stets das Bild einer »Dauerwelle«. Wir sollten jetzt diese »Pandemie vom Ende her denken« und »die Menschen« bei diesem »Marathonlauf« mitnehmen. Bestenfalls mit »Tools«, um die ganze Strecke, so Streeck, auch durchzustehen.

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»Inzidenz alleine, die sagt ja gar nichts mehr aus«

Womit er den Ball straff und schnell zu Christian Linder hinüberspielt, der sich ebenfalls freuen kann in einer Woche, da Aldi schneller Schnelltests anbietet als der Gesundheitsminister. Der Markt mit seinen unsichtbaren Händen, er regelt. Nun müsse fix »Öffnung gedacht werden«, denn »Inzidenz alleine, die sagt ja gar nichts mehr aus«.

Überdies seien die zu Schützenden, meint der FDP-Chef, weitgehend durchgeimpft. Worauf endlich Robert Habeck sich meldet. Wer das höre, »der beißt jetzt in die Tischkante«, von einer Durchimpfung könne keine Rede sein. Lindner: »Kannst du sagen, wie viele Menschen in Pflegeheimen wohnen?« Habeck: »Kannst du's sagen?«

Lindner kann, hat aber die Alten vergessen, die noch zu Hause sitzen. Generell ist ihm »die Diskussion zu wenig kreativ«. Mit Öffnungen honoriert werden sollten »innovative Hygienekonzepte«. Und wo es mal »nicht gelingt«, müsste man halt »die Notbremse ziehen«.

Zuletzt nimmt der Talk eine seltsam beruhigende Wendung ins Konjunktivische.

Was hätten wir besser machen können? Wie viele Tote hätten wir verhindern können? Markus Söder rechnet lieber vor, dass er rund tausend Menschen das Leben gerettet habe. »Die EU hätte schneller und eher bestellen müssen«, mutmaßt Manuela Schwesig.

Habeck beruhigt, was falsch gelaufen sei, das sei immerhin »nicht mit Absicht falsch gelaufen«. Wir Deutschen wollten es eben immer besonders gut machen – und »verhaken uns in der Bürokratie. Es fehlt kreative Staatskunst«.

Und das klingt so retrospektiv und ausgeruht, als wäre alles schon vorbei.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes wurde Andreas Scheuer der CDU zugeordnet, tatsächlich ist der Bundesverkehrsminister Mitglied der CSU. Wir haben das korrigiert.

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