"Mein bester Feind" Eklig muss es sein

Joko Winterscheidt (l.) und Klaas Heufer-Umlauf: "Es wird hochgradig peinlich"
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Joko Winterscheidt (l.) und Klaas Heufer-Umlauf: "Es wird hochgradig peinlich"

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Da muss einer bizarre Mutproben bestehen, sich vor Publikum zum Affen machen, um seine Freundschaft zu beweisen. Was bei "Circus Halligalli" nach wenigen Minuten erledigt war, haben Joko und Klaas für "Mein bester Feind" auf vier erschreckende Stunden ausgewalzt.

Was tun, wenn plötzlich Roberto Blanco an der Tür klingelt? Was, wenn danach Joko Winterscheidt oder Klaas Heufer-Umlauf um die Ecke biegen? Wie rauskommen aus der Nummer, wenn das Filmteam doch eigens angereist ist, die Kameras schon aufgebaut sind? Im Grunde ist "Mein bester Feind" Nötigung mit Quotenfolge. Oder wie "Wetten, dass ..?!", nur ohne die lästigen Wetten. "Eine Sache ist ganz sicher", freute sich Winterscheidt am Anfang: "Es wird hochgradig peinlich heute Abend und, dafür stehe ich mit meinem Namen, auch dumm!" So richtig peinlich wurde es aber nicht, auch sah man schon Dümmeres.

Der erste "Freund" erklärte sich bereit, auf der Zugspitze 998 Meter über dem Abgrund einen Kindervers zu rezitieren. Wie er da in einer Kinderschaukel saß und sich an Sätze wie "Auf dem Berge Simoni wohnt der Schneider Krikrikri" erinnerte, das war schon ein Moment von höherer Absurdität. Was ebenfalls für die besinnlichen drei Sekunden gilt, die Heufer-Umlauf sich nahm, um mit den beiden "Freunden" schweigend das grandiose Alpenpanorama auf sich wirken zu lassen. Eine schöne kleine Idee auch der Hauptgewinn, ein Porsche 911 von sympathischerweise 1983. Sympathischer wurde es nicht mehr.

Dichtungsringe und Mauspads

"Wie kann man eigentlich einen jungen Menschen 2014 noch überraschen?", fragte irgendwann Heufer-Umlauf. Genau das scheint die Leitfrage dieser Show zu sein. Alle Außenwetten beziehungsweise "Challenges" wirkten wie aus dem Programm des Ereignismaklers Jochen Schweizer. Da musste man sich in einem Auto am Bungee-Seil 60 Meter in die Tiefe stürzen, unter einem Eisberg hindurchtauchen oder bei einem Konzert von Kollegah zwei Minuten rappend vor dessen Publikum bestehen. Dramaturgisch eierte es ein wenig, als eine Autofahrt nach Dresden endlos erschien, eine Reise nach Spitzbergen dagegen nur einen harten Schnitt lang dauerte.

Wer hier bestand, hatte für seinen besten Freund bereits einen Flachbildfernseher und irgendwas noch Ironischeres wie Dichtungsringe oder Mauspads erspielt. Er konnte aber im Studio auf einen Parcours geschickt werden und dort um den Porsche spielen. Dazu musste er dann unter Schwindel in 15 Meter Höhe eine Rampe überqueren. Und Rechenaufgaben lösen, während H.P. Baxxter von Scooter mit dem rhythmischen Absingen falscher Zahlen für Verwirrung sorgte. Ohne ein Lächeln "witzige" Internetvideos schauen. Knoten lösen oder in der exakt richtigen Geschwindigkeit auf eine geschlossene Tür zulaufen. Körperbetontes Gehampel also, das bereits ein Stefan Raab zum Geschäftsmodell erhoben und damit die Schulhöfe dieser Republik erobert hat.

"Jetzt muss ich Kacka!"

Joko und Klaas sind gewissermaßen Raabs Kinder. Doch bei ihnen kommt verlässlich noch ein "Jackass"-Element dazu. Es muss eklig werden oder ernst, bestenfalls beides. Und so landet der Parcours-Absolvent irgendwann in einer ambulanten Tätowierstube vor der Entscheidung, sich binnen Sekunden zwischen idiotischen Vorlagen entscheiden zu müssen. Ein Kandidat entscheidet sich für einen betrunkenen Esel, den er sich auf den Hintern tätowieren lassen möchte. Noch aus der Puste erklärt er: "Mir tun die Beine weh!" Sagt Winterscheidt: "Gleich tut dir auch der Arsch weh!" Überhaupt "nimmt", wie man so sagt, vor allem Winterscheidt noch das unbedarfteste Publikum "mit". Eben erst hat er, hihi, vom Schlauchboot ins arktische Meer gepinkelt, nun sagt er: "Was is'n los, jetzt muss ich Kacka!"

Humor der unpatentierten Marke "Pipikackapups" gehört eben dazu - auch wenn man meinen möchte, das entsprechende Publikum dafür läge kurz vor Mitternacht längst mit Schnuller im Gitterbettchen. Anzurechnen ist Joko Winterscheidt immerhin, dass sein Faible fürs Fäkale nicht aufgesetzt wirkt. Das ist alles echt, wie auch sein sichtlicher Spaß an der Sendung. Wenn er nicht gerade Sachen wie "Ach du Scheiße! Gott, ist das krass!" hervorstößt, sagt er andere Sachen wie "Ich bin grad selber überrascht von unserer eigenen Show!" und sieht dabei aus wie der Jürgen Klopp der Abendunterhaltung.

Wer ist schlimmer?

Was nicht weiter überrascht, ist er doch ein großer Junge und "Mein bester Feind" mit ihrem andauernden Abklatschen, dem Konkurrenzquatsch, der Breitbeinigkeit und der Freude an Körperflüssigkeiten eindeutig eine Sendung von großen Jungs für kleine Jungs. Anders ist nicht zu erklären, wieso allein der einzigen Kandidatin der Porsche schmackhaft gemacht werden musste - mit dem Hinweis, sie würde darin sicher "auffallen".

In diesem Sinne sind Joko und Klaas keineswegs anarchisch. Ihr Handwerk affirmiert von Körperkult über Konsumismus bis zum klaglosen Austeilen- und Einsteckenkönnen die herrschende "Quäl dich, du Sau!"-Ideologie nicht schlechter als etwa "Men's Health". Dazu passt auch die hämische Ironie oder die ironische Häme der Moderatoren.

Anarchisch ist höchstens die Bereitschaft zum Unvorhergesehenen. Das freilich dann, wenn es sich mal einstellt, in seiner Harmlosigkeit geradezu rührend sein kann. So schenkte der glückliche Gewinner am Ende den Porsche seinem Freund, weil er selbst keinen Führerschein hat.

Wenn Joko und Klaas wirklich eine "neue Generation" von Moderatoren repräsentieren, worin bestünde dann der Fortschritt? Vielleicht im tröstlich offenen Aussprechen der grausamen Gewissheit, dass es keinen Fortschritt gibt. Die entscheidende Frage muss man sich heute nicht mehr selbst stellen, weil ein Klaas Heufer-Umlauf das wie nebenbei erledigt, mit festem Blick in die Kamera: "Wer ist schlimmer: Wir … oder Sie, die sich das anschauen?"

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