ARD-Drama "Meine Tochter Anne Frank" So sieht gelungenes öffentlich-rechtliches Fernsehen aus

Wie kann ein Fernsehfilm noch einmal die Geschichte von Anne Frank erzählen, deren Tagebuch doch weltberühmt ist? Dieser herausragenden Produktion gelingt es, weil sie anrührt, erklärt und, ja, auch unterhält.

ARD

Von Thomas Andre


Am Schluss von "Meine Tochter Anne Frank" werden nur aus Haut und Knochen bestehende Leichen in Gruben geschüttet. Es sind die bekannten Bilder vom Grauen der Vernichtungslager, sie sind in unserem Gedächtnis unauslöschlich.

Sie geben diesem herausragenden Fernsehfilm einen unmissverständlichen Schlusspunkt - seine Hauptfiguren sind (fast) alle gestorben. Ermordet von Deutschen, die nie Erbarmen hatten. Nicht mit den Alten, nicht mit den Jungen. Nicht mit Anne Frank, der berühmten Tagebuchverfasserin, der nun filmisch ein Denkmal gesetzt wird.

Es ist ein Werk aus der Sparte Doku-Fiction, die immer ein bisschen im Didaktik-Verdacht steht, aber im Falle von "Meine Tochter Anne Frank" auf beeindruckende Weise funktioniert. In dem vom Hessischen Rundfunk produzierten Drama wird des jüdischen Mädchens, das sich mit seiner Familie zwei Jahre lang in einer Geheimwohnung in Amsterdam versteckte, gedacht - mit dem Ziel größtmöglicher Authentizität. Mit einfachen Mitteln bewirkt der Film vieles. Es ist ein Werk, das anrührt, erklärt, ja, auch unterhält.

Im richtigen Verhältnis werden hier Spielszenen mit historischen Aufnahmen und Interviews gemischt. Von letzteren sind es nicht zu viele: Wir sehen ehemalige Schulfreunde, die von Anne erzählen, außerdem ihren Cousin Buddy Elias, dazu historische Aufnahmen, die den deutschen Einmarsch zeigen.

Der weitaus größere Teil des Films, der unter der Regie von Raymond Ley ("Die Kinder von Blankenese") entstand, zeigt jedoch das Leben Annes, wie es im Tagebuch überliefert ist. Und wie großartig ist diese Beschreibung des klaustrophobischen Alltags im Versteck komponiert!

Die Menschlichkeit, die unter den existenziellen Bedrängungen durch die Nazi-Gefahr fortbesteht und von der das Tagebuch berichtet, wird in wenige Szenen gerafft. Anne, von der jungen Schauspielerin Mala Emde glänzend dargestellt, verliert ihren Optimismus nie, sie hofft und ist altklug und pubertiert - auf eine Art steht ihr Tagebuch auch für das Einfordern von Teenager-Sehnsüchten in Zeiten des Krieges.

Geschickt, unpathetisch, manchmal leichthändig

Selten ist von einem der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte so geschickt, so unpathetisch und manchmal auch leichthändig erzählt worden wie in "Meine Tochter Anne Frank". Das Drehbuch, vom Ehepaar Hannah und Raymond Ley verfasst, erlaubt sich sogar, ein paar Spannungsmomente in die Handlung einzubauen.

Immer wieder stehen die Franks, die Familie van Pels und Dr. Pfeffer vor der Entdeckung. Auf jeden Juden ist ein Kopfgeld ausgesetzt. Jeder weiß, wie die Geschichte um Anne und ihre Familie ausgeht - nur Vater Otto Frank wird überleben. Er sorgte für die Veröffentlichung des in 70 Sprachen erscheinenden Tagebuchs nach dem Krieg.

Es ist keine kleine Kunst, die Zeitebenen und den Gegensatz von innen und außen so bruchlos ineinander fließen zu lassen und mitunter sogar zu verschmelzen: Wenn Anne am Schreibtisch sitzt und schreibt, werden auf die Wand ihres gefängnishaften Verstecks Wochenschau-Bilder projiziert, die berichten, warum sie sich verstecken muss. Wenn Otto Frank (großartig: Götz Schubert) nach dem Krieg im privaten Kreis aus dem Tagebuch liest, gesellt sich zu seiner Stimme diejenige Annes, die die Zeilen schrieb.

Der Film visualisiert nicht einfach das Tagebuch, er reflektiert gleichzeitig den Kontext seines Entstehens, seine Editionsgeschichte und seine Wirkung.

Die Täterseite wird durch das Auftreten des SS-Mannes in den Blick gerückt, der nach dem Verrat Anne Frank und die anderen verhaftet - in Leys Film besucht ihn anderthalb Jahrzehnte nach dem Krieg ein holländischer Journalist. In nur zwei fiktiven Interviewszenen gelingt es Ley, das fassungslos machende und doch typische Psychogramm des Nazi-Verbrechers zu erstellen - welche inhumane Selbstgerechtigkeit und welcher ideologisch-vergiftete Verlierertrotz da am Werk war.

Über alle Zweifel erhaben

Viel wichtiger ist aber, wie hier noch einmal, nach mehreren Verfilmungen des Tagebuchs, von der Shoah und ihren Opfern erzählt wird. In dieser Hinsicht operiert der Film auch mit den Überlebenden: mit dem alten Schulkameraden, der davongekommen ist und der in Erinnerung an Anne und den Schrecken der Verfolgung seine Hand nicht still halten kann.

Im Versteck erlaubt seien, heißt es einmal beim Abendtisch der Franks, "alle Kultursprachen, also kein Deutsch". Erlaubt ist dem "besonderen Fräulein Anne", wie ihr Vater das ehrgeizige Mädchen nennt, das Ausleben ihres großen literarischen Talents. Es ließ sie den Zivilisationsbruch der Nazis leichter ertragen, aber es rettete Anne Frank nicht: Vor 70 Jahren, im März 1945, kurz vor Kriegsende, starb sie entkräftet in Bergen-Belsen. Einer alten Freundin, die sie kurz vor ihrem Tod im Lager traf, erzählte sie noch von ihrem Tagebuch.

Es gibt immer wieder Streit um die Art und Weise, wie an Anne Frank erinnert wird. Im Amsterdam läuft seit einiger Zeit ein vielkritisiertes Anne-Frank-Musical, und unlängst erst stritt sich der Anne-Frank-Fonds in Basel mit dem ZDF wegen eines neuen Anne-Frank-Projekts. Der Film "Meine Tochter Anne Frank" ist über alle Zweifel erhaben - und ein Musterbeispiel gelungenen öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Meine Tochter Anne Frank: Mittwoch 18. Feburar, 20:15 Uhr, ARD

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