ARD-Themenabend über Waffenhändler Kopfschuss made in Germany

Dreckige Deals, willfährige Politik: "Meister des Todes" versucht, die Geschäfte des Waffenherstellers Heckler & Koch in Mexiko nachzuzeichnen. Ein ebenso brisanter wie brillanter Themenabend im Ersten.
Veronica Ferres, Katharina Wackernagel in "Meister des Todes 2"

Veronica Ferres, Katharina Wackernagel in "Meister des Todes 2"

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Nurivan Mendoza Memije/ SWR

Der Manager liebt seine Frau. Die Frau liebt ihn auch, will ihn aber verlassen. Weil sie seine Loyalität zum korrupten Unternehmen nicht mehr erträgt. Deshalb überdenkt der Mann sein Verhalten. Gerade, als er vor Gericht gegen die Firma auspacken will, ereilt ihn ein Herzinfarkt. Woraufhin die Frau zusammen mit einer Anwältin auf eigene Faust nach Mexiko reist, um noch mehr Beweise für die Machenschaften der Firma zu sammeln.

Der Mann ist Heiner Lauterbach, die Frau ist Veronica Ferres, der Film spielt sowohl im Schwäbischen wie in Mexiko, bis in die Nebenrollen (Katharina Wackernagel, Désirée Nosbusch, Udo Wachtveitl oder Axel Milberg) haben wir es mit einer hervorragenden Besetzung zu tun. Allein schon wegen der Schauspieler lohnt das Einschalten. "Meister des Todes 2" wäre ein guter "Tatort" - läge dem Plot nicht eine wahre Geschichte zugrunde.

Die Firma, im Film der Waffenproduzent "HSW" aus "Hochdorf", ist tatsächlich der Waffenproduzent Heckler & Koch aus Oberndorf am Neckar. Und deren Machenschaften sind das eigentliche Thema dieses Films (Drehbuch: Gert Heidenreich, Markus Stromiedel).

Die Handlung pendelt zwischen Deutschland, wo Manager von "HSW" sich in Stuttgart wegen des illegalen Exports von G36-Sturmgewehren nach Mexiko vor Gericht verantworten müssen - und Mexiko, wo mit diesen Waffen von korrupter Polizei ein Blutbad unter wehrlosen Studenten angerichtet wurde.

In Deutschland sind die Farben kühl und fahl, in Mexiko warm und satt. In Deutschland geht es um Rechtsprechung, in Mexiko um Gerechtigkeit. In Deutschland um Geld, in Mexiko um Leben und Tod.

Recherche und Spiel

Leider sprechen alle Mexikaner fließend Deutsch, sie singen sogar deutsche Kinderlieder. Das ist offenbar den Sehgewohnheiten eines ARD-Publikums geschuldet, dem Untertitel offenbar nicht zuzumuten sind. Einem normalen Wirtschafts- und Politthriller wäre ein solcher Mangel an Anspruch und Authentizität durchaus anzukreiden.

"Meister des Todes 2" aber ist eine Ausnahme. Ein recherchierter Spielfilm, wie ihn in Deutschland kaum jemand macht. Eigentlich nur Daniel Harrich, der das Genre mit "Der blinde Fleck" (über das Oktoberfestattentat von 1980) überhaupt erst begründet hat.

Als Regisseur und Rechercheur hat Harrich 2015 mit "Meister des Todes" Prozesse (auch gegen SIG Sauer) ins Rollen gebracht hat, um dessen seltsame Wendungen und skandalöse Urteile es in "Meister des Todes 2" geht. Schon damals lief das Projekt beim SWR intern unter dem irreführenden Titel "MdT - romantische Komödie im Schwarzwald" - um die betroffene Firma nicht aufzuschrecken.

Regisseur spielt Szenen nach

Man achte auf die beiden Reporter, die in "Meister des Todes 2" mit einem Manager (Axel Milberg) in ein Handgemenge geraten - es sind Daniel Harrich und SWR-Redakteur Thomas Reutter, die hier als Statisten reale Szenen noch einmal nachspielen.

So läuft denn auch der eigentliche Thriller an diesem Themenabend direkt nach dem Thriller. Der Spielfilm ist sozusagen nur die publikumsfreundliche Schaufenstervariante der Dokumentation "Tödliche Exporte - Rüstungsmanager vor Gericht".

Und die ist nicht zuletzt wegen der vielen inhaltlichen und versteckten Querstreben zum Spielfilm besonders sehenswert - von der Handlung in Mexiko und Stuttgart bis zum roten Porsche, den hier wie dort der Schurke fährt.

Vor allem begegnen uns in "Tödliche Exporte" Charaktere wieder, deren Fiktionalisierungen wir zuvor schon kennengelernt haben. Die öligen Entscheider einer Firma, die hier Heckler & Koch heißt, weil's nun einmal Heckler & Koch ist. Aber auch Menschen wie Aldo Gutiérrez, der zu den überfallenen Studenten gehörte und mit einem Kopfdurchschuss "Made in Germany" überlebt hat. Seitdem liegt er im Koma und wird von seiner Familie gepflegt, die zuversichtlich ist: "Gerade erst gestern hat er seinen Finger bewegt."

Der Schwerpunkt liegt auf einer Gerichtsverhandlung, bei der alle Angeklagten - bis auf subalterne Bauernopfer, ein Vertriebsleiter, eine Sekretärin - ihren Kopf aus der Schlinge ziehen konnten. Unter fragwürdigen, teilweise abenteuerlichen Umständen.

Menschenrechte als "Bemühungsunterfangen"

Da erklärt ein Ministerialbeamter dem Richter, Menschenrechte seien "ein Bemühensunterfangen" und sein "Ministerium für Wirtschaft" daran interessiert, Unternehmen bei ihren blutigen Geschäften zu helfen. Zeugen liegt, auch das ein Unding, die komplette Anklageschrift vor. Zigtausende relevante E-Mails verschwinden. Das Ministerium leistet Amtshilfe, welche mexikanischen Bundesstaaten bedenklich sind - damit die Firma ihre Waffen "plausibel" auf die unbedenklichen verteilen kann. Sigmar Gabriel kann sich das auch nicht erklären.

Allerhand erfährt man über angeblich verbindliche Endverbleibserklärungen von Kriegsgerät, das sich, einmal geliefert, freilich jeder Kontrolle entzieht. Kaufverträge, die die Lieferung auch in problematische Bundesstaaten belegen - aber in der Verhandlung keine Rolle spielten. Genug Stoff also, um einen neuen Prozess anzustrengen.

Hinzu kommt die dubiose Beteiligung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die auch das Beschaffungsamt der Bundeswehr berät. Im Auftrag und bezahlt von Heckler & Koch arbeitete KPMG auf "freiwilliger Basis" der Staatsanwaltschaft zu. Und konnte nichts wirklich Skandalöses feststellen. Es scheint, als wären lukrative Verstöße gegen das Außenwirtschaftsgesetz und das Kriegswaffenkontrollgesetz nicht ganz so leicht zu ahnden wie, sagen wir, eine verspätete Einkommenserklärung.

Das ist schon toll. Tollkühn wird es, als die Dokumentation gegen Ende einen gängigen Vorbehalt gegen jede humanistische Kritik entkräftet. Was, wenn diese deutsche Firma keine Mordwaffen mehr verkauft? Macht dann nicht ein anderes Unternehmen das Geschäft?

Aber ja doch, lautet die Antwort: SIG Sauer, sozusagen die Heckler & Koch des Nordens, aus Eckernförde, haben das eingebrochene Business der schwäbischen Kollegen übernommen. Und stellt sich geschickter an. Minutiös legt die Doku dar, wie SIG Sauer seine Handfeuerwaffen über eine US-Schwesterfirma massenhaft in ganz Lateinamerika verbreitet.

Die Investigation geht so weit, dass die Journalisten in Mexiko einen Polizisten dazu bringen, seine Knarre zu ziehen - die Gravuren auf dem Gerät legen nahe, dass SIG Sauer das Rüstungskontrollgesetz nach wie vor umschifft. Bisweilen sind die Waffen sogar als "Ghost Guns" im Umlauf, ganz ohne Seriennummer.

ARD-Themenabend "Waffenhandel". Mittwoch, 1. April, Das Erste
Spielfilm "Meister des Todes 2". Ab 20.15 Uhr
Dokumentation "Tödliche Exporte 2". Ab 21.45 Uhr

Und aktuelle Recherchen ergeben, dass der Umfang neuer Geschäfte von SIG Sauer in Mexiko - und weltweit - im Volumen alle früheren Deals weit in den Schatten stellt. Und das, obwohl gegen Manager beider Firmen bereits Urteile gesprochen wurden. Die Staatsanwaltschaft Kiel prüft unterdessen neue Vorwürfe illegaler Rüstungsexporte gegen den Pistolenhersteller. "Wir werden mit dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle in Eschborn Kontakt aufnehmen, um den Sachverhalt zu klären", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. 

Harrich und seinem Team geht es nicht darum, mit dem moralischen Zeigefinger auf deutsche Mittelständler zu zeigen. Es geht ihm darum, dass Gesetze auch wirklich durchgesetzt und nicht der Gier untergeordnet werden. Es ist im Grunde ein Appell an die zuständigen Staatsanwaltschaften, ein Antrag auf Revision beim Bundesgerichtshof. Wie nebenbei ist dieser Journalismus eine Antwort auf die Frage, wozu es das Öffentlich-Rechtliche braucht. Dafür.