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22. September 2015, 18:15 Uhr

ARD-Film über Waffenhandel

Ballern im Badischen

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Was verbindet ein süddeutsches Kleinstadtidyll mit Schießereien in Mexiko? Sehr, sehr viel. Der ARD-Film "Meister des Todes" zeichnet nach, wie deutsche Gewehre nach Mittelamerika gelangen. Das knallt in jeder Hinsicht.

Im digitalen Vorführraum der ARD ist dieser Fernsehfilm für Journalisten nicht vorab zu sehen - aus "politischen Gründen", wie der Sender sagt. Das ist ungewöhnlich, aber "Meister des Todes" ist auch ein ungewöhnlicher Film.

Erzählt wird die Geschichte von Peter Zierler (Hanno Koffler), der als Meisterschütze und Waffenexperte bei der traditionsreichen Firma HSW im Badischen arbeitet. Das Idyll mit Frau, süßen Töchtern und Reihenhaus kommt auf einer Geschäftsreise nach Mexiko ins Wanken. Unserem Helden dämmert, dass mit den "Geräten" seines Arbeitgebers echte Menschen erschossen werden, sein Blut klebt bald buchstäblich wie sprichwörtlich an seinen Händen. Als er überdies Zeuge wird, wie die Waffenschmiede die illegalen Exporte des Sturmgewehrs SG38 in das von Korruption und Bandenkriegen gebeutelte Land verschleiert, sammelt er Beweise gegen die Verantwortlichen - mit gravierenden Folgen für alle Beteiligten.

Was wie ein ziemlich aufwendiger "Tatort" ohne Kommissare aussieht, spiegelt die Realität. HSW ist Heckler & Koch, beim SG38 handelt es sich um das berüchtigte G36 - und wegen des illegalen Geschäfts mit Mexiko unter Umgehung eines offiziellen Exportverbotes für das Land ermittelt seit Jahren die Stuttgarter Staatsanwaltschaft. Aber "Meister des Todes" begleitet nicht nur ein laufendes Verfahren der Stuttgarter Staatsanwaltschaft.

Selbst die Dialoge wirken echt

Regisseur Daniel Harrich hat als investigativer Journalist zuletzt schon mit "Der blinde Fleck" über das Oktoberfestattentat von 1980 zur Wiederaufnahme der Ermittlungen beigetragen. Auch diesmal verlässt er sich - neben Recherchen des SWR, die den Fall einst ins Rollen brachten - wieder auf eigene Erkundigungen, Gespräche mit Beteiligten und geheime Protokolle. Genug Material für einen ganzen Themenabend, flankiert von einem Buch ("Netzwerk des Todes") und der im Anschluss an "Meister des Todes" gesendeten Dokumentation "Tödliche Exporte - Wie das G36 nach Mexiko kam".

Umso beeindruckender, dass die Fülle der Fakten sich zu einem spannenden Puzzle fügt und dennoch Raum gelassen hat für psychologische Einzelstudien. Wir erleben das familiäre Klima im mittelständischen Betrieb, das Macho-Gehabe bei der Reise zum Großkunden, die informelle Atmosphäre bei Unterredungen mit dem zuständigen Bundesamt, wo man alles nicht so genau wissen will: "Wer weiß schon, was der Mexikaner denkt oder tut?"

Authentisch wirken auch die Bilder. Mit diesigen Himmeln, zugigen Plätzen und schmutzigen Straßen scheint Mexiko meilenweit entfernt vom beschaulichen Baden-Württemberg mit seinen sauberen Gewerbegebieten hinter Stoppelfeldern und kleinstädtischen Wohlstandskulissen - bis auch da ein Schuss fällt und im Küchenschrank steckenbleibt. Die Gewalt ist real, die Macht ist es auch. Immerhin hat Heckler & Koch erst kürzlich versucht, unliebsame Journalisten von staatlichen Stellen ausspähen zu lassen.

Einjähriger Dreh unter Tarntitel

Um schlafende Hunde schlafen zu lassen, verzichtete Harrich auf Zuschüsse der Filmförderung und drehte ein Jahr lang unter dem klandestinen Titel "MdT - romantische Komödie im Schwarzwald" - mit einer Besetzung, sie so prominent wie gelungen ist. Als HSW-Handelsvertreter in Mexiko brilliert "Tatort"-Kommissar Udo Wachtveitl mit leutseliger Schmierigkeit. Heiner Lauterbach gibt den zynischen Vertriebsleiter, Veronica Ferres in einer dankbaren Nebenrolle dessen Luxusweibchen, das die Doppelmoral ihrer Existenz nur mit Alkohol ertragen kann.

Axel Milberg spielt den Geschäftsführer mit latenter Aggressivität, Herbert Knaup einen um seinen Wahlkreis besorgten Lokalpolitiker und August Zirner den Friedensaktivisten, dem der geläuterte Waffenexperte endlich alle Dokumente anvertraut.

Beachtung finden auch die verheerenden Auswirkungen seines Seitenwechsels, von der Ehekrise bis zur sozialen Ächtung. Hanno Koffler spielt diesen Helden mit allen Schwächen und Brüchen. Seine Rolle trägt einen Film, der auch nach dem Abspann in der Wirklichkeit weiterläuft - worauf am Ende die perfide Pointe hinweist.

Spätestens da wünscht man sich, nur einen "Tatort" mit erfundener Geschichte gesehen zu haben.

"Meister des Todes", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD (im Anschluss läuft die Doku zum Thema)

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