RTL-Jahresrückblick Kapitulation der Vergessenstierchen

Was man nicht sieht, ist nie passiert; was man nicht ausspricht, muss man nicht erklären. Das war das traurige Gestaltungsgesetz von "Menschen, Bilder, Emotionen 2017", der als Jahresrückblick getarnten Show-Kapitulation.

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Jahresrückblicke, das sind glühende Häkelnadeln. Müssen sie auch sein, damit die gerade erst hauchdünn verkrusteten Handlungsstränge im Gehirn wieder lose zuppeln können, um uns im Zeitraffer noch mal geballt vor Augen zu führen, wie schlimm das fast vergangene Jahr tatsächlich war.

Der Mensch ist nämlich ein geübtes Vergessenstierchen, das effizient wegverdrängt, was ihm sonst das Weitermachen schwer werden ließe. RTL hat mit "Menschen, Bilder, Emotionen" allerdings nur lustlos an der Oberfläche gekratzt, vieles verschwiegen, Sonderbares betont. Politisches Schauderklima, Terroranschläge, Angst vor Trumpschen Atomkurzschlüssen? Stattdessen:

Oh, guck mal da, ein Eichhörnchen!
Schau mal da, eine Frau bringt ein Kind im Auto zur Welt!
Hör mal, wie schön die Kelly Family Playback singt!

Manchmal wirkte auch Günther Jauch, als sei ihm sein rumpeliger, durcheinander gewürfelter Bauchladen unangenehm, meist aber eher, als habe er kapituliert und manövrierte die dümpelnde Rückblicks-Schaluppe nun eben mit eisern-verbindlichem Einheitsgrinsen durch die seichten Gewässer. Die Bundestagswahl, das Scheitern der Jamaikakoalition: In Sekunden in der Schnellrückblick-MAZ abgehandelt, fix weiter zu einem Handyvideo von Giraffen, die in einem Safaripark durchs Autofenster das Popcorn der Besucher fressen.

Das Grauensjahr - hier angenehm banal

Ist es bizarre Unterlassung, in einer solchen, immerhin gut dreistündigen Sendung nicht zu erwähnen, dass im abgehandelten Jahr zum ersten Mal eine eindeutig rechte Partei in den Bundestag einzog - oder eine genialische neue Nichtbeachtungstaktik? Mit der man dann gleich auch noch den neuen US-Präsidenten Donald Trump mit nur ein paar verhuschten Bildern seiner Amtseinführung auf dieselbe Relevanz wie einen Briten schrumpfte, der auf einem Campingstuhl an hundert Heliumballons über Südafrika flog - kein Wort über die mannigfaltigen Irritationen, die Ersterer in den vergangenen Monaten so fließband-fleißig ablieferte? Dafür Sebastian Kurz als Studiogast, designierter Bundeskanzler Österreichs, ölig schwadronierend. Erkenntnisgewinn des Gesprächs: Er ist ziemlich jung.

Das Positive an dieser Umverteilung der Relevanzgroschen: Selbst das Grauensjahr 2017 erscheint einem in dieser schiefen Coverversion angenehm banal. Und manchmal fast so, als hätte es gar nicht stattgefunden, denn viele präsentierte Geschichten waren keineswegs zeitenprägend, sondern hätten auch vor fünf oder in zehn Jahren stattfinden können: Boogie-tanzende Greise, eine gerade noch so abgewendete Autobahn-Havarie, noch ein Kind, das im Auto zur Welt kam.

Pietro Lombardi, Sarah Engels, Günther Jauch
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Pietro Lombardi, Sarah Engels, Günther Jauch

Die publikumsheischendsten Gäste, bis zum Ende aufgespart, sind die verkrachten Eheleute Sarah und Pietro Lombardi, ihr erster gemeinsamer Auftritt seit dem Zerwürfnis gerät zu einem gespielten, szenisch inszenierten "Hauptsache, Alessio geht es gut"-Witz: Sie seien stolz, dass sie das trotz kaputter Ehe so gut hinbekämen mit dem geteilten Sorgerecht, bleibt als einziger Inhalt aus einer kurzen Gesprächsattrappe.

Jetzt schnell Musik, zur Aufheiterung

Warum sie überhaupt in dieser Sendung erscheinen, fragt man sich als Trash-Historiker, denn die Spaltung der Lombardei ging ja bereits 2016 von statten. Aber weil 2017 eben so wenig Relevantes passierte, musste man die Sendezeit eben mit anderen Jahren auffüllen. Und lud darum Laurence Chambers ein, einen Studenten im Rollstuhl, den Lady Di als Kind, vor 20 Jahren, mal kurz im Arm hielt. Jauch fragt ihn, ob er glaubt, dass Prinz Harry und seine neue Verlobte gut zusammenpassen, Chambers sagt: "Ja".

Getoppt wird das nur noch vom Gespräch mit Politik-Professor Robert Kelly, der durch sein BBC-Skype-Interview zu Social-Media-Ruhm kam, bei dem seine kleinen Kinder zur Türe hereinplatzten. "Wie haben Sie gemerkt, dass die Tochter im Zimmer war?", fragt Jauch seine Ehefrau. Die antwortet, damit konnte keiner rechnen: "Ich sah, dass die Tür offen war, und sie fehlte."

Boris Becker
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Boris Becker

Fast erscheint einem da im Vergleich das joviale Geplänkel mit Boris Becker wie ein echtes Interview, ein hübscher Trick. Der Angeblich-Pleitier spricht in twitterfähigen Portiönchen:

"Menschen haben mich in kurzen Hosen kämpfen sehen, jetzt sehen sie mich in Anzügen kämpfen."
"Ich möchte meine Rechnung bezahlen, wenn ich denn weiß, wie hoch sie ist."
"Das kann man sich nicht vorstellen, wie es ist, Boris Becker zu sein."
"Die Marke Boris Becker lebt, die Privatperson Boris Becker hat ein Verfahren am Hals."

Die Bedeutung dieser Sätze kullert davon wie ein plattgehauener Tennisball, am Ende tauschen Jauch und Becker artig zu viele Tennismetaphern aus.

Jetzt schnell Musik, zur Aufheiterung. Leider gab es 2017 da nichts neues, weswegen die Kelly Family und Nena je ein Medley ihrer uralten Lieder singen. Beide haben 40-jähriges Musizierjubiläum.

Jauch: "Das schreit nach einer Tournee."
Nena: "Danke, dass du mich dran erinnerst. Ja, im Mai gehe ich wieder auf Tour."

Weiter im Floskel-Text. Helmut-Sohn Walter Kohl will seinem Vater "ein würdiges Gedenken" bereiten und bezeichnet die Auseinandersetzungen mit Kohl-Witwe Meike als "Schnee von gestern". Merke: "Der Tod ist immer ein schmerzhafter Einschnitt."

Deswegen kommt er auch nur dosiert in dieser Jahresschau vor, keine Erinnerung an die Toten des Jahres, keine Erwähnung der Terroranschläge in Manchester und Barcelona, der Eindruck drängt sich auf, dass man das Massaker von Las Vegas nur mit ins Programm nahm, weil man ein paar überlebende Deutsche als Studiogäste auftreiben konnte. Vielleicht musste man aber auch nur Sendezeit aufsparen, um ausführlich über das Frühstück von Tagesschau-Sprecher Thorsten Schröder berichten zu können, das der kurz vor seiner Iron-Man-Teilnahme verzehrte: Ein Berg Toastbrot mit Marmelade wird gezeigt.

Okay, jetzt ist es Satire, ein Kunstprojekt, denkt, nein: hofft man da. Dann singen Pietro und Kay One "Senorita", "Ich fahr' im Bentley, du bist so sexy / Und wenn du willst, dann fahren wir Jet-Ski", eine Kapitulation in Knittelrap, und das ist das Finale.

Wo ist "Despacito" an diesem einzigen, historischen Moment, in dem man es wirklich gerne hören würde?



insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
thueringer 04.12.2017
1. tja
gut das man es sich mal wieder nicht angetan hat! Leider kennt man ja unsere Medien nur noch so, flach und inhaltslos. Danke Frau Rützel das Sie es sich angeschaut haben!
polle2001 04.12.2017
2. Einschlafen klappte auch nicht
Gefühlt merkte man Herrn Jauch bereits nach 10 Minuten an, dass dieser Abend "abgeliefert" werden muss. Abgelesene Fragen, Antworten nicht beachten und möglichst schnell durch die Themen durch arbeiten. Wie im Bericht erwähnt wurden viele wichtige Themen ausgespart und dafür seichte Unterhaltung gezeigt. Ich habe mir immer gerne Rückblicke angeschaut. Der bei RTL wird es nie wieder werden. Schade um Herrn Jauch, der in der Vergangenheit immer der "menschlichste" unter den Rückblick-Moderatoren war.
erzengel1987 04.12.2017
3. wir reden doch von rtl oder?
Was erwartet ihr bitte von rtl? Gut von Jauch hätte ich mehr erwartet, er kann sicher auch eine ordentliche show machen. Doch RTL soll die etwas anderen Leute der Republik ansprechen und unterhalten. Das scheinbar mit Erfolg. Leider gibt es im derzeitigen Fernsehangebot keine wirklich gute Alternative... Ab und zu Xtra 3 oder Heute Show und Anstalt. Aber das ist halt mehr Unterhaltung, nur wirklich informative Jahresrückblicke... mhh darf man suchen
geirröd 04.12.2017
4. Wie immer Frau Rützel...
...Sie haben es auf den Punkt gebracht.. Danke dafür.
ayee 04.12.2017
5. Das beste aus RTL herausgeholt
Frau Rützel hat mal wieder das beste aus RTL herausgeholt. Köstlich. Btw. ist es wirklich Zufall, dass RTL auch in RüTzeL steckt?
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