Schumacher-Talk bei Günther Jauch Die Bösen, das sind die anderen

Um Michael Schumacher und die Berichterstattung über ihn sollte es bei Günther Jauch gehen. Doch eine Diskussion kam nicht zustande, die Gäste fanden die "Bild"-Zeitung alle ganz toll. Man war sich einig: Die Schmuddelkinder sind die Online-Medien.

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Wem nach dem "Tatort" am Sonntagabend kurz die Augen zugefallen waren, der musste sich beim Aufwachen in der Sendung von Günther Jauch vorgekommen sein wie in einem surrealen Traum: Alle in der Runde loben die "Bild"-Zeitung für ihre Fairness, deren ehemaliger stellvertretender Chefredakteur sieht Ethik und Moral als die höchsten Güter des Blattes, ein Paparazzo respektiert die Würde des Menschen, und ein ahnungsloser Kerl mit bunten Socken und Einstecktuch spielt einen Medienrechtler. Alles sehr seltsam und dem Thema leider nicht angemessen.

Das hieß: "Wie geht es Michael Schumacher? - Prominente und die Grenzen der Berichterstattung". Über den Zustand von Schumacher gab seine Managerin Sabine Kehm zu Beginn Auskunft. Es gebe "kleine Fortschritte", zudem erwähnte sie noch "Momente des Bewusstseins und der Wachheit", wie schon vor einigen Tagen. Details wolle sie keine verraten, so Kehm, "die sind sehr privat und gehen nur die Familie etwas an".

Genau da hätte die Diskussion schön einsetzen können: Wie privat ist der Zustand einer Person wie Michael Schumacher? Denn - und da muss man "Sportbild"-Chef Alfred Draxler einmal zustimmen - das öffentliche Interesse daran ist riesengroß. Und wie weit darf die Presse gehen, um das Interesse daran zu befriedigen? Das alles verbunden mit der Tatsache, dass die Neuigkeiten sehr spärlich sind. Meistens war Schumachers Zustand seit seinem Unfall und dem Versetzen ins künstliche Koma unverändert. "Lesen Sie mehr bei uns, wenn es Neues gibt" zieht als Schlagzeile halt nicht.

"So etwas würden wir nicht drucken!"

So saß nun Schumachers Managerin in der Runde, auf ihrer Seite noch Rolf Hellgardt, Lebensgefährte von TV-Moderatorin Monica Lierhaus, die nach einer verunglückten Operation vier Monate im Koma lag, und Medienrechtler Dominik Höck. Gegenüber Paparazzo Hans Paul und eben Draxler, früher lange stellvertretender Chefredakteur der "Bild"-Zeitung. Mittendrin Jauch, der auch gerne mal mit Zeitschriften vor Gericht prozessiert, was denn jetzt privat ist und was nicht.

Gerade als der Zuschauer dachte, jetzt gehe es los mit den gegenseitigen Vorwürfen, sagten Kehm und Hellgardt, "Bild" habe sich immer fair verhalten. Draxler nahm das Kompliment umgehend auf und schob noch schnell nach, dass die ganzen Infos rund um Schumacher, die täglich in die Redaktion einströmten, immer "moralisch und ethisch" geprüft würden. Das erste Foto von Schumacher im Krankenbett? "Würden wir nicht drucken!" Ihm pflichtete Promi-Fotograf Paul bei: "Dafür gibt es gar keinen Markt."

Puff, schon war die Hoffnung auf eine schöne Diskussion dahin. War das noch dieselbe Frau Kehm, die sich kurz zuvor über all die Spekulationen und Ferndiagnosen aufgeregt hatte? Spekulationen und Diagnosen, die offensichtlich öfter mal durch Moral-und-Ethik-Filter den Weg in die Schlagzeilen finden? Aber das war kein Thema mehr. Die Schuldigen und die Bösen, das wurde schnell klar, die saßen nicht in der Runde. Stattdessen kritisierte Kehm "die sogenannten seriösen Medien" und "gerade deren Online-Anleger". Wen sie damit meinte? Auf Nachfrage nannte sie "Focus Online" mit seinem Schumacher-Dauer-Liveticker. Dass "Focus Online" nicht das Maß aller Dinge im Online-Journalismus ist, blieb ungesagt.

Jauch fragte nicht nach

Von der klassischen Regenbogenpresse hingegen wollte trotz angeblich zahlreicher Einladungen keiner bei Jauch Platz nehmen. Jauch ließ es sich nicht nehmen, in einer Art Live-Ticker all die Namen der Zeitschriften zu nennen, deren Vertreter abgesagt hatten. So blieb es den Yellow-Press-Kritikern von topfvollgold.de vorbehalten, ein wenig über die Praktiken der Branche zu erzählen. Die Schuldigen waren gefunden, und das Urteil durfte ausgerechnet Alfred Draxler sprechen: "Das ist kein Journalismus, das ist Schweinepresse!"

Auf einen Schuldigen in Abwesenheit lässt es sich halt am besten draufschlagen. Dabei gab es durchaus noch Chancen, eine Diskussion zu entfachen. Rolf Hellgardt erzählte von einem Tag, an dem sich Monica Lierhaus einer weiteren, lebensbedrohlichen Operation unterziehen musste. Der Tag, an dem einige Zeitungen - unter anderem die "Bild am Sonntag" - titelten: "Hurra, Monica wird wach!" Wie schwer das für die Eltern gewesen sei, dass sie ausgerechnet an diesem Tag überall auf die positiven Schlagzeilen angesprochen wurden. Auch im Fall Schumacher musste "Bild" schon eine große Schlagzeile ("Lungenentzündung! Im Koma!") kleinlaut relativieren - doch das war bei Günther Jauch leider auch kein Thema.

Der Moderator fragte nicht nach, sondern zeigte lieber eine Klatschpostille in die Kamera, die mal ein paar Schlaglochbilder dazu verwendet hatte, um zu zeigen, wie schlimm er wohnt. Der Paparazzo erzählte noch ein paar alte Geschichten von Harald Juhnke, und der Medienanwalt sagte auch was, aber die Wirkung seiner Sockenfarbe und seines Einstecktuchmusters waren größer. Übrig blieb ein verbales In-den-Armen-liegen ohne Erkenntnisgewinn.

insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
sitiwati 14.04.2014
1. man kann
gratulieren-BILD das Mass aller Dinge und Wächter über Moral und Tugend-früher sagte man: 3 Jahre Bild lesen, ersetzt das Abitur! Weiter so!
Baron Riedesel 14.04.2014
2. Den Titel der Sendung...
Den Titel der Sendung hat die ARD aber jetzt nicht ernst gemeint, oder? Eine Diskussionsrunde zum Thema "Wie geht es Michael Schumacher"? Sind die noch ganz dicht? Über dieses Thema kann vielleicht seine Familie diskutieren, oder sein Ärzteteam, beides natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Aber irgendwelche Talkshowkasper?
republikix 14.04.2014
3. illustere Runde
mit Qualitätsjournalisten sprechen über wirklich wichtige Themen in dieser Zeit ohne sich dabei lächerlich zu machen. Putlitzerpreis verdächtig oder?
lenaddorf 14.04.2014
4.
Die Managerin hatte doch nix zu sagen. Den Abend hätte man sich schenken können!
immertreu 14.04.2014
5. Nicht nur hier
Zitat von sysopDPAUm Michael Schumacher und die Berichterstattung über ihn sollte es bei Günther Jauch gehen. Doch eine Diskussion kam nicht zustande, die Gäste fanden die "Bild"-Zeitung alle ganz toll. Man war sich einig: Die Bösen, das sind die anderen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/michael-schumacher-talk-bei-guenther-jauch-was-darf-boulevardpresse-a-964215.html
Da feiern sich ja alle, von der Zeit, Spiegel, SZ Tagesspiegel usw.. Genau das ist aber der Grund, warum man sich schon längst andere Informationsquellen gesucht hat. Das Interessante daran ist, dass für die vorgenannten Protagonisten Politik nur in ihrem selbsgestrickten Rahmen stattfindet. Meldungen und ganze Politikfelder fallen raus, wenn sie nicht ins Berliner Weltbild passen. Ein totaler Elfenbeinturm mit Vernetzungen zu den herrschenden Gruppen. Für den Rezipienten interessant ist eigentlich nur, was nicht drinsteht in der Galaweltbildtagesspiegel.
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