Nach Rücktritt von DSDS-Jury "Er war komplett verändert, ich kam gar nicht mehr zu ihm durch"

Ist der Reality-TV-Star Michael Wendler ein Verschwörungstheoretiker? Und wenn ja, seit wann? Sein Manager, der Fernsehsender RTL und Attila Hildmann geben Antworten.
Sänger Wendler Anfang März in der Show "Pocher vs. Wendler - Schluss mit lustig!"

Sänger Wendler Anfang März in der Show "Pocher vs. Wendler - Schluss mit lustig!"

Foto: Rolf Vennenbernd/ dpa

Michael Wendler, gestutzter Bart, zurückgeföhntes Haar, sagt mit einem Lächeln "Good morning in the morning" in die Kamera, der deutsche Akzent ist unüberhörbar. Die Story vom Donnerstag könnte einer von vielen Beiträgen auf dem offiziellen Instagram-Kanal des 48-jährigen Schlagerstars sein, auf dem er knapp 300.000 Abonnenten hat.

Doch dann gibt "der Wendler", wie ihn seine Fans nennen, in einer Reihe von Clips zunächst seinen Ausstieg als Jurymitglied der Casting-Sendung "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) bekannt, Begründung: "Nahezu alle Fernsehsender inklusive RTL machen sich mitschuldig, sind gleichgeschaltet, politisch gesteuert." Und wirft der Bundesregierung in einem teils offenbar abgelesenen Statement "bezüglich der angeblichen Corona-Pandemie (...) grobe und schwere Verstöße gegen die Verfassung" vor.

Der Wendler, nach Xavier Naidoo und Attila Hildmann nun ein weiterer prominenter Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker?

Dieter Bohlen freut sich über Wendlers Ausstieg

DSDS-Urgestein Dieter Bohlen präsentierte sich in einem Instagram-Video erfreut über Wendlers Ausstieg und machte sich über dessen Aussagen lustig ("Die Welt ist 'ne Scheibe, und ich weiß nicht, was alles"). Der TV-Sender RTL, der DSDS ausstrahlt, distanzierte sich von Wendlers Aussagen. 

"Uns hat das alles kalt erwischt", sagt RTL-Unterhaltungschef Kai Sturm dem SPIEGEL. "Als ich das Video zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich, es sei eine missglückte Parodie vom Wendler auf Xavier Naidoo." Erst nach einem Gespräch mit dem Manager von Michael Wendler, Markus Krampe, sei klar gewesen, dass der Schlagersänger es ernst meine. Vorher habe es keine Anzeichen dafür gegeben, dass Wendler so denke, sagt Sturm.

Am Donnerstagabend sagte Krampe in einer Sonderausgabe der RTL-Sendung "Pocher - gefährlich ehrlich!" über die Statements seines Klienten: "Auch für mich ist das ein Schock." Manche Fans vermuteten einen PR-Coup des Schlagerstars.

"Für mich war klar, dass wir mit Psychologen sprechen müssen"

"Ich habe natürlich schon gemerkt, dass er sich in den letzten Wochen verändert hat, was die Corona-Maßnahmen angeht", sagt Krampe dem SPIEGEL. Kurz vor Wendlers Abflug in die USA vor einer Woche habe Krampe "ein ungutes Gefühl" gehabt. Er sagt: "Für mich war klar, dass wir mit Psychologen sprechen müssen."

Bis zu einem Telefonat am Donnerstag sei dem Manager nicht klar gewesen, wie ernst es um Wendler steht. Krampe sei auf der Autobahn unterwegs gewesen, als Wendler ihm am Telefon sagte, dass er sich mit Attila Hildmann austausche. "Wenn man in solche Fänge gerät, ist man schnell verloren", sagt Krampe. "Er war komplett verändert, ich kam gar nicht mehr zu ihm durch." Krampe habe ihn von der Veröffentlichung der Instagram-Storys abhalten wollen, aber Wendler postete die Videos, noch während Krampe am Apparat war.

Krampe distanziert sich von Wendlers Haltung. Wäre es da nicht konsequent, sich von Wendler als Geschäftspartner zu distanzieren? "Nein", sagt Krampe. "Ich mache mir mehr Sorgen um seinen Gesundheitszustand. Ich hoffe einfach, dass er zur Besinnung kommt."

Kaufland distanziert sich von Wendler

Ein paar Stunden vor den Storys war auf Wendlers Instagram-Kanal noch der Verweis auf einen Kaufland-Werbespot bei YouTube gepostet worden. Wendler sollte das Gesicht einer neuen Werbekampagne der Handelskette sein. Daraus wird nun nichts mehr. Auf Anfrage des SPIEGEL teilte eine Sprecherin der Supermarktkette mit, Michael Wendler sei "nach seinen aktuellen Aussagen kein geeigneter Werbeträger mehr für Kaufland". Man distanziere sich "mit Nachdruck" von seinen Aussagen. Der Werbespot wurde gelöscht.

Laut einem Bericht der "Heilbronner Stimme" hat Wendler aufgrund des geplatzten Werbedeals mit Kaufland nun 200.000 Euro in Rechnung gestellt.

Zum Ende der Instagram-Storys wirbt der Wendler nun nicht mehr für seine Kanäle bei selbiger Plattform, bei Facebook oder bei YouTube - die seien alle "zensiert" -, sondern für seinen neuen Kanal bei Telegram, einer App, die beliebt ist als Ausweichplattform für Rechtsextreme, radikale Corona-Gegner und Verschwörungsideologen. 

53.000 Abonnenten bei Telegram

Stand Freitagabend hat Wendlers Telegram-Kanal bereits mehr als 53.000 Abonnenten. Bisher leitet er dort vor allem Beiträge von Corona-Leugnern aus anderen Gruppen weiter, teilt auch Verschwörungsmythen von Ex-Tagesschau-Sprecherin Eva Herman - und Vegan-Koch Attila Hildmann. 

Hildmann verbreitet dort immer wieder antisemitische Verschwörungsideologien, postet Kommentare wie "Daumen Runter Blitzkrieg". Auf seinem öffentlichen Telegram-Kanal, der knapp 90.000 Follower hat, veröffentlichte Hildmann schon am Donnerstagvormittag eine Art Ankündigung des Skandals um Wendler: "Da wird heute was passieren."

"Wir kennen uns von 'Let's Dance'", sagt Attila Hildmann dem SPIEGEL, "er ist ein Mensch, den ich schätze." Die beiden hätten seit der Tanzshow im Jahr 2016 keinen Kontakt mehr gehabt - bis Wendler Hildmann in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag angerufen und ihm mitgeteilt habe, bei RTL aufhören zu wollen.

"Er weiß, dass Deutschland nicht mehr demokratisch regiert wird", sagt Hildmann. "Er hat genau verfolgt, was Xavier und ich gemacht haben, in den letzten sechs Monaten unserer politischen Aufklärungsarbeit", so nennt er das. Und fügt hinzu: "Ich bin der Regimefeind Nummer eins, da liegt es nahe, dass er sich an mich wendet." Attila Hildmann spricht davon, dass Michael Wendler sich für ihn "zum deutschen Helden" stilisiert habe.

Wie Wendler es mit Corona hält, war schon an einem Sonntag im September zu erleben. An jenem Tag wurde in einem Kaufland-Markt in Berlin-Spandau der Werbespot gedreht, den Kaufland am Donnerstag veröffentlicht und am Abend wieder gelöscht hatte. Als Wendler und seine Partnerin Laura Müller zu den Dreharbeiten erschienen, erklärten sie dem verdutzten TV-Team, dass sie nicht an das Coronavirus glauben und keine Masken tragen würden. So erzählt es einer, der dabei war. 

Jeder der mehreren Dutzend TV-Leute, Tänzer, Komparsen und Kaufland-Mitarbeiter habe an diesem Tag eine Maske getragen. Die Produzenten des Kaufland-Spots hätten versucht, Wendler zur Vernunft zu bringen - auch mit dem Hinweis, er sei laut Vertrag in den Drehpausen zum Tragen einer Maske verpflichtet, das habe er unterschrieben. "Um keine Maske tragen zu müssen, ist der Wendler zwischen den Takes lieber ins Freie gegangen und hat mit Laura rumgeknutscht." 

Wendlers Manager Krampe war an diesem Tag ebenfalls anwesend. Er erklärt, Wendler habe nach einer Nasen-OP keine Maske tragen müssen. Und Laura Müller habe keine Maske tragen wollen. Krampe habe versucht, sie vom Gegenteil zu überzeugen - erfolglos.

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