Missbrauchsdebatte bei Illner Buhmann ist immer der andere

Maybrit Illner wirkte fast etwas verzweifelt über den Mangel an Streitlust: Ihre Talkrunde zum sexuellen Missbrauch von Kindern gab sich einmütig wie selten. Selbst der katholische Bischof Jaschke ließ sich ein wichtiges Zugeständnis abringen.
Illner mit Gästen: Inzwischen klingen Entschuldigungen wie Entschuldigungen

Illner mit Gästen: Inzwischen klingen Entschuldigungen wie Entschuldigungen

Foto: ZDF

Es gibt keine Kontroverse mehr in Sachen Missbrauch. Nach Wochen der Debatten, der Diskussionen über die Schuld ist alles gesagt. Und vor allem: Man hat seine Rolle im Skandal gefunden. Der Buhmann, das sind die anderen: Die Täter, die Kinder in Heimen, Internaten, Schulen misshandelten, quälten, demütigten. Und die heute, Jahrzehnte später, kaum noch juristisch belangt werden können - sofern sie überhaupt noch leben.

Dementsprechend herrschte bei Maybrit Illner so viel Einmut wie selten: Die Runde war so handzahm, dass man die Diskussion gleich ganz vergaß. Artig trugen die Gäste nacheinander ihre Positionen vor, man stimmte sich zu, ging aufeinander ein. Einzig Familienministerin Kristina Schröder gab sich vehement: in der Heftigkeit ihres zustimmenden Nickens bei den Wortbeiträgen der anderen Podiumsteilnehmer.

Denn versammelt waren zum Thema "Geht der Verrat an unseren Kindern immer weiter?" nur die um Aufklärung bemühten: Neben Familienministerin Kristina Schröder der frühere Leiter des Internats Salem, Bernhard Bueb, BAP-Sänger Wolfgang Niedecken und der Hamburger Weihbischof Hans-Joachim Jaschke.

Hinzu kamen Gäste, die nach Filmbeiträgen schlaglichtartig über einzelne Missbrauchsfälle berichteten. So der Rechtsanwalt Thomas Pfister, der als Chefermittler vom Bistum München eingesetzt wurde, um die Misshandlungen im Kloster Ettal aufzudecken und deutliche Worte für die Verschleierungstaktik der Kirche fand: "Die Selbstreinigungskräfte in Ettal funktionierten überhaupt nicht. Es brauchte den Druck der Öffentlichkeit." Er berichtete von Eltern, die ihm auch nach Abschluss des Berichts nicht glauben, was er zusammengetragen hat: Dass im Kloster ein "brutales Gewaltregime" herrschte. Dass Kinder in der Obhut der Kirche dazu gezwungen wurden, Nacktschnecken zu essen, mit Schlafentzug malträtiert und sexuell missbraucht wurden.

"Die katholische Kirche ist erst 2001 wach geworden"

Rund zwölf Wochen ist es her, da offenbarte der Leiter des katholischen Berliner Canisius-Collegs, dass es in der Schule in den siebziger und achtziger Jahren zu sexuellem Missbrauch gekommen ist. Und inzwischen, das wurde bei Illner deutlich, hat die katholische Kirche verstanden, dass sie nicht länger in Opposition zu den Missbrauchsvorwürfen gehen kann - schon gar nicht an einem Tag, an dem ein Bischof von seinem Amt zurücktrat, weil er selbst Kinder geschlagen und dies erst abgestritten und später verniedlicht hatte ("Die eine oder andere Watschn kann ich nicht ausschließen", so Mixa).

"Die katholische Kirche ist erst 2001 wach geworden, vorher hat man aus Unwissenheit oder falscher Rücksicht geschwiegen", sagte Bischof Jaschke eingangs. Das klang vor wenigen Wochen noch ganz anders. Da versuchte man noch, den Missbrauch als ein individuelles Problem zu vertuschen und kleinzureden, nicht aber, ihn als strukturelles Versagen zu brandmarken. Nun, da der Missbrauch unter dem Dach der Kirche immer weitere Kreise zieht, ist dies schlicht nicht mehr möglich. Die katholische Kirche, so scheint es, hat zumindest in der Außendarstellung ihre Rolle gefunden: die des reumütigen Sünders. "Angesichts des Skandals müssen sich alle betroffenen Einrichtungen schämen", sagte Jaschke, "vor allem aber die Kirche."

Inzwischen, auch das hat die Sendung gezeigt, klingen Entschuldigungen wie Entschuldigungen. Und nicht länger wie hölzern vorgetragene Abbitten, deren Inhalt des Vortragenden fremder und ferner zu sein scheint als manch krude Geschichte aus dem Alten Testament.

So erreichte die sachliche Runde, was viele zuvor nicht schafften: einem Vertreter der katholischen Kirche auch Zugeständnisse für die Zukunft abzuringen. Jaschke willigte beispielsweise ein, als Schröder darauf drang, die Kirche solle sich verpflichten, Verdachtsfälle an die Staatsanwaltschaft zu melden. "Wir werden auch an diesem Punkt nachlegen", sagte Jaschke. Es gab Sendungen, in denen Kirchenobere erbittert mit Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger über diesen Aspekt debattiert hatten. Doch an diesem Abend? Konsens statt Kontroverse.

"Die Schande bleibt bei den Opfern"

Jaschke hatte die Sympathien auf seiner Seite, weil er endlich glaubhaft Demut gegenüber den Opfern artikulierte: "Es wird auch in Zukunft Schlimmes passieren. Aber wenn es in der Kirche passiert, muss es uns ganz besonders beschämen."

Auch der Vorschlag Schröders, das polizeiliche Führungszeugnis zu erweitern und beispielsweise auch Vorstrafen wegen des Besitzes von Kinderpornografie aufzuführen, stieß bei dem Kirchenmann auf einsilbige Zustimmung. Maybrit Illner wirkte mitunter fast etwas verzweifelt ob so viel Konstruktivität und mangelndem Dissens.

Wer würde sich auch angesichts des immer weitere Kreise ziehenden Skandals gegen effektive Prävention, eine Entschädigung der Opfer und eine Aufarbeitung der Vergangenheit aussprechen? Die wohl einzigen, die angesichts der sadistischen Grausamkeiten, die mit Einspielfilmen verdeutlicht wurden, kein Unrechtsbewusstsein und kein Schuldgefühl entwickeln, sind die Täter selbst.

"Die Schande bleibt im Moment noch bei den Opfern", sagte Musiker Niedecken, der als Kind in einem Internat misshandelt und missbraucht wurde. "Aber die Menschen müssen begreifen, dass die Schande eigentlich beim Täter liegt."

Dass dies noch immer nicht der Fall ist, verdeutlichten im Laufe der Sendung immer wieder die Betroffenen: Hubert Kastner, der im Kloster Ettal Opfer von Misshandlungen wurde und Sigrid Kumberger, die als Mutter erfahren musste, wie schwierig es ist, sein Kind vor sexuellem Missbrauch zu schützen: Ein Eishockeytrainer hatte in der Dusche des Sportvereins für die Kinder unter anderem Kasperletheater mit seinem Penis aufgeführt und an seinem Geschlechtsteil herumgespielt. Das Verfahren wurde von der Staatsanwaltschaft eingestellt - Sigrid Kumberger von anderen Eltern gemieden, die ihre Kinder weiterhin in die Obhut des Mannes gaben.

Präventionsprogramme ausbauen

Die Verbitterung der Betroffenen wurde deutlich angesichts von Gegnern, die sich nur träge zu ihrer Schuld bekennen und gleich gar nicht über Entschädigungen sprechen wollen. "Wenn es in diesem Tempo weitergeht, sind nicht nur die Täter sondern auch die Opfer tot, bis etwas geschieht", so der frühere Ettal-Schüler Kastner. Die Betroffenen lernen langsam, nicht nur über die Vergangenheit zu sprechen, sondern auch selbstbewusst Forderungen zu stellen. Die Frage der Entschädigung soll ab Freitag im Rahmen des eigens eingerichteten runden Tisches zum Thema Missbrauch verhandelt werden.

Das von der Bundesregierung einberufene Treffen, das zum ersten Mal Vertreter aller betroffenen Einrichtungen vereint, muss sich neben Formen der Entschädigung und Möglichkeiten der umfassenden Aufarbeitung auch überlegen, inwieweit der Kinderschutz in die Schulbildung integriert wird, inwieweit man Präventionsprogramme im Unterricht ausbauen kann. Und wie man die Finanzierung der Betreuung von Opfern durch Beratungsstellen sicherstellen kann.

Denn die Politik, das verdeutlichte Ursula Enders von Zartbitter, einer Kontaktstelle gegen sexuellen Missbrauch, eindrücklich, hat in den vergangenen Jahren das Thema kaum beachtet. Das soll sich jetzt ändern, beteuert Schröder. Vielleicht hat auch die Politik ihre Rolle gefunden.