Missbrauchsdebatte bei Illner Scheinheilig in den Triebstau

Ist Ehelosigkeit der Grund für die Missbrauchsfälle bei den Katholiken, ist die Kirche ein Magnet für Pädophile? Ein Bischof und drei Frauen diskutierten bei Illner über die großen Fragen hinter dem aktuellen Skandal. Und brachen doch nicht mit dem naiven Ideal, dass es auf der Welt wirklich Heilige gibt.

Bischof Ackermann, Ministerin Leutheusser-Schnarrenberger: "Besondere Gemengelage"
ZDF

Bischof Ackermann, Ministerin Leutheusser-Schnarrenberger: "Besondere Gemengelage"

Von Henryk M. Broder


Der Bundestag hat einen Wehrbeauftragten, jeder größere Betrieb eine Gleichstellungsbeauftragte und beinahe jede Rundfunkanstalt einen Suchtbeauftragten. Nun hat es auch die katholische Kirche erwischt. Seit kurzem hat sie einen Missbrauchsbeauftragten, was natürlich zu Witzeleien einlädt, ob er Missbräuche verhindern oder nur darauf achten soll, dass sie nicht aufgedeckt werden. Es ist ein relativ junger und sympathischer Bischof namens Stephan Ackermann, der bis jetzt außerhalb kirchlicher Kreise ein Unbekannter war.

Am Donnerstagabend saß er bei Maybrit Illner und musste eine extrem schwierige Aufgabe lösen: Die Fälle von sexuellem Missbrauch an Jugendlichen, die in 22 der 27 Bistümer bekannt wurden, als Einzelfälle zu klassifizieren, ohne sie als Ausnahmen zu verharmlosen. Fehlverhalten von kirchlichen Amtsträgern zuzugeben, ohne es als systemimmanent zu verurteilen.

Keine einfache Übung angesichts einer "Lawine" (Stephanie zu Guttenberg, die Vorsitzende des Vereins "Innocence in Danger"), die "nicht das Ende" (Sabine Leutheusser-Schnarrenberger) der ganzen Geschichte, sondern vermutlich den Anfang eines Erkenntnisprozesses markiert.

Das Thema hieß "Moral predigen, Missbrauch dulden - Wer stoppt die Scheinheiligen?" Und wie immer bei solchen Vorgaben verstand jeder Teilnehmer der Diskussion etwas anderes darunter. Was in den vergangenen Wochen bekannt wurde, sei "erschütternd und beschämend", man müsse "der Wahrheit ins Gesicht sehen", sagte Bischof Ackermann. Sie sei "nicht überrascht", erklärte Alice Schwarzer, "Männer mit pädophilen Neigungen gehen in Berufe, in denen sie mit Kindern zu tun haben", allerdings: Drei von vier missbrauchten Kindern würden "in der Familie missbraucht", nicht in der Schule oder in der Kirche.

Magnet für Pädophile?

So drehte sich die Debatte vor allem um zwei Punkte. Sind "Ehelosigkeit und sexuelle Enthaltsamkeit die Wurzel des Problems", ist die katholische Kirche "ein Magnet für junge Männer mit pädophilen Neigungen" (Illner) - oder ist sexueller Missbrauch von Kindern in der Gesellschaft so weit verbreitet, dass er praktisch in allen Gruppen und Institutionen vorkommt, vom konservativen Jesuiten-Kolleg bis zur progressiven Odenwaldschule?

Es gebe "keinen Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch", behauptete Bischof Ackermann, der Zölibat sei "ein sperriges Zeichen". Da sei eben die ganze Gesellschaft gefordert, postulierte Alice Schwarzer, sie müsse "eine Haltung und eine Moral" haben.

Wie in der Debatte über die Henne und das Ei ging es auch bei Illner um den Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Werden pädophile Männer bevorzugt Pfarrer, oder führt die Arbeit als Pfarrer auf das Glatteis der Pädophilie? Das sei "eine besondere Gemengelage", sagte Bischof Ackermann, und auch die Justizministerin stimmte ihm bei: "Da kommt viel zusammen in so einer Umgebung."

Extrem naives Konzept

Und so war alles, das gesagt wurde, richtig und falsch zugleich, denn es war in höchstem Maße unspezifisch. Wenn der Missbrauch von Kindern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist, dann ist es wenig hilfreich, sich die katholische Kirche vorzunehmen. Wenn sich die Fälle aber tatsächlich in bestimmten Milieus häufen, in denen die Trennung von Körper und Geist praktiziert wird und vitale Bedürfnisse geleugnet und verdrängt werden, dann liegt die Verantwortung nicht bei der "Gesellschaft", sondern bei denjenigen, die Sexualität primär für ein Instrument der Fortpflanzung halten. Zu sagen, wie in der Diskussion mehrfach geschehen, es gebe Menschen, die ohne Sexualität gut leben könnten, ist so lebensfremd wie die Behauptung, man komme auch ohne Nahrung aus. Niemand würde einen Zusammenhang zwischen Hunger und Mundraub bestreiten, nur bei aufgezwungener Enthaltsamkeit und sexuellem Missbrauch wird ein Zusammenhang gerne verneint.

Worüber bei Illner trotz der Ankündigung im Titel überhaupt nicht gesprochen wurde, war der Begriff des Scheinheiligen, der derzeit Konjunktur hat. Er setzt voraus, dass es tatsächlich Heilige gibt, die im Gegensatz zu den Scheinheiligen sich an die Regeln halten, deren Verbindlichkeit sie predigen. Es ist ein extrem naives Konzept, noch naiver als die Idee, der Mensch sei von Natur aus gut. Die katholische Kirche war die längste Zeit ihres Bestehens keine moralische, sondern eine politische Institution, die mit aller Macht ihre weltliche Macht verteidigte. Erst mit der Entmachtung der Kirche, mit der Trennung von Kirche und Staat, also vorgestern, setzte eine Hinwendung zur Moral ein.

Daher kommt auch die Enttäuschung über Pfarrer, die sich an Jugendlichen vergreifen. Es muss doch irgendwo noch ein Eckchen geben, in dem das Gute regiert, wenn man sich sonst auf nichts mehr verlassen kann. Helene Hegemann hat ihren Roman abgeschrieben, Ryszard Kapuscinski hat seine Reportagen getürkt, der Vorsitzende einer christlichen Partei hat ein uneheliches Kind und Schiedsrichter des DFB lassen diejenigen gewinnen, die kleine Gefälligkeiten großzügig belohnen. Da soll es wenigstens in katholischen Institutionen gesittet zugehen.

Das Frankfurter Kabarett "Die Schmiere" hat vor Jahren ein Programm gespielt, in dem es um Anstand und Moral ging. Das dazugehörige Plakat zeigte eine stilisierte Frauenfigur mit großen Brüsten. Darüber den Spruch: "Auch Nonnen haben welche. Die Natur lässt sich von Gott nicht ins Handwerk pfuschen."



insgesamt 121 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
herbert 12.03.2010
1. Eine Klamauk Sendung !
Die Illner Sendung zum Thema "Wer stoppt die Scheinheiligen?" war Klamauk pur ! So ein wichtiges, ernstes Thema, aber mit einer gelungenen, gewollten Fehlbesetzung. Was bitte, hat eine Radikalfeministin Alice Schwarzer in der Sendung zu suchen ? Sie ist eine Feministin und ihre Antihaltung gegen einen Mann und Vater kann man seit Jahrzehnten in ihren Käseblatt EMMA nachlesen. Die kann gar nicht anders ! Weiterhin gehört es zur politischen Show zwecks Wählerstimmen, wenn sich Ehefrauen von Politiker sozial und wie hier, gegen den Missbrauch arrangieren. Seinerzeit in Bayern die Epple Waigel und jetzt hier die Frau vom Verteidigungsminister Stephanie zu Guttenberg. Dazu die deutsche Tradition, man gründet einen Verein, hier eine sogenannte Kinderschutzorganisation "Innocence in Danger". Links auf der Homepage führen zum Verein Wildwasser. Man erinnere sich an die Wormser Prozesse, wo eine Wildwasser Aufdeckerin einen Missbrauch von Familien auslöste, den es nie gegeben hatte. Zudem ist die Homepage von "Innocence in Danger" sehr "unprofessionell" und unreif gemacht. Ob nun für die Illner Sendung oder die Homepage des Missbrauchsvereines "Innocence in Danger", es fehlt der klarer, deutlicher Hinweis, dass ein Missbrauch Grundsätzlich eine Angelegenheit der Polizei ist. Die Polizei hat Psychologen und die Mittel Ermittlungen einzuleiten. Ein Missbrauchsverein mit Statisten hat da nichts zu suchen ! In der Sendung wird nur von Täter gesprochen. Die Radikalfeministin Schwarzer macht gerne den bestimmenden Fehler. Doch juristisch ist ein Täter erst ein Täter, wenn er verurteilt ist. Vorher gilt die Unschuldsvermutung. Wo war bitte die Polizei in der Sendung oder jemand vom Bundeskriminalamt? In der Sendung hatte man den Eindruck, dass die Täter nur Männlich sind. Übergriffe von weiblichen Personen gibt es reichlich und der Feminismus schweigt sie noch immer gerne tot. Auf der Internetseite von der Illner berichten doch weibliche Opfer, die von Nonnen missbraucht worden sind. Warum wird das in der Sendung nicht genannt? Die Radikalfeministin Schwarzer hatte mit der Illner ein leichtes Spiel, denn ihr einseitiger Gesprächsanteil war der Höchste. Die Justizministerin Leutheusser Schnarrenberger kam kaum zu Wort und ihr Beiträge waren sehr hilflos und fast nur Rechtfertigungen. Alles in allem eine einseitige, unprofessionelle Klamauksendung .
Newspeak, 12.03.2010
2. ...
Es gibt zwei Grundprobleme... Das eine ist, daß sich die katholische Kirche wirklich aus voller Überzeugung als moralische Instanz sieht, und, sie würde es öffentlich nie zugeben, sich für die besseren Menschen hält. Das zweite, viel weniger thematisierte, ist, daß es in Deutschland im Grunde keine wirkliche Trennung von Staat und Kirche gibt. Man sieht daß nicht nur an so offensichtlichen Dingen wie der Kirchensteuer, sondern im konkreten Fall daran, daß sich die Kirche anmaßt, staatsanwaltliche Aufgaben zu übernehmen, wenn es darum geht Missbrauchsverdachtsfälle zu "überprüfen". Das muß dringend geändert werden. Das ist übrigens auch ein Mentalitätsproblem. Wieso ist irgendein dahergelaufener Bischof automatisch und unhinterfragt eine Autoritätsperson, die man in Talkshows einlädt, um sich moralische Weisheiten verkünden zu lassen? Was befähigt diese Leute denn dazu? Allein ihr Amt? Das ist zu wenig.
Newspeak, 12.03.2010
3. ...
Es gibt zwei Grundprobleme... Das eine ist, daß sich die katholische Kirche wirklich aus voller Überzeugung als moralische Instanz sieht, und, sie würde es öffentlich nie zugeben, sich für die besseren Menschen hält. Das zweite, viel weniger thematisierte, ist, daß es in Deutschland im Grunde keine wirkliche Trennung von Staat und Kirche gibt. Man sieht daß nicht nur an so offensichtlichen Dingen wie der Kirchensteuer, sondern im konkreten Fall daran, daß sich die Kirche anmaßt, staatsanwaltliche Aufgaben zu übernehmen, wenn es darum geht Missbrauchsverdachtsfälle zu "überprüfen". Das muß dringend geändert werden. Das ist übrigens auch ein Mentalitätsproblem. Wieso ist irgendein dahergelaufener Bischof automatisch und unhinterfragt eine Autoritätsperson, die man in Talkshows einlädt, um sich moralische Weisheiten verkünden zu lassen? Was befähigt diese Leute denn dazu? Allein ihr Amt? Das ist zu wenig.
herbert 12.03.2010
4. Missbrauch Ist Auch Weiblich !
FRAUEN OFFENBAR AUCH TÄTER Missbraucht von Nonnen? Sexuellen Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen begehen, so scheint es, nur Männer. Doch auch Ordensfrauen sollen misshandelt haben. Erst nach Jahren können die Opfer über ihr Schicksal sprechen. Die Gemeinschaft der Hedwigschwestern bedauern - und wollen aufklären. [Video starten http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/8/0,3672,8039688,00.html?dr=1 Forumsteilnehmer Missbrauch ist nicht nur männlich !! Frauenübergriffe sind sehr häufig vertreten. Doch die Feministinnen wollen das nicht zulassen, da sonst ihre einseitigen Lügen, nur der Mann ist Täter, zusammenbrechen ! Typisch war in der Sendung bei Illner, dass nur von den Tätern gesprochen wurde. Wenn die Guttenberg einen Missbrauchsveiein leitet, erwarte ich von ihr in der Sendung, dass sie auch sagt: Missbrauch ist auch weiblich. Ein Sexualtherapeut hielt einen Vortrag über Missbrauch. Anwesend waren ca. 28 Frauen und fünf Männer. Alle Frauen waren erstaunt, wie der Therapeut sagte: Wir haben jede Menge Übergriffe von Frauen. Da ist die Oma wo der Enkel im Bett mit schläft, weil der Opa verstorben ist. Sie nimmt die Hand des Enkels und lässt sich streicheln. O Ton Sexualtherapeut. Das Kind immer mehr konfus sagt es dann der Mutter ! Und schon kommt die Wahrheit an den Tag !
crocman, 12.03.2010
5. Vertuschung setzt sich fort
Ich kann nicht finden, dass das Klamauk gewesen ist! Im Gegensatz dazu ist das Gestammel der katholischen Kirche fast schon volksverdummend und ich rate jedem, der Mitglied im Verein ist, über den Austritt nachzudenken, wenn weiter vertuscht werden soll - und darauf deutet trotz Worten des Bedauerns und dank der Entschädigungsverweigerung vieles hin!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.