Missbrauchsdoku im Ersten Allein gegen die Bilderflut

Ob Ermittlung, Strafverfolgung, Vorbeugung oder Therapie - der Umgang mit pädophil motivierten Taten gestaltet sich in Deutschland zäh und langsam. Die alarmierende ARD-Doku "Sexobjekt Kind" gleicht einer Mängelliste in Sachen Verbrechensbekämpfung.
Torsten Meyer, Chef der Auswertungsstelle Kinderpornographie im LKA Sachsen-Anhalt, bei der Arbeit.

Torsten Meyer, Chef der Auswertungsstelle Kinderpornographie im LKA Sachsen-Anhalt, bei der Arbeit.

Foto: ARD/NDR

Zur Einführung ein paar Zahlen: In der Asservatenkammer der Ermittlungsstelle Kinderpornographie in Sachsen-Anhalt stapeln sich Hunderte von beschlagnahmten Rechnern und Tausende von CDs. Insgesamt, so hat der Chef der Abteilung mal aufgrund der Speicherkapazität der Datenträger hochgerechnet, sind wohl noch rund 365 Millionen Bilder zu sichten. Dafür stehen bescheidene zwölf Mitarbeiter zur Verfügung.

In einem Einzelfall geht es um rund 1,2 Millionen Beweisstücke; jedes einzelne muss ausgewertet und katalogisiert werden, denn es ist zu klären, ob sich der Beschuldigte, auf dessen Computer das Material gefunden worden ist, des Handels mit Kinderpornographie oder zusätzlich auch noch des Missbrauchs schuldig gemacht habe.

Allein gegen die Bilderflut: Der entsprechende Mitarbeiter ist dann wochenlang mit nichts anderem beschäftigt, als Fotos und Filme in diesem einen konkreten Fall auszuwerten. Kommt er nicht schnell genug hinterher, kann der mutmaßliche Täter das beschlagnahmte Material wieder zurückfordern. Der Kampf gegen Kinderpornographie, hier gestaltet er sich als Kampf gegen Windmühlen.

Warum verläuft der Kampf so langsam?

Der massenhafte Missbrauch in kirchlichen Institutionen und Internaten hat die öffentliche Aufmerksamkeit aufs Thema gelenkt. Die schon vor der Aufdeckung der Pädophilie-Straftaten gedrehte TV-Doku "Sexobjekt Kind" liefert nun die kriminologische Unterfütterung. NDR-Autor Sebastian Bellwinkel ("Kiezgeschichten") führt in die unterschiedlichen Bereiche der Pädosex-Bekämpfung ein. Ob Strafverfolgung, Prophylaxe oder Therapie - überall regiert der Mangel. Der Film, der im Januar schon im Dritten lief, für den Grimme-Preis nominiert war und nun in einer aktualisierten Fassung ins Erste gehoben wird, mutet deshalb an wie ein Katalog der Misswirtschaft.

Der Einstieg von "Sexobjekt Kind" ist zwar plakativ, die Faktenanalyse aber präzise. 200.000 Kinder jährlich sollen laut der Doku nach Schätzungen von Experten Opfer sexueller Übergriffe werden. Andere Experten sprechen von 100.000. Doch egal, welche Mutmaßung der Wirklichkeit nun am nächsten kommt - zu Recht fragt sich Bellwinkel, weshalb sich der Kampf gegen die objektive Missbrauchsplage so zäh und langsam gestaltet. Antworten findet er erschreckend viele.

Beispiel verdeckte Ermittlungen: Die Kinderpornoszene ist ein in sich geschlossener Kreis, der Zugang extrem schwierig. Einschlägige Seiten im Internet werden von sogenannten Managern kontrolliert, die Einsteiger einer "Keuschheitsprüfung" (Pädo-Slang) unterziehen: Man muss, um beim Tausch oder beim Kauf mitmachen zu dürfen, selber entsprechende Fotos und Filme einbringen. Deutsche Ermittler aber dürfen sich nicht an der Verbreitung kinderpornographischen Materials beteiligen. Die notwendige Undercover-Recherche entfällt also.

Beispiel Strafvollzug: Die überführten Straftäter werden oft nicht untersucht und also auch nicht psychologisch behandelt. Der Druck der Haft aber verschärft eher die nicht-diagnostizierte Neigung. Das Gefängnis wird zum Verstärker der Persönlichkeitsstörung.

Der Markt ist übersättigt - und doch gierig

Beispiel Therapie: Bundesweit, so Schätzungen der Berliner Charité, sind etwa 220.000 Männer pädophil veranlagt. Wer sich an einen Arzt wendet, wird meist abgewiesen. In Berlin und Kiel gibt es staatlich geförderte Forschungsprojekte, die Therapiemöglichkeiten ausgearbeitet haben - zu den Krankenkassen aber sind diese Erkenntnisse noch nicht vorgedrungen. Es gibt dort schlicht und einfach keine Pauschale für die nachgewiesene "chronische Krankheit" Pädophilie. So fördert das Gesundheitssystem quasi die Entwicklung potentieller Straftäter.

Alles in allem trägt Filmautor Bellwinkel eine alarmierende Mängelliste zusammen. Ob es nach der Aufdeckung des massenhaften Missbrauchs an Klosterschulen und Internaten neue Initiativen (und vor allem: mehr Geld) zur Bekämpfung von pädophil motivierten Verbrechen gibt, bleibt abzuwarten.

Selbst wenn man sich der Illusion hingäbe, die Ermittlungsstelle Kinderpornographie in Sachsen-Anhalt werde irgendwann schon die geschätzten 365 Millionen Bilder und Filmchen gesichtet, bewertet und kriminalistisch zurückverfolgt haben - der Milliardenmarkt Kinderpornographie wird dadurch nicht ausgetrocknet. Im Moment, sagt der anhaltinische Chefermittler müde in die Kamera, gebe es zwar eine mengenmäßige "Sättigung des Marktes". Aber um die Geschäfte am Laufen zu halten, würden jetzt einfach noch härtere Kicks mit noch jüngeren Kindern geliefert.


"Sexobjekt Kind", 21.00 Uhr, ARD.

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