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Lindholm-"Tatort": Im Angesicht des Bösen

Foto: NDR/Marc Meyerbröker

Missbrauchskrimis in der ARD Wenn Frau Kommissarin kaputtgeht

Zwei hervorragende TV-Krimis zeigen, wie Polizistinnen an privaten Krisen und Missbrauchsermittlungen fast zerbrechen: "Tatort"-Kommissarin Maria Furtwängler brilliert mit einer mutigen Neuinterpretation ihrer Figur. Nina Kunzendorf übertrifft ihre Kollegin sogar noch.
Von Nikolaus von Festenberg

Ein Sender, ähnliche Plots und das Aufeinandertreffen von zwei der attraktivsten deutschen TV-Schauspielerinnen. Nicht allzu oft bietet das Programm eine solche Konstellation. Blondine gegen Dunkelhaarige, könnte der Boulevard dichten. Dabei hat die Willkür der Sendeplatzplanung zwei der ergreifendsten Fernsehtragödien zeitlich aneinander gebunden, die seit langem zu sehen gewesen sind.

Am Sonntag, 31. Oktober, im "Tatort: Der letzte Patient" mit Maria Furtwängler, und drei Tage später "In aller Stille" , ebenfalls 20.15 Uhr in der ARD, - auch Nina Kunzendorf spielt eine Polizistin - geht es um das Quälen von Kindern, um abgrundtiefe Lieblosigkeit, um das Wegsehen, um seelischen und wirklichen Tod der Allerschwächsten. Ein Thema, das eigentlich alle Menschen angeht, dessen psychische Belastungen aber, so zeigen beide Filme auf das Eindrücklichste, bei den Frauen hängen bleiben. Weil sie es sind, denen es unmöglich ist, sich mit professionellem Abstand gegen das Leid zu panzern.

Im Fall der blonden "Tatort"-Kommissarin Charlotte Lindholm (Furtwängler) beschreiben die Autorin Astrid Paprotta und der Regisseur Friedemann Fromm ("Weissensee") mit einer erschreckenden Präzision, wie unaufhaltsam einer nichts ahnenden Frau die Selbstsicherheit entzogen wird. Charlotte ist von ihrem Gefährten und Mitbewohner Martin Felser (Ingo Naujoks) verlassen worden, plötzlich und ohne Aussprache. Die Deutungsarbeit für die Trennung überlässt Martin der Frau. Sie soll sich schuldig fühlen, und - sind Frauen so erzogen? - sie fühlt sich schuldig. Mit der Betreuung ihres Sohns bleibt Lindholm hinfort allein. Das ist der nächste Stein, der ihr aufgeladen wird und der um so schwerer wiegt, als Charlotte Schuldgefühle entwickelt. Ist sie, die Ehrgeizige, nicht eine schlechte Mutter? Vom Kindergarten bis hin zu Lindholms Mutter, die der Tochter den am Kind geleisteten Omadienst vorrechnet, macht ihr niemand das Leben leichter.

Privat vereinsamt

Da hat der Ermittlungsfall, den die Kommissarin zu bearbeiten hat, gerade noch gefehlt. Ein männlich feiger Vorgesetzter, der eine Affäre mit einem Mordopfer vertuschen will, lädt seine Ängste bei Lindholm ab. Was die Kommissarin aufdeckt, führt in immer tiefere Abgründe von mörderischem Kindesmissbrauch. Stets sind es in dieser Geschichte Männer, die Böses anrichten oder vor ihren Gefühlen fliehen.

Diese "Tatort"-Kommissarin, so wollte es die Anlage der Figur bisher, ist alles andere als eine Heulsuse oder Frauenrechtlerin. Sie wollte, wie ihre männlichen Kollegen, Jägerin unter Jägern sein, möglichst noch forscher als die Kerle. Diesmal erlaubt das Drehbuch das nicht - und zwingt die Schauspielerin Furtwängler auf Neuland: auf den Rückweg in eine klassische Frauenfunktion. Zum Muttersein und zu traditionellen Beschützergefühlen aus einer Art Pflichterfüllung heraus.

Wie mit einem Lasso eingefangen, muss Lindholm Sachen tun, die sie für überwunden hielt. Muss voller Schrecken an sich selber und ihr Mutterversagen denken, wenn sie des Kindesmissbrauchs Verdächtige beobachtet. Muss als privat Vereinsamte im Dienst Tränen und Gefühle zulassen, wenn ihr zu Hause keiner mehr zuhört und der Partner auf Selbstverwirklichungstour gegangen ist. Muss immerzu funktionieren. Aber was bleibt ihr anderes übrig, wenn die Welt verrückt geworden ist, wenn Männer jugendliche Schutzbefohlene missbrauchen? Furtwängler führt die innere Resignation mit genauem Gespür für Ambivalenzen vor: mit forschen Tönen, denen die Verzweiflung dahinter anzuhören ist.

Der "Tatort", wenn er erfolgreich bleiben und nicht im Immergleichen versinken will, braucht nicht immer neue Fälle, aber genau solche innere Mobilität einer Figur.

Die Tragödie noch verschärft

Und, bravissimo, drei Tage drauf wird das alles noch getoppt - auf sehr Gutes folgt fast noch Besseres. Aber Kampfrichter gibt es bei dem Thema nicht. Schwarzhaarig, kantig schmal, führt Nina Kunzendorf durch eine ebenso hinreißende, vielleicht noch intensivere, noch genauer beobachtete Geschichte von entgleisendem weiblichen Leben, vom menschlichen Müll, der Kinder als Müll wegwirft. Rainer Kaufmann (Regie) und Ariela Bogenberger (Buch) haben im Vergleich zum Furtwängler-"Tatort" die Tragödie einer vereinsamenden Frau noch verschärft. Wenn die Polizistin Anja (Kunzendorf) auftritt, steckt ihr Leben schon in einer tiefen Krise. Die Scheidung von ihrem Mann (Michael Fitz) droht ihr auch noch die beiden Kinder zu entziehen. Die im Dienst hochbelastete Frau beginnt sich immer mehr als Rabenmutter zu fühlen, der getrennte Partner und die Schwiegereltern tun alles, um der Polizistin die Kinder zu entfremden. Die Aufklärung einer schrecklichen Tötung eines Kindes frisst alle Energie Anjas auf, die sie bräuchte, um Ordnung in ihr auseinanderfallendes Familiengebäude zu bringen.

Die Frau kann nicht mehr. Bevor sie vollends innerlich versteinert, erkennt sie als einzigen Ausweg das Aufbäumen gegen die traditionellen Fesseln. In glänzenden Szenen rechnet sie mit den Hinterhältigkeiten ihrer Mutter (hervorragend: Hildegard Schmahl) ab, weist die Schwiegereltern in die Schranken und tut etwas gegen ihren seelisch bedingten körperlichen Verfall.

Ein Happy End ist das nicht. Aber eine Art Selbstreinigung im Angesicht des Bösen. Kunzendorf hat erklärt, sie habe sich beim Drehen dem Regisseur und den großartigen Kollegen (unter anderen Maximilian Brückner als Polizeipartner, Michael A. Grimm als schrecklichem Vaterklotz, Rita Russek als energischer Ärztin) "einfach hingegeben, der Rest hat sich so von alleine gespielt." So entstehen Sternstunden des Fernsehens.

Blond gegen Schwarz, der Zuschauer ist der Sieger.


"Der letzte Patient" , 31.10., 20.15 ,ARD; "In aller Stille", 3.11., 20.15 Uhr, ARD